(K)ein Lift durch die Barock-Decke

(K)ein Lift durch die Barock-Decke

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Teaserbild-Quelle: Michael Hunziker
Tritt der Denkmalschutz auf den Plan, fürchten viele Bauherren Komplikationen und Verzögerungen. Dass der Denkmalschutz aber auch wichtige Forschungsarbeit leistet und bei Umbauten und Sanierungen durchaus kompromissbereit ist, wird oft vergessen. Ein Interview über die Entwicklungen in dreissig Jahren Denkmalpflege.
 
 
 
Michael Hunziker
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Michael Hunziker
Zeitgenössisches Bauen und Denkmalschutz in ergänzendem Kontrast: Das neue Dach des Museums der Kulturen in Basel von Herzog und de Meuron.
 
Vor dreissig Jahren wurde im Kanton Basel-Stadt das Denkmalschutzgesetz verabschiedet. Das war die Geburtsstunde der Bauforschung. Das «baublatt» nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, um die Arbeit des Denkmalschutzes im Spannungsfeld der heutigen Baustandards zu betrachten. Wie verträgt sich etwa energieeffizientes Bauen mit den Ansprüchen des Denkmalschutzes und wie hat sich dieser in den letzten drei Jahrzehnten entwickelt – in einem Interview gewährt Daniel Schneller, Denkmalpfleger des Kantons Basel-Stadt, Einblick in die Geschichte und die Praxis des Denkmalschutzes.
 
Die Bauforschung und der Denkmalschutz in Basel-Stadt feiern heuer das 30-jährige Jubiläum des Denkmalschutzgesetzes. Weshalb hat der Kanton Basel-Stadt im Bereich Denkmalschutz eine Vorreiterrolle in der Schweiz?
Daniel Schneller: Im Kanton Basel-Stadt gab es bereits im Jahre 1897 eine private Initiative zur Gründung einer Denkmalpflegefachstelle. Seit 1919 ist die Denkmalpflege eine beim Kanton angesiedelte Institution. Damit gehört die Basler Denkmalpflege zu den ältesten in der Schweiz. Ausschlaggebend für die frühen Bemühungen um eine Denkmalpflege war der grosse und bedeutende Kulturdenkmälerbestand und der berechtigte Stolz auf den Traditionsreichtum der Stadt.
 
Was liegt dem Bestreben zugrunde, die Vergangenheit für die Gegenwart zu konservieren? Weshalb braucht es überhaupt den Denkmalschutz?
Die Vergangenheit ist die Grundlage der Gegenwart und der Zukunft. Aus der Vergangenheit gewinnen wir Erkenntnisse über unsere Herkunft und unsere Wurzeln. Die Vergangenheit trägt damit wesentlich zu unserer eigenen Identitätsfindung bei. Historische Baudenkmäler spiegeln unsere Geschichte unmittelbar im Alltag wieder. Sie sind ein Teil der uns vertrauten und identitätsstiftenden Umgebung, sie schaffen Heimat. Neben dem Erhalten und Bewahren braucht es natürlich auch die Veränderung, das Schaffen von Neuem. Allerdings lässt sich beobachten, dass seit Mitte des 19. Jahrhunderts Veränderungen in rasantem Tempo zunehmen. So wurden in Basel seit dem Jahre 1860 etwa zwei Drittel der historischen Altstadt abgebrochen, und das vor allem nach 1945. Deshalb braucht das wenige, noch erhaltene historische Kulturgut den Schutz der Öffentlichkeit.
 
Wann muss ein geschütztes Gebäude gemäss Denkmalschutz saniert werden, damit es nicht zur Bauruine wird?
Die Eigentümerschaft entscheidet, wann eine Renovation stattfinden soll. Sie ist die wichtigste Pflegerin eines Baudenkmals. Die Öffentlichkeit muss dann eingreifen, wenn ein wertvolles Baudenkmal zu zerfallen droht.
 
Kommt bei Umbauten der Denkmalschutz ins Spiel, befürchten viele Bauherren, ihre Projekte würden sich verzögern, alles würde komplizierter und arte in einen Papierkrieg aus.
Wir möchten der Öffentlichkeit vermehrt Einblick in die Arbeit der Denkmalpflege geben und es den Bürgern so ermöglichen, Vorurteile abzubauen. Hauseigentümer sollen frühzeitig wissen, ob sich ihr Haus in einem Inventar befindet oder nicht. Bei der Entwicklung und Umsetzung von Umbauten und Renovationen können wir unsere grosse Erfahrung und unser Wissen einbringen, was für Architekten und Bauherren von grossem Nutzen ist und viel Geld und Zeit spart.
 
Angenommen, es kommt hart auf hart, der Bauherr möchte einen Lift durch eine verzierte Decke aus dem 16. Jahrhundert bauen. Was für Möglichkeiten haben Sie von Gesetzes wegen?
Wir können von der politischen Behörde einen Entscheid verlangen: Sie müsste eine Interessenabwägung vornehmen. Es müsste im Rahmen einer Unterschutzstellung entschieden werden, was im konkreten Fall für das öffentliche Interesse von grösserer Bedeutung ist, der Lift oder die Decke aus dem 16. Jahrhundert.
 
