Leichte Planen für schwere Steine

Leichte Planen für schwere Steine

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Teaserbild-Quelle: Walter Hunziker
In eleganten, sanft geschwungenen Bögen schützen Zelte zwei Jahrtausende alte Tempelruinen an der Südwestküste Maltas vor Wind und Wetter. Entworfen hat die Dächer der Berner Architekt Walter Hunziker.
 
 
Ihre Geschichte verliert sich irgendwo im Dunkel der Vergangenheit. Bis heute ist nur sehr wenig über sie und über die Kultur, zu der sie einst gehörten, bekannt. Sicher ist aber, dass sie älter sind als die Pyramiden: die teils über 6000-jährigen Tempelruinen auf Malta und Gozo. Insgesamt wurden auf Gozo sechs und auf Malta 22 solcher Stätten errichtet. Seit 1992 gehören sieben davon zum Unesco-Weltkulturerbe: Auf Gozo sind es die beiden Tempel von Ggantija – sie gelten als älteste freistehende Monumente der Welt –, auf Malta sind es Hagar Qim, ¬Mnajdra, Ta’ Hagrat, Tarxien und Skorba. Man nimmt an, dass ihre Erbauer die Inseln von Sizilien einwanderten. Allerdings scheint das Volk plötzlich verschwunden zu sein. Eine mögliche Erklärung ist, dass die Böden durch intensiven Ackerbau ausgelaugt waren und das karg gewordene Land nicht mehr genug Nahrung bot. Seither zeugen nur noch Überreste ihrer Bauten von den ersten Maltesern.

Sensible Blöcke

Insbesondere seit ihrer Entdeckung und Frei¬legung im 19.Jahrhundert leiden die Mauern ¬unter der Witterung: Denn sie bestehen aus empfindlichen, korallinen Kalksteinblöcken, die Wind und Wetter Jahr für Jahr um rund einen Millimeter abschleifen. Vor sieben Jahren schrieb die nationale Denkmalpflege Heritage Malta in Zusammenarbeit mit der Union Internationale des Architectes und der Unesco einen internationalen Wettbewerb für Schutzbauten für Hagar Qim und Mnajdra aus. Diese Ruinen liegen im Südwesten Maltas und prägen dort als Wahrzeichen den felsigen Küstenstreifen. Gleichzeitig sollten ein Zentrum und ein Orientierungssystem entworfen werden, um die Besucher nach den Unesco-Richtlinien mit Wissen und Respekt auf den Besuch im Feld vorzubereiten.
 
Walter Hunziker gewann mit seinem Vorschlag die Ausschreibung: Er sah Zeltdächer vor. «Viele Schutzbauten überstülpen das schutzwürdige Objekt mit Gegenwartsarchitektur», erklärt ¬Hunziker und führt als «fragwürdigstes Beispiel» Richard Meiers Bau für den Ara-Pacis-Altar in Rom an. Hier treffe man auf ein «aalglattes Werk der Moderne», das in Umkehrung der Werte das essenzielle Kernstück, den Altar, zum Dekorationsgegenstand verkommen lässt. «Wir hingegen suchten nach dem Wesen des Problems, nicht nach dem gewohnten Architektenreflex, nach einem Gebäude. Um die Megalithtempel wirksam zu schützen, braucht es eigentlich nur eine schützende Haut – eine millimeterdicke Membran – und etwas, das die Membran in ¬dieser windexponierten Position hält.» Damit war das Konzept geboren. Walter Hunziker liess sich auf eine ebenso schwierige wie spannende Aufgabe ein. Die Rahmenbedingungen waren komplex. Unter anderem, weil die Megalithkultur einen wichtigen Teil der kulturellen und nationalen Identität der maltesischen Bevölkerung darstellt.

Unter den Argusaugen der Behörden

«Die Tatsache, dass die Ende des 19. Jahrhunderts ausgegrabenen Tempelanlagen zu ihrem eigenen Schutz überdacht werden sollten, provozierte während der Planungs- und Bauzeit heftige Reaktionen gegen das Projekt», erinnert sich der Architekt. Zudem musste stark auf die Topografie, die Geologie, aber auch auf den Sonnenstand Rücksicht genommen werden. Das Projekt wurde unter den Argusaugen ¬nationaler und internationaler Behörden und Organi¬sationen realisiert. Dies galt vor allem für die Malta Environment and Planning Authority, die maltesische Umwelt- und Planungsbehörde, die auch Bewilligungsinstanz war. So bedurfte es aufwendiger Vorarbeiten, weil für das Projekt ¬neben höchstempfindlichen archäologischen ¬Funden Mikropfähle für die Verankerungen der Zeltdächer in die Erde gebohrt werden mussten. «Solche Eingriffe sind für wissenschaftlich denkende Archäologen schwer zu verkraften», sagt Hunziker. Er vergleicht das Projekt mit einer Operation, bei der verletzt wird, um eine Heilung zu ermöglichen. Dort seien Besucher nie zugelassen. Bei Baustellen seien die «Verletzungen der Landschaft» hingegen vor der Genesung für
jeden sichtbar.

