Mit ausgeklügelter Technik zum begehrten Kaviar

Mit ausgeklügelter Technik zum begehrten Kaviar

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: zvg
Das Gewächshaus ist aufgestellt, der Humus geliefert, das Betriebsgebäude sowie ein Teil der Fischbecken sind im Rohbau beinahe fertig. Ende November soll die Eröffnung sein.
 
 
Auf einer ehemaligen Wiese am Rand von Frutigen entsteht ein weiteres Tropenhaus in der Schweiz (siehe «kurz notiert»). In einer Aquakultur werden in Frutigen unter anderem Sibirische Störe für die Produktion von Kaviar gezüchtet, in einem Gewächshaus tropische Früchte geerntet. Kommerzielle Zwecke sind jedoch nur die eine Seite: Das Tropenhaus soll auch zum Anziehungspunkt für Touristen werden. Damit dies gelingen kann, hat man sich einiges einfallen lassen. Für das leibliche Wohl sorgt ein besonderes gastronomisches Konzept, für den «Kopf» eine Ausstellung zu verschiedenen Themen und ein speziell inszenierter Rundgang durch die Anlage verspricht Erlebnisse für die Sinne.

Bald beginnt der Plantagenbetrieb

Ein Glasbau funkelt in der heissen Mittagssonne. Es ist das Gewächshaus, in dem grosse Haufen von Humus lagern. Auf einem Teil der Fläche ist er bereits 40 Zentimeter hoch aufgetragen. Die Auspflanzung tropischer Gewächse (Papaya, Mango und Guaven) und damit der Plantagenbetrieb sollen so schnell wie möglich beginnen. Die Höhe reicht für kleinere Bäume und Sträucher: 4,80 Meter sind es bis zur Dachkante, bis zum Giebel nochmals 2,50 Meter. Ein Besuch bei den tropischen Pflanzen gehört zum Rundgang; und nicht nur für die Kinder dürfte der «Fischstreichelzoo», der dort eingerichtet werden soll, attraktiv sein.
 
«Das Gewächshaus ist ein fertiges System mit Einfachverglasung und computergesteuerter Technik und wurde vom Hersteller aufgestellt. Hier gab es für uns Architektinnen eher wenig Gestaltungsmöglichkeiten», sagt Antje Hellwig. Sie betreut zusammen mit Corinne Itten von Gauer Itten Messerli, Architekten und Planer in Bern, den Gewinnern des Architekturwettbewerbs (2006), das Projekt betreut.

Separate Klimazone Restaurant

Als separate Klimazone ist das Restaurant für rund 200 Gäste mit allen Nebenräumen im Gewächshaus integriert. In diesem Glasbau wird es sofort merklich kühler: Das sei die spezielle Isolierverglasung, erklärt die Architektin. Vom Restaurant aus wird man auf die ein bis zwei Meter tiefen Speicherbecken zwischen Restaurant und Betriebsgebäude blicken können. Sie sind noch nicht ausgehoben und betoniert. Da noch kein Wasser zirkuliert, ist auch noch nichts von dem Wasserfall zu sehen, der, durch ein Kleinwasserkraftwerk angetrieben, aus dem gegenüberliegenden Betriebsgebäude treten wird.
 
[[Infobox]]Diese Speicherbecken – hier leben keine Fische – spielen im Kreislauf des Wassers mit seinen verschiedenen, sich immer weiter abkühlenden Temperaturen eine wichtige Rolle. Das Wasser aus dem Berg, aus dem Lötschbergbasistunnel, ist mit 20 Grad zu warm, um direkt in die Kander eingeleitet zu werden; die dort lebenden, geschützten Seeforellen sind temperaturempfindlich. Anstatt das Wasser ohne weitere Nutzung einfach abzukühlen, hatte man die Idee, die bis dahin nicht verwertbare Energie für das Tropenhaus und seine Fischzucht zu nutzen. Sibirische Störe und andere Arten lieben die Wärme. Pro Sekunde verlassen rund 100 Liter Wasser den Berg; erst wenn es durch den Kreislauf des Tropenhauses auf acht bis zehn Grad abgekühlt ist, wird es durch einen momentan noch nicht angelegten Bach in die Engstlinge geleitet und darf von dort anschliessend in die Kander fliessen.

