Kopfschmerzen und Betonbluten

Kopfschmerzen und Betonbluten

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Archiv
Umweltverträgliches Bauen rückt aus gesundheitlichen und wirtschaftlichen Überlegungen immer mehr in den Mittelpunkt. An einer Weiterbildungstagung der Hochschule für Technik und Wirtschaft Waadt präsentierten Fachreferenten aus allen Disziplinen, vom Architekten bis zur Juristin, neueste Erkenntnisse.
Archiv
Quelle: 
Archiv
Nicht nur Eisen und Kupfer werden recycelt, auch der Beton von Altbauten kann wiederverwendet werden.
 [[Infobox]]
«Weil Architekten dazu neigen, ein Werk für lange Zeit hinterlassen zu wollen, stellen sie sich die Frage nach dem Rückbau eines Gebäudes zu wenig», sagte der Fachreferent Philippe Künzler an der Weiterbildungstagung «Vom Baustoff zum Schadstoff» der Hochschule für Technik und Wirtschaft Waadt vom 21. September. Künzler, selber diplomierter Architekt HTL, erinnerte in seinem Fachreferat daran, dass ein Gebäude nach seiner Nutzungsdauer auch wieder zurückgebaut werden muss. In dieser Phase falle ebenso «Graue Energie» an, wie in der Phase vor dem Bau und bei der Erstellung. Unter dem Begriff «Graue Energie» versteht man in diesem Zusammenhang die Energie, die aufgewendet wurde, um etwa die Baumaterialien eines Hauses zu produzieren.
 
Im Gegensatz dazu steht der direkte Energiebedarf bei der Nutzung des Hauses. Und das ist es auch, was die Bauherren laut Künzler vor allem interessiere: «Wie viel Energie verbraucht mein Haus während dem es im Betrieb ist? Für eine ausgewogene Ökobilanz ist dieses Denken heutzutage der falsche Ansatz.» Dass in den aktuellen Pflichtenheften der Architekten und Planer keine Bestimmungen und Auflagen zum Rückbau bestehen, sei bedauerlich, so Künzler. «Die Leistungen des Architekten gemäss Norm des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA) umfassen die Phasen von der Planung bis zur Bewirtschaftung, darüber hinaus muss nicht weiter studiert werden,» bemängelt Künzler die Lücken bei der SIA-Norm.
 

Recycling von Beton

Während man die anfallende Energie beim Rohstoffabbau und der Verarbeitung der Materialien beim Bau innerhalb des Sammelbegriffs «Graue Energie» ziemlich genau definiert hat, sei beim Rückbau die Rückgewinnung dieser «Grauen Energie» durch Recycling der Materialien, laut Künzler, zu schwach definiert. An diesen Aspekt des Referats von Künzler knüpfte der Vortrag «Bauchemikalien und Umwelt – Umweltrelevanz von Betonzusatzmitteln» von Andreas Häner der BMG Engineering an, der der Frage nach ging, in wie fern sich Beton, angesichts der darin enthaltenen Betonzusatzmittel, recyceln lässt. In mehreren Untersuchungen hat die BMG das Emissionsverhalten von Verflüssiger respektive des darin enthaltenen chemischen Stoffs, SNFC (Sulfonated Naphthalene-Formaldehyde Condensate) gemessen.
 
Die Untersuchungen kamen zu folgenden Schlüssen: SNFC wird hauptsächlich ins Wasser emittiert, die zu erwartenden Konzentrationen in Luft, Boden und Nahrung sind sehr klein und man geht nicht von einer Bioakkumulation aus. Das heisst, dass etwa Fische in Gewässern mit nachweislichen Spuren von SNFC, den Stoff nicht in sich aufnehmen und auch nicht weiter in die Nahrungskette hinaustragen. Um aber relevanten Emissionen von SNFC vorzubeugen, darf das Wasser, das beim Reinigen von Fahrmischern und Containern und das bei der Betonproduktion verwendet wird, nicht in den Boden versickern. Ebenfalls sollte das Betongranulat nach dem Abbau auf abgedichteten Plätzen gelagert werden. Bei Strassenfundationen ist es empfehlenswert, recycliertes Betongranulat nur in zementgebundener Form zu verwenden. Dennoch lässt es sich kaum vermeiden, dass geringe Emissionen durch die Anwendung von Betonzusatzmittel an die Umwelt abgeben werden. Alles in allem kann Häner für das Recycling von Beton, was die Akkumulation von Betonzusatzmittel betrifft, grünes Licht geben, da die höchste Konzentration an SNFC nach beinahe unendlichen Recycling-Zyklen bloss doppelt so hoch ist wie im ursprünglichen Beton, und somit nach wie vor im unbedenklichen Bereich liegt.
 

