Nicht nur Briefkästen im Bauprogramm

Nicht nur Briefkästen im Bauprogramm

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Teaserbild-Quelle: Robert Stadler
Die Baubranche in der Zentralschweiz lebt zwar in einem hohen Mass von öffentlichen Infrastrukturinvestitionen. Doch zurzeit beleben nicht wenige private oder öffentlich/private Grossprojekte im dreistelligen Millionenbereich das Baugeschehen in den Regionen um den Zuger- und Vierwaldstättersee.
 
 
In der Zentralschweiz stehen nicht nur Briefkästen für Briefkastenfirmen auf dem Bauprogramm. Wer von Basel oder Zürich auf der Autobahn Richtung Gotthard fährt, begegnet vor allem um den Vierwaldstättersee zahlreichen Baustellen. Für die unbedarften Zeitgenossen mögen diese ein Ärgernis auf dem Weg in die südlichen Gefilde sein, für die Baubranche, besonders für den Tiefbau, sind sie ganz klar ein Segen. Über 750 Millionen Franken investiert das Bundesamt für Strassen (Astra) in Ausbau und Erneuerung der Autobahnen in der Zentralschweiz, vor allem im Raum Luzern und Zug.
 

Ausbau der Autobahnzufahrten

Der sogenannte Luzerner A2-Cityring von Reussegg-Lochhof im Norden der Stadt bis zum Südportal des Sonnenbergtunnels wird bis 2013 für rund 400 Millionen Franken erneuert sowie mit zeitgemässem Lärm- und Umweltschutz versehen. Etwas weiter nördlich wird bei Buchrain LU für 21,5 Millionen Franken der Anschluss zwischen der A14 im Reusstal und dem parallel dazu verlaufenden Rontal erstellt. Das Projekt dient der Beseitigung von Engpässen in der nördlichen Agglomeration Luzerns und umfasst den Bau eines neuen Vollanschlusses, eines 890 Meter langen Tunnels sowie der 160 Meter langen Rontalbrücke, die unmittelbar an den Tunnel anschliesst.
 
In Zug wird die A4 zwischen den Verzweigungen Blegi im Norden und Rütihof im Süden für rund 200 Millionen Franken verbreitert und erneuert. Mit 65000 Fahrzeugen pro Tag war die Kapazität dieser Strecke erreicht. Infolge des Zustroms aus der vor kurzem eröffneten A4 im Knonaueramt wird die Verkehrszunahme bis 2030 auf täglich 85000 Fahrzeuge geschätzt. Dieses Projekt wird aus dem 2008 eingeführten Infrastrukturfonds finanziert, in welche ein Teil der Erträge der Mineralölsteuer und der Autobahnvignette fliessen.
 

Zentralbahn wird zur U-Bahn

Die Grossinvestitionen in die Infrastruktur beschränken sich jedoch nicht nur auf die Hochleistungsstrassen: 250 Millionen Franken investieren der Bund und die Kantone Luzern, Nidwalden und Obwalden sowie die Stadt Luzern in den Doppelspurausbau und die Eintunnelung der Zentralbahn. Es handelt sich um das grösste Projekt des Agglomerationsprogramms Luzern und wird zur Hälfte aus dem Infrastrukturfond finanziert. Der erste Abschnitt von knapp zwei Kilometer Länge zwischen dem Bahnhof Luzern und Kriens-Mattenhof ist bereit in Bau. Der zweite Abschnitt, ein 500 Meter langer Doppelspurabschnitt in Hergiswil, ist im Moment infrage gestellt, weil gegen das Projekt über 170 Einsprachen eingegangen sind (siehe «baublatt» 15/2010). Zur Zeit werden zwei Alternativvarianten ausgearbeitet.
 

Installationen im Basistunnel

Im Gotthard-Basistunnel auf der Urner Seite schreitet der Ausbau des Abschnitts Erstfeld – Amsteg planmässig voran: In der Oströhre sind 63 Prozent des Innenausbaus abgeschlossen. In der Weströhre wird zurzeit die Innenschale betoniert. Im Tunnelabschnitt Amsteg – Sedrun ist der Innenausbau abgeschlossen und bereit für den Einbau der Bahntechnik. Der Bahntechnikinstallationsplatz am Nordportal bei Erstfeld UR wurde Anfang August dem beauftragten Bahntechnik-Unternehmen übergeben.
 

Grossprojekte beleben den Bau

Glücklicherweise halten auch private Investitionen die Baubranche in der Zentralschweiz in Schwung. An erster Stelle ist dabei das neue Tourismuszentrum des ägyptischen Investors Samih Sawiris in Andermatt UR zu erwähnen: Seit dem Frühsommer sind die ersten Bauarbeiten auf dem ehemaligen Militärgelände in Gang. Sawiris will dieses Jahr rund 60 Millionen Franken im Hauptort des Urserentals investieren. Gebaut wird zurzeit am Fünfsternhotel Chedi, für das der Aushub, die Baugrubenabschlüsse, die Erdsondenbohrungen und ein Teil des Rohbaus realisiert werden. Ausserdem laufen die Bauarbeiten für die Erstellung des Golfplatzes sowie des Podiums, auf welchem ein Teil des Tourismuszentrums stehen wird. Sawiris will nach eigenen Aussagen in den nächsten Jahren über eine Milliarde Franken in Andermatt investieren und ist damit konkurrenzlos der grösste Privatinvestor, nicht nur der Zentralschweiz, sondern des ganzen Landes. Dank diesem Grossprojekt erhält nicht nur die Tourismusbranche in der Gotthardregion neue Impulse, sondern auch die Baubranche, und dies über mehrere Jahre.
 
