Mit Sonne und Wind überleben

Mit Sonne und Wind überleben

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: zvg
Wird das Haus der Zukunft zum komplexen Kraftwerk mit null CO2-Emissionen? Auf dem Kongress «Wege zum Plusenergiehaus» zeigte der Bund, wie er Anreize fürs Umdenken schafft und Fachreferenten stellten ihre Visionen und Projekte vor. Ein Anlass mit Innovationen und kontroversen Diskussionen.
zvg
Quelle: 
zvg
Blick auf die Deckeneinlage des «zero-emission»-Hauses Projekt B 35 in Zürich: Die Lüftungsrohre (blau und weiss) dienen auch zur Wärmerückgewinnung.
  [[Slideshow]]
«Pro Sekunde wird heute in der Schweiz ein Quadratmeter verbaut, in einem Jahr ist das eine Fläche von 4200 Fussballfeldern», sagt Bruno Oberle, Direktor des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) in seinem Eröffnungsreferat am Kongress «Wege zum Plusenergiehaus.» Er legt dar, welche Auswirkung das Wohnen auf die Umwelt hat. Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person hat innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte um jeweils fünf Quadratmeter zugenommen. Laut der aktuellen Arealstatistik aus dem Jahr 2000 beträgt diese Fläche nun 44 Quadratmeter pro Person. Gründe für diese Zunahme des Platzanspruches sieht Oberle in der gesellschaftlichen Entwicklung hin zu mehr Kleinhaushalten und in den steigenden Komfortansprüchen. Zwar nehmen durch neue Bauweise die Umweltbelastungen ab, die aus dem Energieverbrauch während der Nutzungsdauer eines Gebäudes anfallen. Doch im Gegenzug gewinnt die Belastung beim Bau, Unterhalt und Abbruch an Bedeutung. Daher gehöre dem recyclinggerechten Bauen die Zukunft.
Dank der Mustervorschriften der Kantone wurden bei Neubauten grosse Fortschritte erzielt. So dürfen neue Gebäude nur noch rund halb so viel Wärmeenergie verbrauchen. «Dies entspricht einer Annäherung an die bisherigen Minergie-Anforderungen.» Aus der Sicht von Oberle hat sich folgendes Vorgehen bewährt: «Mittels Anreizen fördern wir die Anwendung effizienterer Technologien. Andererseits heben wir die Mindestanforderungen in Form von SIA-Normen und kantonalen Bauvorschriften im Gleichschritt mit der technischen Entwicklung an.»
 

Gebäudeprogramm des Bundes

«Die Schweiz ist grösstenteils schon gebaut,» sagt Oberle. Daher brauche es energetische Verbesserungen vor allem im Altbau. 60 Prozent der Immobilien in der Schweiz sind älter als 25 Jahre und stammen aus der Zeit vor den Erdölkrisen. Insgesamt müssen 1,5 Millionen Häuser saniert werden. Damit Hauseigentümer damit anfangen, haben Bund und Kantone dieses Jahr das Gebäudeprogramm lanciert. Pro Jahr sollen rund 10 000 Gebäudesanierungen realisiert werden und Gesamtinvestitionen von einer Milliarde Franken auslösen. Man erhofft sich so bis im Jahre 2020, den CO2-Ausstoss des Gebäudeparks um 2,2 Tonnen zu reduzieren. Solche Impulsprogramme begünstigen laut Oberle Entwicklungen und generieren wirtschaftlichen Nutzen. Die Ressourcenschonung müsse aber weiter gehen: «Ziel muss sein, dass künftig Häuser dank erneuerbaren Energien mehr Energie produzieren, als sie selber benötigen», resümiert Oberle.
«Mit natürlichen Ressourcen zu überleben, und dabei Umweltenergien ohne Umweltbelastung zu nutzen, ist ein alter Menschheitstraum», sagt Architekt Reto Miloni in seinem Vortrag. Er gibt zu bedenken, dass selbst Minergie-Bauten noch zu viel Energie verbrauchen. Auch das Passivhaus emittiert noch CO2 in die Atmosphäre. Daher fordert er rohstoffeffiziente Architekturlösungen: Die Gebäude sollen zu Kraftwerken werden. So verfügt das Plusenergiehaus über eine hundertprozentige Energieversorgung und ist im Betrieb komplett emissionsfrei.
Ein Beispiel für ein «zero-emission»-Haus, sprich ein Haus, das kein CO2 emittiert, liefert Hansjürg Leibundgut, Professor für Gebäudetechnik an der ETH Zürich. In seinem Haus, dem Projekt B35, integrierte er über zehn neue Technologien, die zwischen 2006 und 2010 zur Marktreife entwickelt worden sind. Der koordinierte Zusammenbau ergibt ein stabiles technisches System, das mit Solar- und Windstrom betrieben wird. Die Gesamtkosten des B35 enthalten die Investition in die benötigten externen Solar- und Windkraftanlagen für eine Jahresproduktion von 20 000 kWh. Damit kann der gesamte Energiebedarf gedeckt werden. Die Mehrkosten für das Haus betragen dabei im Vergleich zu einem Gebäude nach heutigen gesetzlichen Vorschriften gegen 250 Franken pro Quadratmeter Wohnfläche.
 

