Lass die Sonne rein!

Lass die Sonne rein!

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Teaserbild-Quelle: zvg
Erdöl ist der wichtigste Rohstoff der modernen Industriegesellschaft. Weil die Reserven jedoch zur Neige gehen, ist es nötig, sich von dieser Energiequelle zu lösen. Solarpionier Josef Jenni hat dies mit seinem Sonnenhaus, das vollkommen ohne den fossilen Brennstoff auskommt, bereits getan. Nun bietet der 57-Jährige Kurse an, in denen Fachleute lernen, ein solches Gebäude zu bauen.
 
Das Ende des Erdölzeitalters ist nicht mehr weit entfernt. Davon überzeugt sind Experten aus aller Welt. Kein Wunder: Bei einer nicht erneuerbaren Energiequelle ist es unvermeidlich, dass sie eines Tages erschöpft sein wird. Die Frage ist nur, wann und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Vom Erdöl wegzukommen ist gemäss Fachleuten aber nicht nur wegen seiner Begrenztheit ratsam, sondern auch, weil durch seine Verbrennung CO2 freigesetzt wird, das massgebend für die Klimaerwärmung verantwortlich ist. Allen Warnungen zum Trotz hat sich am Verhalten der Gesellschaft kaum etwas verändert. Im Gegenteil: Der weltweite Energieverbrauch steigt weiterhin an und mit ihm der Erdölkonsum. Bald, so scheint es zumindest, kommt es zum grossen Knall. Davon nicht betroffen wird Josef Jenni sein. Der Solarpionier hat für den Fall der Fälle bereits vorgesorgt, als er 1989 ein neuartiges Wohnhaus baute, das ganz und gar ohne den fossilen Brennstoff auskommt.
 

220-mal mehr Energie als nötig

Noch ist das Haus des 57-Jährigen aus dem Kanton Bern die Ausnahme. Schliesslich ist man hierzulande weit davon entfernt, alternative Energiequellen breit zu nutzen. Ihren Bedarf deckt die Schweiz stattdessen zu knapp zwei Dritteln mit Erdöl ab. Davon werden über die Hälfte als Treibstoff und der Rest als Brennstoff für Heizung und Industrie eingesetzt. Darüber hinaus steckt das schwarze Gold aber auch in Medikamenten, Kunststoffen und Kunstdünger. «Zum Verbrennen ist es eigentlich viel zu schade», meint Jenni. Gerade was das Heizen von Gebäuden betreffe, müsse man dringend auf erneuerbare Energiequellen setzen, weil die Technik bereits so weit fortgeschritten sei, dass sie konventionelle Methoden problemlos ersetzen könne.
 

Einfaches Konzept macht Schule

Der findige Solarpionier aus Oberburg BE setzte sich bereits als 25-Jähriger mit dieser Thematik auseinander und kam schliesslich zur Überzeugung, dass die Alternative zum Erdöl der goldene Stern über uns ist: «Die Sonne ist ein gigantisches und nahezu unerschöpfliches Kraftwerk. Jahr für Jahr liefert sie der Erde über 219 000 Billionen Kilowattstunden Energie zum Nulltarif. Das ist 3000 mal mehr als die gesamte Weltbevölkerung heute verbraucht.» Über die Schweiz strahlt der gelbe Riese jährlich rund 40 000 Milliarden Kilowattstunden Energie ab – 220 mal mehr als die heimische Bevölkerung benötigt. Wie aber macht man sich diese Kraft zunutze? Eine mögliche Antwort liefert Jenni mit seinem 1989 erbauten Sonnenhaus. Zu seiner Zeit war es das erste vollumfänglich mit Solarenergie beheizte Wohngebäude in ganz Europa. Mittlerweile gibt es sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland zahlreiche solcher Bauten. Und die Jenni Energietechnik AG ist inzwischen zur grössten Schweizer Firma für Solarthermie angewachsen.
 
«Als ich Ende den 1980er-Jahren das erste Sonnenhaus für meinen Bruder baute, haben alle geglaubt, dass das Projekt zum Scheitern verurteilt sei», erinnert sich Jenni. Man sei davon ausgegangen, dass das Gebäude im Sommer zu viel Energie erhalten würde und im Winter zu wenig: «Stattdessen hatten die Bewohner in den kalten Monaten so viel Reserven übrig, dass sie nicht nur das Haus beheizen, sondern zur Demonstration auch noch den Garten-Pool auf 37 Grad Celsius erhitzen konnten.»
 
Möglich gemacht hat das die spezielle Technik. Und die ist gar nicht so kompliziert, wie man annehmen könnte: Sie besteht im Wesentlichen aus Kollektoren, die die Sonnenstrahlen einfangen und einem grossen, mit Wasser gefüllten boilerintegrierten Pufferspeicher, der die Wärme konserviert und im Gebäude verteilt. Hinzu kommen eine gute Dämmung, eine Photovoltaikanlage für die Stromerzeugung und bei den Nachfolgeprojekten zum Beispiel ein Kachelofen. Fertig ist das Sonnenhaus.
 
Um die Fachleute davon zu überzeugen, dass das System sehr einfach und vor allem auch umsetzbar ist, hat Jenni damit begonnen, Kurse anzubieten. Diese vermitteln den Teilnehmern das ganze Konzept der natürlichen Energiegewinnung von A bis Z.
 
