Keine Chance für Blei und Co.

Keine Chance für Blei und Co.

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Katrin Ambühl
Tonnen von Schadstoffen gelangen jährlich von Schnellstrassen in Böden und Gewässer. Das soll sich nun ändern: In Bümpliz-Süd BE wird demnächst die schweizweit erste „Kläranlage“ für Strassenabwasser in Betrieb genommen.
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Kinder haben bis vor kurzem Räuber und Poli gespielt im Wäldchen am Pfaffensteig. Einem kleinen Fleck Land zwischen Wohnhäusern hinter dem Bahnhof Bümpliz-Süd und der A12. Diesen Frühling wurden die Bäume gerodet, die Kinder haben ihren natürlichen Spielplatz verloren. Doch gerade die junge Generation wird dereinst vom Projekt auf dem einstigen Wäldchen profitieren. Dort entsteht die erste technische Strassenabwasserbehandlungsanlage (Saba), die dafür sorgt, dass Böden und Gewässer nicht länger durch Schadstoffe belastet werden – allen voran der nahe gelegene Wohlensee.

Neben Feststoffen wie Kies, Sand und allerlei Müll fallen auch Abgase und Rückstände aus dem Pneu- sowie Belagsabrieb an. Diese gehen zur einen Hälfte in die Luft und gelangen zur anderen bei Regen in den Boden. Vor allem die in höheren Konzentrationen giftigen Schwermetalle wie Cadmium, Blei, Zink und andere, die sich im Boden, in den Gewässern und in der Nahrungskette anreichern, sind problematisch für Fauna und Flora. Und die Belastung ist massiv: Allein auf dem 1,625 Kilometer langen Autobahnabschnitt entlang des Könizerwaldes fallen pro Jahr rund drei Tonnen Abfälle an. Davon werden rund 1,5 Tonnen Feinstoffe in den Boden geschwemmt. Nicht mehr lange, denn nun wird der Müll mit dem Regenwasser mittels Abflussrinnen entlang des genannten Strassenabschnittes direkt in die technische Reinigungsanlage Pfaffensteig gelenkt.

Dreckwasser willkommen

Bagger und Bauarbeiter sind noch vereinzelt zu sehen auf dem ehemaligen Waldspielplatz, der nun zur Kläranlage für Strassenabwasser wird. Der Grossteil der Bauarbeiten ist jedoch abgeschlossen. Die Betonkonstruktion sieht aus wie ein überdimensioniertes Schwimmbecken. Es ist in verschiedene Becken aufgeteilt, die noch leer sind. Bald schon sollen sie von verschmutztem Wasser geflutet werden, das dann in mehreren Etappen gereinigt wird (siehe «Zwei Systeme, ein Ziel» auf der folgenden Seite). Danach verlässt das saubere Wasser das Areal und fliesst in den nahe gelegenen Wohlensee. Ein gebeuteltes Gewässer, denn schätzungsweise 1000 Tonnen Autobahndreck sind in den letzten Jahren über Wasserleitungen von der Nationalstrasse im See gelandet.

Die Anlage Pfaffensteig kostet rund 3,5 Millionen Franken. Ein Klacks im Vergleich zum gesamtschweizerischen Saba-Projekt, für das vom Bundesamt für Strassen Astra Milliardenbeträge budgetiert werden. Grund dafür sind die neuen Gewässerschutzvorschriften des Bundes, die am 24. Januar 1991 erlassen wurden. Sie verlangen, dass die Strassenabwässer stark befahrener Routen behandelt werden. Die Ausrüstung der Autobahnen mit Saba ist eine langfristige Investition in die Gesundheit des Bodens, der Gewässer und damit auch der Menschen. Schätzungen gehen davon aus, dass alleine im Kanton Bern rund 20 Saba zu errichten sind. Die Investitionskosten pro Anlage beträgt bis zu fünf Millionen Franken. Bis sämtliche Autobahnen mit Kläranlagen ausgerüstet sind, dauert es also noch eine Weile. Die Kinder vom Pfaffensteig-Wäldchen werden dann längst erwachsen sein und mit ihren Kindern im sauberen Wohlensee baden. (ka)
 
 

Zwei Systeme, ein Ziel

Es gibt zwei Arten von Strassenabwasserbehandlungs-Anlagen Saba. Bei der technischen Saba (siehe Schema links) dient ein Absatzbecken und eine technische Filteranlage zur Abwasserreinigung. Zunächst fliesst das verschmutzte Wasser in den Grobabscheider, wo Feststoffe auf den Grund sinken beziehungsweise an die Oberfläche getrieben werden. So kann der grobe Müll abgetragen werden. Dann gelangt das Wasser für die Dauer eines Tages in das Speicher- und Absetzbecken, wo sich die Feinpartikel dank des schrägen Bodens sammeln und schliesslich als Schlamm abgesogen werden können. An der Oberfläche wird das vorgereinigte Wasser in das Herzstück der Anlage geleitet: die Filtereinheit. Sie besteht aus scheibenförmigen zu einer Trommel aufgereihten Filtern. Das System wurde von Hunziker Betatech in Winterthur, einem Unternehmen mit Schwerpunkten Wasser, Bau und Umwelt, entwickelt und ist hocheffizient. Die Filteranlage findet in einem Kubus mit einer Seitenlänge von sechs Metern Platz. Die technischen Saba sind ideal für knappe Platzverhältnisse, wie in Pfaffensteig der Fall.
Die zweite Variante ist die Anlage mit Bodenfilter. Sie beansprucht eine Fläche bis zu 1500 Quadratmetern. Die Anlage mit Bodenfilter basiert auf einem natürlichen Reinigungsprozess. Das verschmutzte Wasser wird in ein mit Humus und Kiessand gefülltes Becken zur Vorreinigung geleitet. Beim Durchsickern bleiben Feinpartikel samt der angelagerten Schadstoffe an Kies und Erde haften. Rund drei Viertel der Schadstoffe werden so gefiltert. Danach gelangt das Wasser ins viermal grössere Retentionsfilterbecken und passiert dort eine Humusschicht und einen sandhaltigen Unterboden. Gras und Schilf sorgen mit ihren Wurzeln dafür, dass der Bodenfilter locker bleibt und nicht durch die Feinpartikel verstopft wird.