Erbsenzählen bei Kilowattstunden

Die Photovoltaikanlagen von Leibundguts Haus B35 stehen in Südspanien, die Windkraftwerke sind im Jura platziert. In der künftigen Stromversorgung für Europa müssen Wind- und Solarkraftwerke grossflächig an guten Produktionsstandorten verteilt sein. Dadurch werden kurzfristige Produktionsschwankungen und Prognosefehler drastisch reduziert. Damit kann die täglich geerntete Energiemenge als nahezu konstant angenommen werden. Das Energiemanagement sorgt dafür, dass der Elektrizitätsbezug des B35 im Tagesgang an die Produktion angepasst wird.
In seinem Referat geht Leibundgut auf die 2-Zonen-Erdwärmesonde ein. Diese soll unter seinem beinahe fertiggestellten Haus in zwei unterschiedlichen Tiefen operieren. Der kurze Teil der Sonde reicht bis etwa 150 Meter ins Erdreich, wo die Temperatur 12 Grad beträgt. Der tiefere Teil liegt auf 300 Meter bei 17 Grad. Im Heizfall wird die tiefe Erdwärmesonde verwendet. Im Kühlfall hingegen ist man an der Kälte aus den oberen Erdschichten interessiert und aktiviert die kürzere Sonde. Durch die Möglichkeit des Umschaltens zwischen kurzer und langer Erdsonde werde eine ideale Bewirtschaftung des Erdreichs ermöglicht, so Leibundgut. Auf dem Dach des B35 sind Hybridkollektoren installiert. Diese erzeugen sowohl Strom als auch Wärme. Letztere kann via Erdsonde in der Erde gespeichert, oder etwa zur Erwärmung des Warmwassers genutzt werden. Nach dem Vortrag von Leibundgut legte Architekt Ueli Schäfer seine Sicht auf das Plusenergiehaus dar. «Die Technik ist zwar Voraussetzung. Sie muss passen, sparsam sein und als Ganzes überzeugen. Aber Technik allein kann nur ein paar Angefressene betören,» sagte Schäfer. «Sie muss dieses Erbsenzählerische verlieren. Hier ein paar Kilowattstunden, dort ein kluges Steuergerät.» Er gibt zu bedenken, dass Technik für alle interessant und nutzbar sein sollte, damit ein Umdenken bei den Bauherren stattfindet. Schäfer erinnerte an die barocke Architektur und wie man im 18. Jahrhundert anfing, lichtdurchflutete Häuser zu bauen. «Wenn man heute Kollektoren zur Wärme- und Stromerzeugung an die Häuser schraubt, arbeitet man auch mit Licht. Aber es wird degradiert, indem man es gleich in Strom und Wärme umwandelt, anstatt es fliessen zu lassen, dass es die Augen und Sinne erfreut. Die Naturgesetze sorgen schon dafür, dass Licht in der Wärme endet, die wir in diesem Klima brauchen.»
Seine bautechnische Lösung, um wieder zur 2000-Watt-Gesellschaft zu werden, welche die Schweiz 1960 noch war, stellt er sich wie folgt vor: Als Heizung schlägt er ein mobiles Bioethanol-Notheizgerät vor, das nur thermische Lücken füllt. Kleinste Wärmepumpen in den Lüftungsgeräten erwärmen das Brauchwasser und, wenn im Winter noch etwas übrig bleibt, die Zuluft. Dreifach verglaste Fenster sollen gegen Süden ausgerichtet werden und keinesfalls von Balkonen und Dachvorsprüngen Schatten erhalten. Im konstruktiven Konzept sieht er ein tragendes Skelett vor, mit leichten Aussenwänden mit grossen, strategisch platzierten Lochfenstern. Schäfer meint zum Schluss seines Vortrags: «Es genügt, wenn ein Haus ein Haus ist. Es muss kein Kraftwerk sein.» Die Vorträge von Leibundgut und Schäfer, die beide extreme Konzepte darstellen, das eine in seiner technischen Komplexität, das andere in seiner Schlichtheit, wurden an der anschliessenden Podiumsdiskussion kontrovers besprochen.
Urs-Peter Menti, Professor für Technik und Architektur an der Hochschule Luzern, zieht aus seiner Analyse zum Plusenergiehaus die Synthese der vorangegangen Vorträgen: «Die Symbiose von Architektur und Gebäudetechnik ist von grosser Bedeutung. Ein intelligentes Gesamtkonzept ist meist wesentlicher als der Einsatz der effizientesten Geräte.»
Von Michael Hunziker
 