Küche im Rohbau

Von einem Teil des Restaurants aus kann man bei geöffneter Schiebetüre den Köchen bei ihrer Arbeit zusehen; für spezielle Events lassen sich insgesamt drei jeweils über fünf Meter breite Glaswände zur tropischen Pflanzenhalle hin öffnen. Vom Restaurant und der dazu gehörenden Terrasse aus sind schon jetzt die grossen Fischbecken sichtbar. Sie sind als Rundstrombecken mit einer Länge von 25 Metern konzipiert, um die Fische in Bewegung zu halten. Die Ecken der Becken sind rund, um Verletzungen bei den Tieren zu vermeiden. Das Bruthaus befindet sich ebenfalls im Gewächshaus und wird den Besuchern später vielseitige Einblicke in die Fischaufzucht bieten. Die Jungfische werden später in kleinere grüne Plastikbecken gesetzt, die schon auf dem Gelände gestapelt sind. Hinter den Fischbassins sind Baggerarbeiten für einen Damm im Gang, der als Hochwasserschutz dient.
 
Gregor Bandi, Baustellenprojektleiter bei Hansruedi Marti, Architekt, Frutigen, beschreibt die Bauphasenplanung wegen der vielen Schnittstellen zwischen den verschiedenen Fachbereichen als grosse Herausforderung. «Bei diesem Projekt muss man gut überlegen, was man zuerst macht. Das fordert ein vernetztes Denken.» Herausfordernd sei die Kombination von Gewächshaus und dem hohen Anspruch des Gastrobereichs. Die ganze Anlage ist für ihn ein bauliches «Highlight», weil sich hier verschiedenste Funktionen, versammelt in einem Projekt finden liessen. «Auch in der Fischzucht hatten wir wenig Kenntnisse. Das war eine ganz neue Erfahrung.» – «Das Besondere hier ist, dass wir ein dickes Paket an Leitungen haben, eben weil sehr viel Technik vorhanden ist.» Die technische Anlage befindet sich im Untergeschoss des Betriebsgebäudes.
 
Auch dieser Baustelle machte der lange Winter hin und wieder einen Strich durch die Rechnung. «Aber wir haben die Zeit aufgeholt. In der Regel haben 20 bis 40 Mann auf der Baustelle gearbeitet, wenn nötig waren es aber auch einmal 30 bis 50 Leute. Ich gehe davon aus, dass wir den Eröffnungstermin im November werden einhalten können», so Bandi.

Speziell entworfene Fassade

Das im Rohbau bereits fast fertiggestellte Betriebsgebäude mit interessanten Raumabfolgen und präzise gesetzten Öffnungen schafft eindrucksvolle Ausblicke auf die umliegenden Berggipfel. Auf dem Flachdach wird später eine eine Fotovoltaikanlage als Teil des Energiekonzepts aufgestellt. In Kürze beginnt der Innenausbau und im Juli wurden die Fassadenelemente auf das 9,50 Meter hohe Gebäude montiert.
 
Es sind anthrazitgraue Fertigelemente aus Beton – jeweils 3,45 Meter breit und teilweise rund sieben Tonnen schwer. Die speziell angefertigten Schalungen sind bis zu sieben Meter lang. In der Planungsphase wurden für die Oberfläche verschiedene Mischungen ausprobiert und bemustert. «Die reliefartige Fassade thematisiert die Rauheit und Stärke der Bergwelt; sie stellt die Verbindung her zwischen dem komplexen Projekt und seiner Umgebung», erklärt Antje Hellwig.