Auf der Luzerner Allmend sind die Tiefbauarbeiten zur Erstellung eines neuen Stadions, eines Sportgebäudes und zwei Wohnhochhäusern voll in Gang. Das Gesamtinvestitionsvolumen ist mit 250 Millionen Franken veranschlagt, von denen 63,5 Millionen auf das Stadion entfallen. Stadt und Kanton Luzern beteiligen sich mit 22 Millionen Franken am Projekt. Vor gut einem Jahr wurde auf der Luzerner Allmend die neue Messehalle 2 eröffnet. Bis 2013 oder 2014, je nach Fortschritt der Zentralbahn-Eintunnelung, soll das Messezentrum durch eine weitere Halle ergänzt werden.
 
Ebenfalls ein Grossprojekt im dreistelligen Millionenbereich ist in Stans NW in Bau: Die Genossenschaft Migros Luzern erweitert ihr Einkaufzentrum Länderpark bei laufendem Shoppingbetrieb für 130 Millionen Franken. Die Verkaufsfläche wird auf 20000 Quadratmeter verdoppelt (siehe «baublatt» 21/2010). Fast in die selbe Grössenklasse gehört der Bau einer 225 Meter langen und 28 Meter hohen Maschinenhalle in Perlen LU. Die gleichnamige Papierfabrik an der Reuss nordöstlich von Luzern hat 95 Millionen Franken in die Riesenhalle für ihre neuste Papierproduktionslinie investiert. Ab 1. Oktober soll dort die Produktion anlaufen (siehe «baublatt» 28/2010).
 

Mehr Baugesuche eingereicht

Gemäss den Daten des Schweizerischen Baumeisterverbands waren Arbeitsvorrat und Auftragseingang der Bauunternehmungen in den Kantonen Luzern, Zug, Schwyz, Nidwalden, Obwalden und Uri im ersten Quartal dieses Jahres sowohl im Hoch- wie auch im Tiefbau rückläufig. Der gesamte Arbeitsvorrat schrumpfte in den ersten drei Monaten dieses Jahres von 1,9 auf 1,7 Milliarden Franken. Einzig der private Tiefbau wuchs in diesem Zeitraum von 136 auf 164,5 Millionen Franken. Der totale Auftragseingang ging im ersten Quartal 2010 von 708 auf 569 Millionen Franken zurück. Gleichzeitig verzeichneten sowohl der öffentliche Hochbau, als auch der private Tiefbau markante Zunahmen: Der öffentliche Hochbau nahm von zehn auf 42 Millionen zu, der private Tiefbau von 60 auf 90 Millionen.
 
Die Entwicklung der vom «baublatt»-Bauinfo-Center erfassten Baugesuche und Baubewilligungen für das selbe Quartal gibt jedoch, trotz abnehmender Auftragsvolumnia, zur Hoffnung Anlass, denn sie zeigt nach oben: Die Baugesuche haben im Vergleich zum ersten Vorjahresquartal um 5,2 Prozent zugenommen, die erfassten Baubewilligungen um 10,8 Prozent.
 

Verluste wieder wettgemacht

Die Umsätze der zentralschweizer Bauunternehmungen verzeichneten im ersten Quartal 2010 eine Zunahme gegenüber dem selben Zeitraum im Vorjahr: 530 Millionen Franken verglichen mit den 498 Millionen vor Jahresfrist. Sie liegen damit auf dem selben Niveau wie 2008. Der Umsatzeinbruch vom vergangenen Jahr ist also überwunden. Der private Bau hat gegenüber 2009 wieder zugelegt und steht auf dem selben Niveau wie 2008: 355 Millionen Franken gegenüber 308 Millionen im Vorjahr. Dabei hat vor allem der private Wohnungsbau erheblich zugenommen, nämlich von 135 auf 175 Millionen Franken, während der «übrige Hochbau» rückläufig war und von 124 auf 90,9 Millionen Franken zurückging.
 
Der private Tiefbau steht mit 89,8 Millionen Franken gegenüber 48,4 im Vorjahr auf dem Fünfjahreshoch. Der öffentliche Bau ist gegenüber 2009 von 189,7 auf 174 Millionen Franken zurückgegangen. Dieser Rückgang geht hauptsächlich auf das Konto des öffentlichen Tiefbaus, während der öffentliche Hochbau von 9,9 auf 14 Millionen Franken zugenommen hat.
 
Obwohl die Zentralschweiz häufig als Randregion betitelt wird, zeigt die Entwicklung der Baubranche, dass dem nicht so ist: Nicht nur wird von Bund und Kantonen viel Geld in die Verkehrsinfrastrukturen investiert, beispielsweise um die beiden Zentren Luzern und Zug besser ans Strassen- und Bahnnetz anzuschliessen. Diese Entwicklung wird von den Privatinvestoren aufgenommen, welche nicht nur in Wohnbauten an malerischer Lage investieren, sondern auch durchaus in Sportstätten, Messezentren oder grosse Industrieanlagen. Massimo Diana