Nachgefragt bei Konstatin Brander

Was war Ihnen bei der Zusammenstellung des diesjährigen Programms wichtig?
Wir wollten mit nationalen und internationalen Top-Referenten neue Wege im energieeffizienten Bauen und Sanieren aufzeigen. Neuste Entwicklungen wie das Plusenergiehaus wurden von und mit Fachleuten präsentiert und intensiv diskutiert. Bewusst kamen Fachleute mit unterschiedlichen Hintergründen und Visionen zu Wort. Dadurch wurde ein spannender Mix erzielt, der zu neuen Diskussionen und Denkweisen anregt und technische Innovationen ermöglicht.
 
Welches Fazit ziehen Sie aus dem Kongress?
Das 16. Herbstseminar hat mit 270 interessierten Fachleuten einen erfolgreichen Start zur 9. Schweizer Hausbau- und Energie-Messe gelegt. Im Kongressprogramm wurden an den folgenden Tagen 50 weitere Veranstaltungen geboten. Dieses breite Angebot wurde von Fachleuten und Privaten intensiv genutzt, rund 2000 Personen nahmen daran teil. Die positiven Feedbacks zeigen, dass die Kombination von Ausstellung und Kongress mit aktuellen Themen wie Holzbau, erneuerbare Energien, Sanierung, LED und Immobilien-Management einen hohen Nutzen für die Besucher bietet.
 
Welches Thema erwartet uns nächstes Jahr?
Die laufende Auswertung der Messe 2010 wird uns interessante Hinweise für die künftige Ausrichtung geben. Grundsätzlich halten wir an unseren Kernthemen: Energieeffizienz, moderner Holzbau und erneuerbare Energien fest und werden diese weiter ausbauen und mit aktuellsten Entwicklungen ergänzen. Im Bereich der Solarenergie, insbesondere Photovoltaik, sehen wir einen dynamischen Prozess: Kostenentwicklung, Integration in Gebäude und Fassade, Speicher und so weiter, sind bestimmt Themen, welche die kommende Messe vom 24. bis 27. November 2011 in Bern prägen werden. (mh)