Lofts auf dem Land

Lofts auf dem Land

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In der traditionsreichen Ziegelei von Corbières (FR) entstehen rund 30 Lofts. Die Initianten des Projekts, die Architekten Lecouturier & Pichon, haben das Potenzial dieses stattlichen Gebäudes, das zu den schützenswerten Industriekulturgütern des Kantons Freiburg zählt, auf den ersten Blick erkannt.
 
Der Greyerzersee mit der Insel Ogoz, grüne Hügel so weit das Auge reicht, Freiburger Bauernhäuser – das Dorf Corbières zwischen Bulle und Freiburg gleicht einem Postkartenidyll. Mitten im Dorf steht ein gewaltiges Gebäude, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der ganze Stolz der Region war: die Ziegelei. Sie wurde 1924 von Ernest Gasser direkt neben dem weitläufigen Gelände, das die Erde zum Brennen der Ziegel lieferte, errichtet. Nach einem Brand im Jahre 1945 wurde sie umgebaut. Damals entstand das aussergewöhnliche dreistufige Dachtragwerk aus Holz.
 
In den vielen Werk- und Lagerhallen auf den verschiedenen Stockwerken waren einst zahlreiche Arbeiter mit der Herstellung von Ziegeln beschäftigt. 1974 wurde der Betrieb eingestellt und die Ziegelei stand mit Ausnahme von einigen vermieteten Lagerräumen im Erdgeschoss leer. Christophe Gasser, der die Ziegelei gemeinsam mit seinem Bruder besass, wollte, dass das Familienerbe wieder zu neuem Leben erwacht, und schrieb das Gebäude zum Verkauf aus. So entdeckte schliesslich der Architekt Jean-François Lecouturier aus Nyon das Objekt. «Ein ehemaliges Fabrikgebäude wie dieses in Lofts zu verwandeln, davon träumt wohl jeder Architekt. Weil man den Geist dieser Gebäude spüren kann. Ich habe jahrelang auf so eine Gelegenheit gewartet», gesteht er. Lecouturier und sein Teilhaber Jacques Pichon begannen mit der Ausarbeitung eines Projekts, das bei den politischen Akteuren der Region schnell grossen Anklang fand.

Minimale Eingriffe an der Hülle

Das Projekt trägt den Namen «Les Lofts Rouges» (Die roten Lofts) in Anlehnung an den karminroten Stein, der die als schützenswert eingestufte Aussenfassade des majestätischen Baus prägt. Der Denkmalschutz liess nur minimale Änderungen an der Gebäudehülle zu. Bewilligt wurden aber eine Stahlstruktur auf der West- und Südseite, damit alle Lofts über einen Balkon verfügen, sowie die Vergrösserung einiger Öffnungen. Das Architekturbüro plant auf vier Stockwerken 28 moderne Lofts mit offenen und modulierbaren Räumen und einer Fläche von je 150 bis 250 Quadratmetern. Pro Stockwerk entstehen acht Lofts, die alle ost-west-orientiert sind und so von den insgesamt 203 Fenstern des Gebäudes profitieren können. Der grösste Teil der obersten Dachflächen wird verglast, der Rest wird mit einer Solaranlage ausgerüstet. Die grosszügige Verglasung versorgt nicht nur die Lofts des obersten Stockwerks, sondern auch die vier Aufzugsschächte und Treppenhäuser, die als Lichtschächte dienen, mit Tageslicht. Dadurch wird eine starke Transparenz bis ins Innerste der Lofts erreicht, da zu den Lichtschächten hin Öffnungen mit sandgestrahltem Glas vorgesehen sind. Die Gesamtinvestition beläuft sich auf rund 17 Millionen Franken.

Fassade im Inventar der Kulturgüter von regionaler Bedeutung

Die Fassaden müssen als schützenswertes Objekt unverändert erhalten bleiben. Sie sind sehr leicht gebaut und nicht tragend. «Das entspricht den baulichen Anforderungen der damaligen Zeit. 15 Zentimeter dicke Backsteinmauern trugen das ganze Gebäude mitsamt den Ziegelsteinen, die in den oberen Etagen zum Trocknen gelagert wurden», erklärt Lecouturier. «Wir können uns also aus statischen Gründen nicht auf die Fassade stützen. Sie darf nicht belastet werden und muss gleichzeitig unterstützt werden, damit sie keinen Schaden nimmt. Der Neubau entsteht deshalb innerhalb der Gebäudehülle», ergänzt Pichon.
 
