Lampenfieber im Tunnel

Lampenfieber im Tunnel

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Teaserbild-Quelle: Thomas Kümin
Der 15. Oktober 2010 dürfte zu einem historischen Tag für die Bergbaunation Schweiz werden. Denn heute findet der Durchschlag an der Oströhre des Neat-Basistunnels im Gotthard statt: Es entsteht mit 57 Kilometern der längste Tunnel der Welt. Das „baublatt“ hat mit AlpTransit-Chef Renzo Simoni kurz vor dem Ereignis über die Vorbereitungen und den Ansturm der Medien gesprochen.
 
Thomas Kümin
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Thomas Kümin
"Inszenierung für Besucher und Medien." - AlpTransit-Chef Renzo Simoni über den Durchschlag am Gotthard.
 
Welche Aufgaben beschäftigten Sie in den letzten Tagen vor dem Durchschlag?
Einerseits das Tagesgeschäft, das parallel zum Ereignis weiterläuft. Beispielsweise fand eine Woche vor dem Durchschlag eine ordentliche Sitzung mit der parlamentarischen Aufsichtsdelegation der Neat statt. Die Sitzungen mit je sechs Stände- und Nationalräten werden gemäss einem auf Jahresbasis geplanten Kalender abgehalten, somit war es Zufall, dass die letzte terminlich so nahe am Durchschlagstag durchgeführt wurde. An den Sitzungen rapportiere ich den Stand der Arbeiten und erläutere spezielle Themen nach Bedarf der Kommission. Daneben gab es – nicht ganz unerwartet – diverse Anfragen der Medien für Interviews und Reportagen. In den letzten Tagen war ich einige Male vor Ort im Gotthard, um mir ein Bild vom Stand der Vorbereitungen zu machen. Am Tag vor dem Durchschlag findet unter Federführung des Bundesamts für Umwelt und Verkehr Uvek ein Voranlass in Andermatt für die internationalen Medien statt. Es geht darum, das Ereignis aus übergeordneter Sicht bekannt zu machen, vor allem in Deutschland und Italien.
 
Wie sieht Ihr Programm für den 15. Oktober aus?
Der Durchschlag ist in erster Linie eine Inszenierung für Besucher und Medien. Der Einsatz der Mineure beschränkt sich auf jene zwei Equipen, die mit der Tunnelbohrmaschine die letzten eineinhalb Meter durchbrechen werden. Mein Tag beginnt früh mit einem Interview für die Morgensendung eines Radios. Es folgt die Reise nach Sedrun, wo die Feier stattfindet und wo eine ausgewählte Gruppe in den Schacht einsteigen wird, um den Durchschlag an der Tunnelbrust mitzuerleben. In Sedrun wird eine Pressekonferenz durchgeführt, verbunden mit weiteren Interviews fürs Fernsehen und Radio. Um 14 Uhr wird die Tunnelbohrmaschine angedreht, der Durchschlag erfolgt spätestens eine Stunde danach. Anschliessend begebe ich mich mit der Gesellschaft wieder nach draussen zur Werkhalle zum gemeinsamen Fest. Es wird Ansprachen geben, auch ich werde eine halten und den Mineuren den Dank der AlpTransit aussprechen. Wir werden auch der acht Menschen gedenken, die seit Baubeginn 1996 ihr Leben durch Unfälle gelassen haben.
 
Verspüren Sie im Hinblick auf den Durchschlag wachsenden Stress?
Das Ereignis bedeutet für mich keinen zusätzlichen Stress. Ich bemerke aber ein gewisses Kribbeln im Bauch, Anzeichen von Lampenfieber (lacht). Aber bezüglich Ihrer Frage: Zuwenig Zeit hat man sowieso immer. Es geht darum, Arbeit und Freizeit zu balancieren. Zudem gilt es, einen Mittelweg zu finden zwischen der Arbeit, die man persönlich erledigen will und muss sowie jener, die man delegieren kann. Ich kann mich hierbei auf ein sehr gutes Team in der Geschäftsleitung verlassen, vier Mitarbeiter, die mir den Rücken freihalten.
 
Medien aus der ganzen Welt haben sich für die Durchschlagsfeier angemeldet. Wie haben Sie sich auf den Ansturm vorbereitet?
Die AlpTransit hat eine Aufgabenteilung mit dem Uvek vereinbart. Wir kümmern uns um die Schweizer Medien, das Uvek um die internationalen. Die Nachfrage der Medien war gross, mit ihren Vertretern live beim Durchschlag an der Tunnelbrust dabei zu sein. Aus Platz- und Sicherheitsgründen mussten wir aber leider eine Selektion vornehmen, weil insgesamt nur 40 Plätze für Medienschaffende zur Verfügung stehen.
 
Wie feiern Sie persönlich den Durchschlag?
Am Anlass am Freitag komme ich nicht dazu. Aber wenn der Rummel vorbei ist, wird es umso schöner sein, im trauten Kreis in aller Ruhe mit einem guten Tropfen anzustossen, vor allem, wenn alles gut geklappt hat.
 
Lässt sich schon sagen, wie genau die Mineure von Norden und von Süden her gebohrt haben?
Noch nicht. Die AlpTransit hat dem Baukonsortium TAT eine Toleranz von 20 Zentimetern vorgegeben, je in der Vertikalen und der Horizontalen. Ich gehe davon aus, dass diese Vorgaben unterschritten werden.
 
Wie wird die Tunnelbrust auf den Durchschlag vorbereitet?
In der Woche vor dem Durchschlag standen zwischen Sedrun und Faido noch zehn Meter Fels in der Oströhre. Die Tunnelbohrmaschine, die von Süden her bohrt, wurde angehalten. Auf der Sedruner Seite, wo mit Sprengvortrieb gearbeitet wird, erstellten die Mineure eine Demontagekaverne. Auf den letzten 35 Metern wurde ein aufgeweitetes Profil aus dem Fels gesprengt, damit nach dem Durchschlag genug Platz vorhanden ist, um die Tunnelbohrmaschine auseinanderzunehmen. Kalotte und Strosse der Kaverne waren gegen Ende der letzten Woche abgebaut. Anschliessend begann die Präparierung der Tunnelbrust. Dazu gehört das Nageln, um sie zu stabilisieren, sowie das massive Auftragen von Spritzbeton und das Aufmalen der Logos. Diese Woche wurde mit der Tunnelbohrmaschine vorsichtig bis auf eineinhalb Meter zur Wand angefahren. Am 15. Oktober kann der Durchschlag mit einem Hub der Tunnelbohrmaschine erfolgen. (Thomas Kümin)