Wichtige Stationen des Besucherrundgangs

Um Besucherkonzentrationen an bestimmten Punkten zu vermeiden und das meditative Ambiente nicht zu stören, werde dem logischen Ablauf des Besucherrundgangs besondere Aufmerksamkeit geschenkt, sagte Daniel Messerli, Architekt bei Gauer Itten Messerli, kurz bevor die Bauarbeiten begannen. Eine Station auf dem Rundgang ist beispielsweise der Gastrobereich, der in den Gewächshäusern angesiedelt ist und an die Wasserbecken grenzt. Das Restaurant weitet sich seitlich zu einer Esplanade neben dem Besucherzentrum auf. Neben Aussensitzplätzen und der Kaviar-Lounge kann ein Holzdeck für Veranstaltungen genutzt werden. «Spannend ist, das Kommerzielle gleichsam in eine Lücke zu schieben», beschreibt Messerli die gestalterischen Herausforderungen. Es stelle sich immer die Frage, was technisch machbar sei und was man in adäquater Architektur nachvollziehbar machen könne. Das sei jedoch eine Gratwanderung, denn es dürfe nicht plakativ oder kitschig werden. Für den Architekten jedenfalls war bei diesem Projekt «viel Kreativität gefragt, weil es kaum entsprechende Modelle gibt», an denen man sich hätte orientieren können. «Aber das machte seinen besonderen Reiz aus», meinte Messerli.
 
«Raue Berglandschaft – verletzliche Natur» ist nur eines von vielen möglichen Gegensatzpaaren, mit denen sich in diesem Projekt spielen lässt. Viel Glas ermöglicht Transparenz und einen offenen Blick auf die Landschaft so wie auch die Fassade das Raue und Rohe der Bergwelt widerspiegelt. Auch die Umgebung des Tropenhauses wird nach Aussagen des Architekten attraktiv und naturnah gestaltet werden.
 
Die Besucher werden dann beurteilen müssen, ob es gelungen ist, «den Spannungsbogen zwischen dem Technisch-Ingenieurlastigen und dem Erlebnisorientierten zu finden und die architektonische Qualität für die einzelnen Gebäude aufrechtzuerhalten».
 

BETEILIGTE

- Bauherr: Tropenhaus Frutigen AG (Coop, BKW FMB Energie AG)
- Vermessung, Vermarchung, Terrainaufnahmen: Häberli + Toneatti AG, Grundbuchgeometer, Spiez BE
- Baugrunduntersuchungen, Aushubbegleitung: Geotest AG, Zollikofen BE
- ARGE Tropenhaus, c/o Ghelma AG Baubetriebe, Meiringen BE: Baustelleneinrichtung; Erdbau, Werkleitungen, Kanalisation, Baustelleninstallation; Baumeisterarbeiten Hochbau, Fischzuchtbecken
- Kanalisationen: Paul Ryter AG, Haustechnik, Frutigen BE
- Gewächshaus, inkl. Installationen: Gysi+ Berglas AG, Baar ZG
- Lüthi-Aufzüge AG, Leimiswil BE
- Architekt: Gauer Itten Messerli Architekten & Planer, Bern
- Bauleitung: Hansruedi Marti, Architekt HTL/SIA, NDS ETH, Frutigen BE
- Bauingenieur: Emch + Berger AG, Ingenieure und Planer, Bern
- Elektroingenieur: BKW isp AG, Spiez BE
- HLKK- Ingenieur: Jobst Willers Engineering AG, Bern
- Sanitäringenieur: Bruno Gallusser, Ingenieurbüro GmbH, St. Gallen
- Fischtechnikplaner: Bruno Gallusser, Ingenieurbüro GmbH, St. Gallen
- Fassadenplaner: feroplan engineering ag, BernBauphysiker, Akustiker: Gartenmann Engineering AG, Bern
- Gewächshausplaner: Gysi+Berglas AG, Baar
- Beleuchtungsplaner: Vogt & Partner, Winterthur
- Baugespann: Duna Bauprofile GmbH, Thun