Körperliche Einschränkungen berücksichtigen

Körperliche Einschränkungen berücksichtigen

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Teaserbild-Quelle: Gret Loewensberg Architekten
Aufgrund der demografischen Entwicklung sind Alterswohnungen immer begehrter, vor allem an zentraler Lage. Alte Menschen leben länger als früher in den eigenen vier Wänden. Weil sie weniger Zeit ausser Haus verbringen, ist der Komfort wichtig. Somit müssen bei der Planung verschiedene Details beachtet werden.


Alterswohnungen sind begehrt. Eine Zürcher Tageszeitung berichtete kürzlich, dass die Wartelisten für solche Wohnungen besonders lang seien. Die angebliche Sesshaftigkeit älterer Menschen ist wohl eher ein Gerücht. Gemäss einer Befragung im Rahmen des Berichts «Wohnqualität und Alter»* wird nach dem 55. Altersjahr immer häufiger umgezogen. Wie auch andere Altersgruppen verfügen ältere Menschen über eine normale Mobilitätsbereitschaft. Allerdings werden in diesem Lebensalter Umzüge sorgfältig geplant. Der Umzug «wird beeinflusst durch Anreize der neuen Wohnung und der Wohnlage», heisst es in der Untersuchung. Die Hälfte der Befragten gibt als Grund für die neue Wohnungssuche die Pensionierung oder den Auszug der Kinder an. Ein Drittel der Befragten behält dieselbe Postleitzahl.

Die Bewegung verläuft auffällig oft vom Land in eine zentrale Lage. Während vorher 47 Prozent zentral wohnten, sind es nachher 73 Prozent. Somit spielen ganz klar Umweltfaktoren eine wichtige Rolle; die Distanz zum öffentlichen Verkehr verkleinert sich massiv (sie steigt von 42 auf 81 Prozent). Das Positive hat auch eine negative Seite: Durch einen Umzug vom Land in die Stadt verlieren so manche ihren Garten, haben keine schöne Aussicht mehr oder die naturnahen Erholungsräume sind nicht mehr so schnell erreichbar. Mit diesen trotzdem bewussten Entscheiden wird also eine Abnahme der Wohnqualität im Bereich «Lage» (Aussicht, Garten) in Kauf genommen, während im Bereich Verkehr und Infrastruktur ein «Gewinn» erzielt wird.

