Nachtschicht im sakralen Industriebau

Nachtschicht im sakralen Industriebau

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Teaserbild-Quelle: zvg
Die Architekten des Büros rd2b limited haben den Bau des Logistikcenters Quali-Night projektiert und umgesetzt. Ihr Rückblick auf das Projekt ist ein Resümee über die Umsetzung von Transparenz, sowohl in konstruktiver als auch in organisatorischer Hinsicht.


Ende 2006 kam der Auftrag zur Erarbeitung eines Vorprojekts für ein neues Logistikcenter. Um sich mit den Anforderungen und den Strukturen von Quali-Night vertraut zu machen, besuchte das Architektenteam den damaligen Betriebsstandort im luzernischen Altishofen. Der angenehme Projekt- und Informationsaustausch mit der Bauherrschaft half, die Funktionsabläufe zu verstehen und in das Projekt zu integrieren.

Gegenüber dem alten Standort musste der Neubau eine Förderanlage zur Betriebsoptimierung beinhalten. Diese Anlage sowie die geforderte Anzahl LKW-Stellplätze, der Betriebsablauf und das Grundstück entlang der A1 bildeten die massgebenden Parameter, um eine adäquate Situation mit entsprechenden Gebäudevolumen zu erarbeiten. Die Ausgangslage, an der Nationalstrasse für ein Nachttransportunternehmen einen Neubau zu planen, sah das Team als Chance, die Aktivität zu später Stunde nach aussen hin sichtbar zu machen. Der Gebäudekörper besteht deshalb aus einer transluzenten Hülle. Je nach Sonneneinstrahlung, Regenintensität oder Wolkensituation erhält der Industriebau ein anderes Erscheinungsbild. Das subtile Spiel mit dem Licht lässt das Gebäude mal starr, mal dynamisch, mal warm, mal kalt erscheinen. Die Dynamik von Quali-Night wird der Umgebung mitgeteilt. Es entsteht ein Dialog zwischen innen und Aussen. Während der Tagesstunden erfährt man im Gebäudeinnern mehr über die Aktivität und Stimmung ausserhalb. In den Nachtstunden wendet sich das Spiel und es ist nur noch etwas über das Gebäudeinnere zu erfahren. Die Fassade wird so zur Theaterbühne für die Akteure.

Die Architekten sehen in diesem Konzept eine «corporate identity» von Quali-Night, die auch bei möglichen weiteren Neubauprojekten zur Anwendung kommen kann.

Das Gebäudeinnere ist auf zwei Warenumschlagsebenen organisiert. Die LKW können das Obergeschoss auf einer vom Gebäude freistehenden dynamischen Rampe erreichen. Im oberen Gebäudeteil ist auch der administrative und operative Bürotrakt angeordnet. Auskragend über dem Wareneingang erhält der Büroteil eine Art Cockpit-Funktion, wo die gesamte Anlage betrieben und überwacht wird. Neben der betrieblichen Funktion war es der Bauherrschaft und den Architekten ein Anliegen, dass die Büroräumlichkeiten sowie die Sozialräume für die Fahrer einen hohen, für ein Industriegebäude edlen Ausbaustandard erhalten. Ein sakraler Charakter mit hohen Räumen, Holzböden, Pendelleuchten und reinen weissen Wänden sollen zu einer gewissen Andacht und Wertschätzung der Räumlichkeiten führen.

Zwischen Warenumschlagsbereich und Empfang/Administration gibt es eine visuelle Verbindung in der Form von zwei gewölbten Glasfronten. Diese «Augen» ermöglichen eine visuelle Kommunikation der beiden Arbeitsbereiche. An der Empfangstheke findet der administrative Austausch zwischen Büroangestellten und Fahrern statt. In Analogie zur Elementbauweise der Gebäudekonstruktion haben wir die Theke in vorfabrizierten Betonelementen mit dazwischen gespannten Fahrzeugplanen entworfen. Anhand der Planen ist erkennbar, welche Unternehmungen an Quali-Night beteiligt sind. Die Betonelemente trennen den grossen hohen Raum in die zwei Bereiche.

Konstruktion: Leichte Tragwerde auf Einzelfundamenten

Durch die Vorgaben der Nutzung sowie der Förderanlage waren die Abmessungen des Gebäudes und deren statische Struktur vorgegeben. Während der Entwicklung der Konstruktion in Zusammenarbeit mit dem Bauingenieur wurde ein System mit vorfabrizierten Betonelementen gewählt. Diese Konstruktionsweise ermöglichte es, das knapp bemessene Bauprogramm einzuhalten, verlangte aber im Gegenzug eine frühzeitige und präzise Planung.

Das Grundstück, eine ehemalige Kiesgrube, erschwerte durch das meist lehmige Füllmaterial den Bauablauf. Aus terminlichen, kostenrelevanten sowie setzungstechnischen Gründen verzichtete man auf eine Tieffundation mittels Pfählung und wählte eine flexiblere Fundation mit Einzel- respektive Streifenfundamenten. Der Baugrund wurde zudem vor und während der Rohbauzeit stabilisiert und vorbelastet. Das Risiko von Setzungen konnte mit dem weit gespannten Rahmentragwerk und der vergleichsweise leichten Fassaden- und Dachkonstruktion minimiert werden.

Das leichte Flachdach, bestehend aus Brettschichtholzträger mit Holzschalung, Wärmedämmung und einem geklebten Nacktdach, ermöglichte zudem eine optimierte Dimensionierung und Formgebung der Stützen, Träger und Fundamente. Die transluzente Polykarbonatfassade wurde aus ästhetischen, preislichen und konstruktiven Überlegungen gewählt. Die Vorzüge des wärmedämmenden und Tageslicht spendenden Fassadenmaterials waren perfekt auf die Bedürfnisse ausgerichtet.

Projektmanagement: Präsenz auf der Baustelle

Das Büro rd2b limited wurde von der Bauherrschaft mit der Planung und der Bauleitung beauftragt. Die Termine der Baueingabe im November 2007, des Baubeginns im April 2008 sowie des Bezugs im Januar 2009 konnten nur durch ein effizientes Kosten- und Terminmanagement eingehalten werden.

Bei Quali-Night waren neben einem Bauleiter auch Architekten in der Funktion von Teilbauleitern vor Ort. Personen mit dem entsprechenden Wissen waren somit immer zugegen, um Massnahmen zu planen und umzusetzen.

Durch die eng gesteckten Terminvorgaben wurden bei der Baustelle Quali-Night Rohbau-, Innenausbau- und Umgebungsarbeiten mehrheitlich gleichzeitig ausgeführt. Der setzungsanfällige Baugrund der aufgeschütteten Kiesgrube und die erschwerten Witterungsbedingungen im Winter haben den Bauablauf beeinflusst. Mit grossem Engagement, einer harten, aber fairen Projektabwicklung konnten die von der Bauherrschaft vorgegebenen Zielvorgaben bezüglich Kosten, Termine und Qualität eingehalten werden. (Marco Heimgartner)