Wie haben sich die Interessenkonflikte und das Bewusstsein für die Anliegen des Denkmalschutzes in diesen drei Dekaden verändert?
Bei der Schaffung des Denkmalschutzgesetzes hatte die Erhaltung wertvoller Baudenkmäler und Ortsbilder eine hohe Priorität auf der politischen Agenda. Der Druck aus der Öffentlichkeit war gross. Heute hat sich die Prioritätensetzung zugunsten der Energieeffizienz verschoben. Allerdings leistet ja gerade auch hier die historische Bausubstanz einen wesentlichen Beitrag: Die verdichtete Bauweise unserer Altstädte ist in hohem Grade energieeffizient. Denken Sie nur daran, wie viel graue Energie und wertvolle Materialien in unseren historischen Bauten stecken – das kann man doch nicht einfach vernichten – Denkmalschutz ist auch Umweltschutz.
 
Wie hat sich das denkmalgeschützte Sanieren in den letzten dreissig Jahren verändert?
Das Wissen und die Techniken, wie man historische Bauteile erhalten und zukunftstauglich machen kann, haben sich wesentlich verbessert. Beispielsweise gibt es heute viele Möglichkeiten, historische Fenster an heutige Anforderungen anzupassen.
 
Wie hat sich die Bauforschung als Disziplin innerhalb der Zeit ihres Bestehens entwickelt?
Die Bauforschung hat sich dank dem Fortschritt in naturwissenschaftlichen Methoden professionalisiert. Dank der Erfahrung, die in der Interpretation von Spuren am Bau in den letzten dreissig Jahren gewonnen werden konnte, sind die Erkenntnisse präziser geworden.
 
Findet eigentlich ein fachlicher Austausch zwischen den Kantonen statt?
Die Denkmalpflegefachstellen der Kantone und Städte haben sich zur Konferenz der Schweizer Denkmalpflegerinnen und Denkmalpfleger (KSD) zusammengeschlossen. Hier tauscht man sich regelmässig aus und hier können Standards diskutiert werden, sowohl an Tagungen wie auch in Arbeitsgruppen. Ein Austausch findet aber auch auf internationaler Ebene statt. Denkmalpflegerische Standards sind in England, Schweden oder Indien nicht anders als bei uns.
 
Liessen sich durch denkmalschutzgerechtes Umbauen für Firmen auch neue Geschäftsfelder erschliessen?
Viele traditionelle Handwerksbetriebe, die das Bauhandwerk im eigentlichen Sinne pflegen, können dank den Spezialaufgaben an Baudenkmälern ihr Know-how bewahren. Beispielsweise gibt es viele Baumeisterbetriebe, die sich auf historische Verputze spezialisiert haben, wie etwa Sumpfkalk. Die Denkmalpflege hat mit ihren Forderungen nach historischen Baumaterialien und Techniken am Baudenkmal auch dazu beigetragen, dass diese überlebt haben und das traditionelle Know-how in der Baubiologie zum Tragen kommen kann.
 
In naher Zukunft wird man vor allem Altbauten energietechnisch umbauen müssen. Wie sind zeitgenössisches Bauen und die Anliegen des Denkmalschutzes zu vereinbaren?
Altbauten bieten viele Vorteile gegenüber Bauten, die nach 1945 entstanden sind. Schon früher musste man mit Energie sorgfältig und bewusst umgehen. Deshalb bietet die traditionelle Bauweise viele Vorteile, an die heute wieder angeknüpft werden kann: dichte Bauweise mit geringen Fassadenabwicklungen, gute Belüftung, dicke Mauern und kleine Fensterflächen. Alt bedeutet nicht zwingend veraltet. Im Gegenteil. Historische Bauten können zum Teil mit kleinen gezielten Massnahmen energieeffizient ausgestaltet werden. Und vor allem ist der geringere Raum- und Landverbrauch ins Feld zu führen: Hatte eine Familie um 1910 noch eine Wohnung von 75 Quadratmetern, lebt heute ein Paar auf 120. Moderne Bauten, die energieeffizient ausgestaltet sind, aber ein Vielfaches an Raum und Land verbrauchen, machen den Energiegewinn dadurch wieder zunichte.
 
Wie sähe die Stadt Basel heute ohne die dreissig Jahre Denkmalschutz aus?
Was das kulturelle Erbe betrifft, auf jeden Fall ärmer. Verluste haben wir zwar auch noch heute, aber ohne Denkmalschutzgesetz wären sie viel drastischer ausgefallen. Das Gesetz hat eine wichtige Grundlage für die Erhaltung der kulturell bedeutenden Bausubstanz geschaffen.
 
Und Ihre Vision für die Zukunft: heute in dreissig Jahren?
Ich wünsche mir eine Öffentlichkeit, die sich engagiert und sich selbstbewusst für ihre Baudenkmäler einsetzt. Und dass der Denkmalschutz als Aspekt des Umweltschutzes wahrgenommen wird.
Von Michael Hunziker