«Bisher sind die Schulungen auf grosses Interesse gestossen, denn die Säle waren bei jeder Präsentation bis zum Bersten voll.» Jenni, hocherfreut über seinen Erfolg, hat sich deshalb dazu entschlossen, auch im nächsten Jahr Kurse zu veranstalten: «Je mehr Fachleute vom Sonnenhaus erfahren, desto mehr werden gebaut, sodass wir für die Zeit ohne Erdöl bestens vorbereitet sind.» Wann dieses Zeitalter eingeläutet wird, ist bei den Experten jedoch nach wie vor höchst umstritten. Einige sprechen von 40, andere von 15 Jahren. In einem sind sich aber einig: Das Ende des Erdölzeitalters ist nicht mehr weit entfernt. Spätestens dann kommt es zum von Jenni und den Kursteilnehmern lang erhofften Durchbruch der erneuerbaren Energien. Hinter vorgehaltener Hand meinte ein Fachbesucher deshalb: «Hoffentlich geht uns das Erdöl schon in zehn Jahren aus.» Florencia Figueroa
 
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Nachgefragt bei Boris Lukac, Architekt HTL und Energieingenieur NDS

Er nahm an einen Kurs von Josef Jenni teil.
 
Was halten Sie von Jennis Sonnenhaus?
Dass wir die Sonne als Energiequelle nutzen, auf fossile Energiequellen verzichten und dabei Kosten sparen können, ist erstrebenswert. Die Verbindung von innovativer Technik und Architektur finde ich besonders spannend.
 
Hat Sie das Konzept überzeugt?
Ja, hat es, denn es verbindet gleichsam zukunftweisende Haustechnik mit der heutigen Architektur.
 
Hält das Konzept, was es verspricht?
Bei einem sorgfältigen Abwägen des Kosten-Nutzen-Verhältnisses und einer ausgewogenen Auslegung von Haustechnik und -konstruktion, kann ich mir gut vorstellen, dass das Konzept halten kann, was es verspricht. Wichtig ist meines Erachtens, dass die Architektur nicht von der Haustechnik eingeschränkt wird, sondern dass ein Zusammenspiel beider Komponenten zu einem vollendeten Ergebnis führt. Es ist deshalb für einen Architekten unerlässlich, sich intensiv mit der Haustechnik zu befassen und gute Kenntnisse darüber zu haben. Jedoch ist eine abschliessende Bewertung dieses Konzepts von meiner Seite her nicht möglich, da ich dieses Konzept bisher in der Praxis noch nicht ausgeführt habe.
 
Würden Sie ein solches Haus bauen?
Unser auf energieeffiziente Architektur ausgerichtetes Büro Moosmann Bitterli Architekten in Basel befasst sich sehr eingehend mit der Thematik der nachhaltigen Bauweise. Auch das Bauen von Sonnenhäusern gehört zu unserem Aufgabengebiet, wir beraten die jeweilige Bauherrschaft nach ihren individuellen Bedürfnissen, und wenn ein solches Haus den Vorstellungen der Bauherrschaft entspricht, würden wir auf jeden Fall mit Freude ein Sonnenhaus bauen.
 
Glauben Sie, dass sich das Konzept durchsetzen lässt?
Da uns die fossilen Energiequellen nicht unendlich zur Verfügung stehen werden, wird die Nutzung von alternativen Energien für die Menschheit zunehmend an Bedeutung gewinnen. Dass sich das Konzept der Nutzung von Sonnenenergie und anderen erneuerbaren Energien in der Architektur auch in Zukunft bewährt, halte ich für selbstverständlich. (ffi)
 

Hintergrund

Das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen ist ein internationaler Umweltbeschluss mit dem Ziel, eine gefährliche Störung des Klimasystems zu verhindern und die globale Erwärmung zu verlangsamen sowie ihre Folgen zu mildern. Die Europäer haben dieses Ziel präzisiert und leiten daraus ab, dass sich die Erde gegenüber dem vorindustriellen Niveau bis zum Ende des Jahrhunderts nicht um mehr als zwei Grad Celsius erwärmen soll. Denn eine Erderwärmung über zwei Grad würde nach einer Studie der UN (UNEP-Studie) dramatische Folgen haben.
 
Für die europäischen Länder bedeutet das Zwei-Grad-Ziel: Sie müssen ihre Treibhausgasemissionen um mindestens 80 bis 95 Prozent vermindern. Doch während Europa noch abwägt, welche Einschnitte der Klimaschutz für das Land bedeutet, geht es in anderen Teilen der Welt schon ums Überleben. So für die Allianz kleiner Inselstaaten (AOSIS). Diese wird aus 42 Inselstaaten und Ländern gebildet. Diese liegen in der Regel nur wenige Meter über dem Meeresspiegel und sind daher massiv vom Klimawandel, wie zum Beispiel durch das Steigen des Meeresspiegels, Orkane, das Sterben von Korallenriffen, betroffen. Ihre Existenz steht auf dem Spiel, daher mutierten sie an den Klimakonferenzen zum ökologischen Gewissen. Sie werden von umweltpolitischen Nicht-Regierungsorganisationen wie Greenpeace und der Versicherungswirtschaft in ihren Forderungen unterstützt.
 
Zu den besonders gefährdeten Inselstaaten zählen Kiribati, Tuvalu und die Malediven. Bis 2100 seien diese «ausgestorben», hiess es in der jüngsten Klimakonferenz in Cancún, Mexiko. Deshalb verlangt die AOSIS schnellere und konkretere Vorgaben als das Zwei-Grad-Ziel. Die Vereinigung drängt auf ein umfassendes Klimaschutzabkommen bis spätestens zur nächsten Klimakonferenz im südafrikanischen Durban 2011. Die Inselstaaten fordern, dass die Erde sich nur um 1,5 Grad erwärmen darf. Denn die Differenz zwischen 1,5 und zwei Grad sei für sie eine Frage des Überlebens. (mgt)