Die Fassaden verfügen aber doch auf der ganzen Länge über Stützen in mehr oder weniger regelmässigen Abständen. «Damit wir das Gebäude ohne Einsturzgefahr aushöhlen können, verbinden wir in einem ersten Schritt diese Stützen mit tragenden Mauern. Erst danach ziehen wir die Böden und Decken für die einzelnen Stockwerke ein», erklärt Ilias Frangoulis vom zuständigen Ingenieurbüro FB Ingénieurs. Diese Bauetappe ist anspruchsvoll, da der Zugang zum Gebäudeinnern auf die zwei Eingangstore beschränkt ist. Deshalb kommen Systemdecken und Systemwände zum Einsatz. Das Dach wird abmontiert, damit die vorfabrizierten Elemente, die gleichzeitig die inneren Tragelemente bilden, mit Kranen eingeführt werden können. Um statische Probleme zu verhindern, wird diese Bauphase in Etappen durchgeführt. Eine weitere Herausforderung bei der Renovierung: Die Auflager der neuen Tragkonstruktion werden über die bestehenden Binder und Trägerelemente geführt, die später keine statische Funktion mehr haben. Die Fassade brachte auch Einschränkungen für die Installation der technischen Anlagen mit sich. «Da wir mit Unterfangungen neben den Aussenmauern auf Probleme stossen könnten, bauen wir ein System für die gesamte Technik, das weder unter den sonst zu niedrigen Decken noch neben den Fassaden durchführt. Ein unterirdischer zentraler Technikschacht für sämtliche Installationen unterquert das gesamte Gebäude der Länge nach und verbindet die vier Treppenhäuser», erläutert Pichon.
Das Projekt trägt auch dem Umweltschutz Rechnung. Es kommt eine Pellet-Heizung zum Einsatz. Sonnenkollektoren auf der obersten Dachfläche decken einen Grossteil des Warmwasserbedarfs ab. Als Dämmstoff wird Mineralwolle oder Hanf eingesetzt. (Emilie Veillon)
 

Nachgefragt bei Claude Castella

Claude Castella leitet das Amt für Kulturgüter des Kantons Freiburg
 
Was ist das Besondere an der Architektur der Ziegelei?
Claude Castella: Charakteristisch sind vor allem die Fassade aus Sichtbackstein und die für ein Industriegebäude der damaligen Zeit typische Dachform. Die oberste Dachebene bringt Licht und Luft bis ins Zentrum des Gebäudes, das eine relativ grosse Tiefe aufweist.
 
Kommt dieser Gebäudetyp im Kanton eher selten vor?
Im Kanton Freiburg war die industrielle Entwicklung am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht so ausgeprägt wie in anderen Kantonen. Industriekulturgüter finden erst seit eher kurzer Zeit Beachtung. Man ist sich heute bewusst, dass sie wichtige Fixpunkte im Stadtbild und Zeugen der Industriegeschichte sind, die leider noch zu oft zerstört werden. Da sie in unserem Kanton ziemlich selten sind, ist ihre historische Bedeutung umso grösser.
 
Was halten Sie von der geplanten Umnutzung als Wohnhaus?
Ich finde das eine gute Lösung. Für den Erhalt von Bauten, die nicht mehr ihrem ursprünglichen Zweck dienen, ist eine Nutzungsänderung unumgänglich. In diesem speziellen Fall wird auch mit der neuen Nutzung der Charakter des Baus erhalten. Das Loft-Projekt in der Fabrik von Corbières ist eine der ersten vollständigen Zweckänderungen bei diesem Gebäudetyp im Kanton Freiburg. In der Stadt Freiburg wurde bereits eine alte Teigwarenfabrik, die Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet wurde, zu einer Schule umgebaut. Aber sonst haben wir noch wenig Erfahrung auf diesem Gebiet. Die meisten Kulturgüter im Kanton Freiburg gehören zum ländlichen Kulturerbe. Darum haben wir sonst eher mit der Zweckänderung von ehemaligen Scheunen zu tun.
 
Sind diese historischen Gebäude in der Region in Gefahr?
Ich denke nicht. Wir haben in unserer Region etwa die Industrieanlagen in Broc, die immer noch im Einsatz sind und deren Betreiber, Nestlé, sich bemüht, die ältesten Zeugen dieses Industriestandorts zu erhalten. Die ehemalige Ziegelei von Mouret wurde zwar stillgelegt, das Gebäude wird aber noch genutzt. Ihre Räume werden vermietet. Zudem stehen die wichtigsten Zeugen der Industriegeschichte heute unter Denkmalschutz. Man weiss heute um das Potenzial dieser Bauten, die bei einer Zweckänderung zur Gestaltung ganz neuer Wohnformen anregen.
 
Welche denkmalpflegerischen Auflagen gab es für das Projekt «Lofts Rouges»?
Die wichtigste Bedingung war, dass die Gebäudehülle (Fassade und Dach) in den ursprünglichen Materialien erhalten blieb. Für das Gebäudeinnere gab es keine besonderen Auflagen, da die Strukturen sehr heterogen waren und ihr Erhalt ein nur schwer zu überwindendes Hindernis für die neue Nutzung des Gebäudes gewesen wäre. Wir haben aber den Bau von Balkonen bewilligt sowie Änderungen an den Öffnungen auf einer Fassadenseite, damit die Wohnungen mit ausreichend Tageslicht versorgt werden können. Ich muss sagen, dass die Zusammenarbeit mit den Architekten ausgezeichnet war und das Projekt in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege ausgearbeitet wurde. (ev)