Schwierige Sonnenwende

Um ein möglichst klares Bild zu erhalten, wie sich die neuen Überdachungen und das Besucherzentrum auf die Landschaft auswirken, wurde ein entsprechendes digitales Geländemodell der Anlagen und ihrer gesamten Umgebung geschaffen. Dabei stellte sich heraus, dass die Zeltdächer für Mnajdra und Hagar Qim ein flacheres Profil brauchten, damit die Landschaft nicht allzu sehr verändert wird. Gleichzeitig musste aber der Lichteinfall bei Sonnenwende sowie bei Tag-und-Nacht-Gleiche erhalten bleiben. Der Grund: Die Heilig¬tümer sind so konzipiert, dass das Sonnenlicht an diesen Tagen auf bestimmte Bereiche trifft.
 
Beim Projekt vereinigen sich Vergangenheit und Gegenwart: das Zelt als Urform eines Schutzes in Verbindung mit modernster Technik. «Heutige Hightech-Membranstrukturen zeigen einen minimalen Material- und Gewichtseinsatz, der aber mit entsprechend hohen Ingenieurleistungen kompensiert werden muss», erklärt Hunziker. Bei den Schutzbauten für Hagar Qim und Mnajdra haben die Dächer eine Spannweite von bis zu 70 Metern und Flächen von bis zu 2300 Quadrat¬metern. Wegen der nur schwer berechenbaren Belastungen durch den oft starken Wind müssen die Zelte einiges aushalten können. Deshalb wurden Formgebung und Verformungen im Windkanal getestet. Schliesslich standen die Hoch¬bogenkonstruktionen mit bis in die Horizontebene auslaufenden Membranflächen fest.

Auf Tuchfühlung mit den Anfängen

Nicht nur die Konstruktionen aus Stahl und Hightech-Textilien mussten sich perfekt in die Umgebung einpassen, sondern auch das Gebäude des Besucherzentrums. Die Schwierigkeit hierbei war, dass es ohne zusätzlichen Landverbrauch auf dem bereits bestehenden Parkplatz errichtet werden musste. Sein Grundriss besteht aus zwei miteinander verbundenen Quadraten. Als Referenz an die prähistorischen Stätten und an die Umgebung bestehen ihre Sockel aus Bruchsteinmauerwerk. Zudem fügen sich die beiden Kuben so in die Landschaft ein, dass sie vom Meer aus nicht zu sehen sind.
 
Neu ist die Auseinandersetzung mit verschiedenen Kulturen, mit Vergangenheit und Gegenwart, für Hunziker nicht. «Während meiner längeren Arbeitsaufenthalte in den USA, in London, Rom, Florenz und Paris habe ich Architektur als transkulturelles Phänomen begriffen. Deshalb setzen sich fast alle unsere Projekte mit kulturellen Phänomenen von der Urzeit bis zur Gegenwart auseinander», antwortet er auf die Frage, welchen Einfluss für ihn andere kulturelle Verhältnisse auf seine Arbeit haben.

«Es war ein bewegendes Erlebnis»

Als Beispiele nennt Hunziker ein Projekt zur Erschliessung des historischen Schlossbezirks und zur Neugestaltung der Piazza della Vittoria in Gorizia oder das Museum für Frühgeschichte im koreanischen Jeongkok. Malta kommt in dieser Hinsicht eine besondere Stellung zu. «Es war ein bewegendes Erlebnis», sagt Hunziker. «Plötzlich ist man in Tuchfühlung mit den Anfängen der ¬Architekturgeschichte, sozusagen im Kapitel null des Geschichtsbuchs, das – wie der indische Architekt Charles Correa gesagt hat – alles erklären würde, wenn es entzifferbar wäre.» (Silva Maier)
 
Pläne können unter nachstehenden Links eingesehen werden:
 

Textiles Bauen

Eigentlich gehören Zelte zu den Urformen menschlicher Behausungen. Seien es die Jurten mongolischer Nomaden oder die Tipis der Indianer. Dennoch spielte die uralte Tradition in der Architekturgeschichte über lange Zeit eine eher untergeordnete Rolle. Mit dem deutschen Architekten Otto Frei begann sich dies zu ändern: Er verfasste nicht nur 1954 eine Dissertation zum Thema «Das hängende Dach» sondern sollte sich auch rund zehn Jahre später einen Namen mit eleganten, gespannten Dächern machen. Dazu gehörte der deutsche Ausstellungspavillon an der Expo 1967 in Montreal und die gigantische Konstruktion fürs Münchner Olympiastadion (Bild), in dem 1972 die Sommerspiele ausgetragen wurden. Eines der weltweit grössten Membrandächer wurde für die Expo 2010 in Schanghai konzipiert. Es überspannte eine Fläche von tausend Metern Länge und hundert Metern Breite. Ebenfalls zu den Zeltbauten der Superlative gehört Norman Fosters «Shatyr Khan» in der mongolischen Metropole Astana: Das letzten Sommer eröffnete «Königliche Zelt» ist 150 Meter hoch und umfasst eine Fläche von 100'000 Quadratmetern. Es beherbergt neben anderem zahlreiche, eine Wasserlandschaft, Kinos und eine Minigolfanlage mit Bäumen. (mai)
 
Weiterführende Links: www.freiotto.de, www.khanshatyr.com
 
 

35.826839, 14.436355