Mehr als ein Steuer-und Tourismusparadies

Mehr als ein Steuer-und Tourismusparadies

Gefäss: 
Die Zentralschweizer Kantone werden oft allein als Tourismusregionen oder Steuerparadiese wahrgenommen. Dies blendet ihr wahres wirtschaftliches Potenzial aus. Dabei liegt um den Vierwaldstättersee die dynamischste Hochbauregion der Schweiz; auch im Tiefbau sind die Arbeitsvorräte höher als in der übrigen Schweiz.
 
Die Kantone Uri, Schwyz, Unterwalden, Obwalden, Zug und Luzern bilden eine der sieben Grossregionen der Schweiz, die das Bundesamt für Statistik im Einklang mit einschlägigen EU-Normen definiert hat1. Es ist allerdings unübersehbar, dass die lokale Politik die Gegend um den Vierwaldstädtersee noch nicht im gleichen Mass als einheitlichen Wirtschaftsstandort im globalen Wettbewerb begreift, wie dies etwa um Zürich und Basel oder am Genfersee geschieht.

Hohes wirtschaftliches Potenzial

Es wird jedoch versucht, dies zu ändern. Die Zentralschweizer Regierungskonferenz (ZRK) möchte in regionaler Zusammenarbeit eine einheitliche Standort- und Wirtschaftsförderung etablieren. Dabei sollen nicht nur der Tourismus und die Vorzüge von steuergünstigen Wohnlagen in den Vordergrund gestellt werden, sondern vor allem auch das hohe Mass an Innovationskraft, die hauptsächlich von der Vielzahl hochmoderner KMU-Betriebe ausgeht.
 
Wirtschaftliches Potenzial ist ebenfalls in hohem Masse vorhanden. Die Zentralschweizer Bevölkerung ist fleissig und gut ausgebildet, die Erwerbsquote liegt mit 57,1 Prozent kaum unter dem Schweizer Durchschnitt, und die Arbeitslosigkeit ist regelmässig tiefer als dieser, auch in Krisenzeiten. Von 1990 bis 2007 lag das langfristige Trendwachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) über demjenigen der Gesamtschweiz2. Dem Wirtschaftsatlas der Kantone des Konjunkturforschungsinstituts Bakbasel3 kann zudem entnommen werden, dass über den Zeitraum von 2000 bis 2008 mit Zug, Schwyz und Nidwalden gleich drei Innerschweizer Kantone direkt hinter dem schweizweit wachstumsstärksten Kanton BaselStadt rangierten.
 
Auch wenn die ländliche Gegend naturgemäss die Dynamik der führenden Schweizer Metropolitan- und Industrieregionen nicht erreichen kann, muss dies für die unmittelbare Zukunft kein schlechtes Omen sein. Die ökonomische Vielfalt der Zentralschweiz könnte manche Folgen der aktuellen Wirtschaftskrise ausgleichen. Zu den Stärken als Wohnstandort im Steuerwettbewerb kommen die positiven Entwicklungen im Tourismus mit dem Grossprojekt Andermatt, die Fokussierung der regionalen KMU-Industrien auf innovative Hightech- und Nischenprodukte sowie die traditionell geschickte Ausnutzung der Nord-Süd-Verkehrsachse für hocheffiziente Logistik-Dienstleistungen.

Stärkste Hochbauregion

Für den Bau von besonderer Bedeutung ist die Bevölkerungsentwicklung. Seit 1990 steigen die Einwohnerzahlen in der Zentralschweiz rascher an als in den anderen Grossregionen, was direkt dem Wohnungsbau zugute kommt. Die einmalige Kombination von hochattraktiven Landschaften, steuergünstigen Bedingungen und optimaler Nähe zur Metropole Zürich wirkten sich zuerst in den nördlichen Teilen von Schwyz und Luzern sowie in Zug aus; infolge der damit steigenden Bodenpreise erstrecken sich Zuwanderung und Wohnungsbau vermehrt auch auf Ob- und Nidwalden.
 
Auch Uri, das wie viele Berggebiete unter Abwanderung leidet, erfährt durch das Andermatter Grossprojekt eine willkommene bauwirtschaftliche Belebung. Die Hochbauprognose 2008–2014 von Bakbasel bezeichnet die Zentralschweiz insgesamt gar als dynamischste Hochbauregion der Schweiz. Die Zählungen von Baugesuchen, Bewilligungen und Submissionen des «baublatt»-Bauinfo-Center widersprechen dem zumindest nicht; insbesondere fällt auf, dass die Baunachfrage in der Region Zentralschweiz in den letzten zwölf Monaten nie unter die gesamtschweizerische Entwicklung gefallen ist.

Hohe Arbeitsvorräte im Tiefbau

Auch die Statistiken des Schweizerischen Baumeisterverbandes (SBV) weisen darauf hin, dass sich die Bauinvestitionen weiterhin dynamisch entwickeln. Im ersten Quartal 2009 beliefen sich die Arbeitsvorräte in der Zentralschweiz auf rund 1900 Millionen Franken, in etwa die gleiche Summe wie in den beiden Vorjahren. Der Tiefbau ist für die Zentralschweiz von besonderer Bedeutung. Mit einem Anteil von 63 Prozent an den Arbeitsvorräten liegt er leicht über dem gesamtschweizerischen Durchschnitt von 59 Prozent.
 
Dies lässt sich durch die geografischen Gegebenheiten und den Nachholbedarf beim Ausbau der Verkehrsverbindungen in der Region erklären. Zudem liegt eine Vielzahl ausführungsreifer oder schon im Bau befindlicher Infrastrukturprojekte von nationaler Bedeutung auf dem Gebiet der Zentralschweiz: etwa die A2-Gesamterneuerung «Cityring Luzern», der A4-Sechsspurausbau bei Zug oder die Projekte A2-Lärmschutz Stans-stad und A4 Neue Axenstrasse. Der Tiefbahnhof Luzern, der laut ersten Grobschätzungen Investitionen in Höhe von deutlich mehr als einer Milliarde Franken auslösen würde, könnte für zusätzliche Wachstumsimpulse sorgen.
 
Der vorwiegend ländliche Charakter, aber auch die sehr unterschiedlichen Gegebenheiten in den Kantonen der Region spiegeln sich in der Rolle des Wirtschaftsbaus wider. Dieser war im ersten Quartal in Schwyz nur für elf Prozent der gesamten Bauinvestitionen verantwortlich (Schweiz: rund 20 Prozent). In den Bergkantonen Uri, Obwalden und Nidwalden war seine Bedeutung noch geringer. In den urbaneren Kantonen Luzern und Zug leistet der Wirtschaftsbau aber mit 35 beziehungsweise 41 Prozent sogar einen überdurchschnittlichen Beitrag zu den Bauinvestitionen.
 
Aufgrund des Bevölkerungswachstums kann im Wohnungsbau von einem wahren Boom gesprochen werden. Allein im Kanton Schwyz haben sich die Jahresumsätze zwischen 2006 und 2008 um 37 Prozent erhöht, in Zug waren es im gleichen Zeitraum 22 Prozent. Auch für den Kanton Luzern sind konstant hohe Investitionen im Wohnungsbau zu verzeichnen. Die hohen Arbeitsvorräte lassen erahnen, dass die Dynamik dieser Bausparte noch während des gesamten Jahres 2009 anhalten wird.