Mittellandkantone wahren ihre Eigenheit

Mittellandkantone wahren ihre Eigenheit

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Teaserbild-Quelle: Virginia Rabitsch
Aargau und Solothurn profitieren von der Nähe der wichtigsten Schweizer Wirtschaftszentren. Gleichzeitig versuchen sie sich deutlich von ihnen abzugrenzen. Die Baubranche kann von einem geschickten Standortmarketing profitieren.
Wirtschaftlich und kulturell sind die beiden Kantone Aargau und Solothurn von ihrer Insellage inmitten der dominierenden Schweizer Metropolen Zürich, Bern und Basel geprägt. Von diesen grenzt sich die eher ländliche, oft als etwas provinziell eingeschätzte Region Aargau-Solothurn klar ab. Sie dient aber gleichzeitig als Transitachse und profitiert damit von der überaus raschen Erreichbarkeit der Wirtschaftszentren. Standortpolitisch positionieren sich die beiden Kantone geschickt als Antithese zur Hektik und gedrängten Dichte der umliegenden Grosszentren; man will hier gar nicht mitmachen und dazugehören, sondern mit den Vorteilen eines weiterhin überschau- und berechenbaren Lebens-, Wohn- und Arbeitsraums punkten. 
 
Diese Positionierung lohnt sich durchaus und schlägt sich in Wirtschaftsleistung wie Standortattraktivität nieder. Beim BIP-Wachstum lagen beide Kantone in den letzten Jahren oft über dem gesamtschweizerischen Durchschnitt: 2008 betrug es beispielsweise im Aargau 2,6 und in Solothurn 2,7 Prozent (Schweiz: 1,6). Im aktuellen Credit-Suisse-Kantonsranking gehören der Aargau mit Rang 6 und Solothurn auf Rang 13 zum starken Mittelfeld, unmittelbar nach den Spitzenreitern Zürich, Zug, Basel und Genf, wobei sich Solothurn seit 2004 um zwei Ränge verbessern konnte. Die Credit Suisse nennt ausdrücklich die gute Verkehrsanbindung sowie eine vorteilhafte Steuer- und Wirtschaftspolitik als Gründe für diese deutlich überdurchschnittliche Positionierung.

Zentrumsgrösse ist nicht alles

Dabei erweist sich ein Standortmarketing, das geschickt mit der Ambivalenz von Zentrumsnähe und Abgrenzung spielt, als durchaus wirksam. Die eher provinzielle Lage wird dabei zum Vorteil. Für das gut verdienende Segment junger Familien aus den Grossstädten ist das gut erschlossene Mittelland hochattraktiv. Dieses wartet mit oft überraschenden landschaftlichen Schönheiten auf, wie dem Jura oder den ausgedehnten Flusslandschaften, jedoch ohne die Nachteile ausgesprochener Tourismusregionen. Weit verstreut liegende, emsige Kleinstädte, selbstverständlich mit S-Bahn und allen Einkaufsmöglichkeiten ausgestattet, sowie die unzähligen Sehenswürdigkeiten wie Burgen, Schlösser und Kirchen machen aus der Gegend eine Art natürliches Wohnparadies, in dem überdies günstiges Bauland reichlich vorhanden ist. Dies alles bewirkt, dass die Bevölkerung, trotz fehlender Grosszentren, namentlich im Aargau stark wächst und sich dabei auch stark verjüngen kann.
 
Dass bombastische Grösse wie in den Metropolen nicht alles ist, wird auch in der Wirtschaftsförderung herausgestrichen. Der Standort wird als überschaubar, das Umfeld als kontrollierbar und überraschungsfrei angepriesen. Eine jahrhundertealte, selbstverständliche liberale Tradition heisst Unternehmen willkommen. Der Aargau rühmt sich einer Staatsquote, die ein Drittel unter dem Schweizer Durchschnitt liegt, Solothurn kann mit den wenigsten Staatsangestellten der Schweiz (16 pro 1000 Einwohner) aufwarten. Die Bevölkerung ist fleissig und gut ausgebildet, der Anteil Einwohner mit höherer Berufsbildung liegt weit über den OECD-Werten. Raum für Unternehmen und Bauland sind reichlich vorhanden, zu Preisen, die im Allgemeinen unter dem Schweizer Durchschnitt liegen. Und eben: Falls man Zentrumsdienste doch einmal braucht, so liegen diese sozusagen vor der Haustür.

Standortmarketing begünstigt auch die Bauwirtschaft

Das Wirtschaftsgeschehen in der Region begünstigt den Bau. Der Aargau ist beschäftigungsmässig der höchst industrialisierte Kanton, beide Standorte beherbergen bedeutende Unternehmen der Präzisions- und Hightech-Sparte. Logistik- und Dienstleistungsunternehmen nutzen zudem gerne die Verkehrsinfrastrukturen, die laufend ausgebaut werden. Die zwei Kantone versorgen das Land zu beträchtlichen Teilen mit Strom, denn vier der insgesamt fünf Kernkraftwerke liegen hier. Dies alles bedeutet seit jeher viel Arbeit für die Baubranche. Gemäss der Statistik des «baublatt»-Bauinfo-Centers lag die Bautätigkeit in beiden Kantonen im vergangenen Jahr meist etwas über dem Durchschnitt der Schweiz (vgl. Grafiken).
 
Die starke Position der Baubranche geht auch aus den Erhebungen des Baumeisterverbands (SBV) hervor. Im Fall des Kantons Aargau schlägt sich allerdings der Zusammenschluss der Firma Zschokke mit Batigroup zur Implenia so nieder, dass ab 2007 keine mit der übrigen Schweiz vergleichbaren Daten mehr vorliegen. Bis 2005 wurden die Zschokke-Auftragsbestände voll dem Aargau zugerechnet. Seit der Fusion werden sie auf die Implenia-Profitcenter verteilt, was einen scheinbaren massiven Abbau ab 2007 im Aargau bewirkt. Betrachtet man die aargauische Datenreihe der Arbeitsvorräte Ende des jeweils zweiten Quartals ab 2007 gesondert, so fällt ein Rückgang um 19 Prozent von 2008 bis 2009 auf. Auch diese recht grosse Veränderung ist ein wenig irreführend, handelt es sich doch vor allem um eine Normalisierung. Tatsächlich hat die Bautätigkeit im Aargau im gleichen Zeitraum leicht zugenommen. Dabei erweist sich vor allem der Tiefbau als Stütze (+7,4 Prozent), während sich im Wohnungs- und Wirtschaftsbau eher Abschwächungstendenzen abzeichnen. Auch im Kanton Solothurn sind die Auftragsbücher weiterhin voll. Im Vergleich zu 2008 ist am Ende des zweiten Quartals 2009 eine Zunahme von 6,8 Prozent festzustellen.
 
Auch hier sind die Zuwächse grösstenteils dem Tiefbau zuzurechnen. Die laufenden Tiefbauprojekte in beiden Kantonen – als Beispiele zu nennen sind insbesondere die Neu- beziehungsweise Erweiterungsbauten bei den Bahnhöfen Aarau und Olten – werden dazu beitragen, dass in der Region auch in den nächsten Quartalen nicht mit einem Einbruch der Bautätigkeit gerechnet werden muss. Durch den Weiterausbau der Verkehrsinfrastrukturen, die vor allem eine verbesserte Verknüpfung von Individual- und öffentlichem Verkehr anstreben, werden die regionalen Zentren gestärkt, was sich wiederum nur positiv auf die lokale Bauwirtschaft auswirken kann. (Paul Batt)