Gesundheitliche Folgen

Tritt beim Nachhärten von frischem Beton, dem sogenannten Betonbluten, Feuchtigkeit an die Oberfläche, entstehen keine nachweisbaren gasförmigen Emissionen. Eine Reihe weiterer Baustoffe emittieren jedoch für den Menschen spürbar in die Umwelt: Die Folge sind Kopfschmerzen, Schleimhautreizungen, allergische Reaktionen und Schlafstörungen. Referent Heinz Rothweiler, der Ecosens gibt einen Einblick in die Symptome seiner Kunden, die unter Geruchsbelästigungen in ihren eigenen vier Wänden leiden. Oft treten diese in den ersten Tagen bis Monate in Neubauten oder nach Sanierungen auf. Grund sind meistens die verwendeten Baustoffe, wie etwa verleimte Holzwerkstoffe oder säurehärtende Parkettversiegelungen. Obwohl toxikologisch kritische Werte kaum je erreicht werden, beeinflussen die Emissionen das Wohlbefinden der Bewohner. Auch Radon, ein im Boden vorkommendes radioaktives Gas, das durch Risse im Gebäudefundament in die Luft eindringen kann, kann zu Beschwerden und bis zu Lungenkrebs führen. «Dabei lässt sich Radon leicht messen und falls nötig, mit baulichen Massnahmen vermindern», sagt Rothweiler.
 
Gerade beim Umbau und Sanieren drängt sich ein weiteres Thema im Zusammenhang mit Luft und Gesundheit auf: Die meisten Gebäude, die im Zeitraum zwischen den 50er und den 90er Jahren gebaut wurden, weisen in irgendeiner Form Asbest und PCB (Polychlorierte Biphenyle) auf. Beschädigt man nun bei einem Umbau mechanisch asbesthaltige Elemente, so setzen diese Asbestfasern in die Luft frei. Diese dringen beim Einatmen in die Lungenbläschen ein, setzen sich aufgrund ihrer Beschaffenheit fest und können vom Körper nicht abgebaut werden. Im schlimmsten Fall ist Lungenkrebs die Folge. Normen, keine genauen Gesetze. Rothweiler gibt zu bedenken, dass Asbest- und PCB-Vorkommen in einem im Umbau befindlichen Gebäude nicht nur für den Eigentümer sondern auch für den Unternehmer teuer werden können. Denn letzterer trägt gemäss Bauarbeitenverordnung die Verantwortung für die Sicherheit und Gesundheit seiner Arbeitnehmer und ist unter Umständen bei anschliessenden Komplikationen haftbar. Rothweiler empfiehlt bei Bauvorhaben in Gebäuden, deren Baujahr in der kritischen Zeit liegt, eine seriöse Vorabklärung zu machen. So können die Risiken und das finanzielle Ausmass abgeschätzt werden können. Ist eine Asbestsanierung notwendig, so rät Rothweiler den Beteiligten, einen Werkvertrag mit klarer Regelung aufzusetzen.
 
«Es gibt keine konkreten rechtlichen Grundlagen zur umfassenden Regelung der gebäudebezogenen Schadstoffe in der Raumluft», sagt Rechtsanwältin Gudrun Bürgi in ihrem Referat «Rechtsnormen – von der Wiege bis zur Bahre einer Immobilie». Zwar gäbe es eine Fülle von Normen und Richtlinien, aber keine hätte eine zwingende Wirkung. Umso wichtiger, betont auch sie, sei es mit beim Umbau und genauso bei Asbest- und anderen Altlastensanierungen mit Werkverträgen klare Bedingungen festzuhalten. Die verschiedenen Vorträge der Experten an der Weiterbildungstagung der Hochschule für Technik und Wirtschaft Waadt beleuchteten Aspekte aus dem Lebenszyklus einer Immobilie, und während der zwei Podiumsdiskussionen erkannte man die interdisziplinäre Anschlussfähigkeit der Themen. Die Teilnehmer und die Experten tauschten sich rege aus: Ihre Zukunftsvisionen und Lösungsansätze lassen auf umweltgerechte Produkte hoffen, von der Herstellung über die Nutzungsdauer bis zum Recycling. (Michael Hunziker)