Die Zürcher Architektin Gret Loewensberg setzt sich nach eigenen Worten stark mit dem Wohnen im Alter auseinander. Ihre praktischen Erfahrungen stammen aus eigenen Projekten, zum Beispiel hat sie die genossenschaftlichen Alterswohnungen in Zürich Albisrieden (Gewobag) gebaut. Grundsätzlich hält die Architektin fest, dass ältere Menschen im Prinzip genauso wohnen wie jüngere. Sie glaubt auch nicht, dass es bald einmal eigentliche Rentnersiedlungen geben könnte. Im Gegenteil: Sie stellt eher fest, dass in den Zentren Alterswohnungen entstehen oder renoviert werden. «Die Leute lieben das Zentrale, leben gerne im Zentrum.» Die Tatsache, dass die Bewegungsfähigkeit älterer Menschen mit den Jahren schlechter wird, hat bei der Planung und Umwandlung von Wohnungen in Alterswohnungen vor allem in technischer Hinsicht Folgen:
  • Im Haus, in den Wohnungen und beim Ausgang auf den Balkon sollte es keine Schwellen geben; alles muss rollstuhlgängig sein. Wichtig ist der Lift. «In Albisrieden haben wir daher einen sogenannten Durchstecklift geplant, mit dem auch kleine Höhen – hier sind es 80 Zentimeter – überwunden werden können. In den Duschen sind Schwellen ebenfalls unerwünscht. Das Problem des Wasserabflusses wurde mit einem leichten Gefälle gelöst. «In einer Alterswohnung müssen besonders die Gänge und das Bad grosszügiger gestaltet sein», sagt Gret Loewensberg. Dies gelte es besonders bei der Planung zu berücksichtigen, weil für die Wohnungen bei einem Umbau im Allgemeinen nicht mehr Fläche zur Verfügung steht und die Zimmer daher auch nicht grösser werden.
  • Griffe: Wegen der steiferen Hände und Finger darf man keine zu schlanken Geländer konzipieren, das gilt auch für die Klinke bei den Türen. Im Übrigen kann man zusätzliche Griffe immer nachrüsten, sollten sie irgendwo fehlen.
  • Oberschränke: Die Menschen werden im Alter kleiner und es ist nicht ratsam, sie zu Kletteraktionen auf Leitern zu verleiten. Die Oberschränke liegen also tiefer.
  • Grosszügiger Grundriss: Gerade weil ältere Leute in weniger Zimmern wohnen (am begehrtesten sind Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungen), ist ein grosszügiger Grundriss wichtig. «Eine kleine Wohnung darf nicht klein wirken», beschreibt es die Architektin. «Wenn man die Wohnung betritt, ist es von Vorteil, wenn es keine Zimmer und keine Türen, sondern nur Schiebetüren gibt. Wichtig ist ausserdem, dass der Weg zwischen Schlafzimmer und Bad nicht weit sein darf. Offene Raumfolgen mit Schiebetüren sind vorteilhafter.»
  • Grosse Aussenräume: Gerade weil man im Alter seltener ausgeht und auch vielleicht einen Garten aufgegeben hat, sind relativ grosse Aussenräume, die möglichst nicht einsehbar sind, sehr beliebt.
  • Das Erdgeschoss ist aus Sicherheitsgründen unbeliebt. Es ist sinnvoll, dort Büroräume anzubieten, wie dies zum Beispiel beim Projekt Alterswohnungen Zürich Feldstrasse geschehen soll.
  • Material: In Alterswohnungen ist es möglich, edlere Materialien zu verwenden, also zum Beispiel ein Holzboden in der Küche, was bei einer Familie mit Kindern nicht möglich wäre. Der Verschleiss ist geringer.
  • Wichtig ist die Vermeidung von scharfen Ecken und Kanten an Einrichtungen; sollte jemandem schwindlig werden, ist bei einem allfälligen Sturz die Verletzungsgefahr geringer. Wegen der nachlassenden körperlichen Kräfte sollten die Storen elektrisch bedienbar sein; wichtig ist zudem, dass man die Wohnung gut putzen kann. 
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Dass die Menschen immer älter, aber auch immer gesünder älter werden, ist bekannt. Weil ältere Menschen also möglichst lange selbstständig leben und, wenn überhaupt, erst sehr spät in ein Altersheim eintreten oder in ein Pflegeheim müssen, wird das Wohnen in den eigenen vier Wänden immer wichtiger. Zumal auch die Zeit, die man ausserhalb der Wohnung zubringt, mit dem Alter abnimmt. Doch sind die Wohnungen für ältere Menschen auch richtig konzipiert? Werden sie den stetig abnehmenden körperlichen Fähigkeiten gerecht?

Der Altersforscher François Höpflinger hat sich mit der Wohnsituation von alten Menschen befasst. Er stellt fest, dass die Haushalte immer kleiner werden, dass aber immer mehr Senioren in grösseren Wohnungen wohnen. Allerdings stuften viele ihre Wohnung als nicht behindertengerecht ein. «So stieg der Anteil von Personen im Alter von 60 bis 74 Jahren, die innerhalb der letzten fünf Jahre ihren Wohnort wechselten, von 1970 bis 2008 von acht auf gut 20 Prozent an», heisst es in der Broschüre, die sich verschiedenen Aspekten des Thema widmet (siehe auch François Höpflinger, Einblicke und Ausblicke zum Wohnen im Alter, Age Report 2009, Seismo Verlag, Zürich 2009).

In Zürich Aussersihl sollen 32 Alterswohnungen entstehen. Der Stadtrat beantragt dem Gemeinderat deshalb, einen Baurechtsvertrag mit der Stiftung Alterswohnungen (SAW) über ein 1326 Quadratmeter grosses Areal an der Feldstrasse abzuschliessen.Geplant sind 32 Alterswohnungen mit zwei bis 3,5 Zimmern, wie der Stadtrat mitteilte. Die Mieter sollen dort zudem Dienstleistungen wie Spitex, Sozialdienst, Wäscherei oder ein 24-Stunden-Pikett in Anspruch nehmen können. Die SAW will auch ihren Verwaltungssitz neu dort einrichten.Das Gebäude mit dem 2007 geschlossenen Restaurant «Chnelle 4» und die Nebenbauten auf dem Areal seien veraltet und sollen abgebrochen werden, heisst es weiter. Der anfängliche Baurechtszins betrage – die Bauabrechnung vorbehalten – jährlich 58 749 Franken. (Sylvia Senz)