Jugendherberge im Rampenlicht

Jugendherberge im Rampenlicht

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Teaserbild-Quelle: Ralph Feiner, Malans
Der zweite Award für Marketing und Architektur wurde am 23. April im KKL Luzern überreicht. War die Ausschreibung beim ersten Mal noch auf viel Skepsis gestossen, gab es diesmal fast doppelt so viele Eingaben. Die Organisatoren sehen sich bestätigt.
 
 
Wer kennt es nicht, das Signet mit dem biederen Häuschen und der grossen Tanne daneben: die Jugendherbergen. Der grosse Gewinner des Awards 2010 für Marketing und Architektur, die 2007 fertiggestellte Jugi in Scuol, entspricht so gar nicht diesem Bild. Sie widerspiegelt dafür umso besser die neue Strategie des Vereins Schweizer Jugendherbergen, der sich zu einem modernen Anbieter im Tourismus gewandelt hat. Und trotzdem: Versteht man das Signet im Sinne von ort- und naturverbunden, nachhaltig-ökologisch, dann ist das Bild nicht so falsch. Die Jugendherberge hat die Jury ihres umfassenden ökologischen Konzeptes wegen überzeugt. Entsprechend wurde das Projekt mit dem Hauptpreis, dem Preis für die Kategorie Hotels, Restaurants, Sport- und Wellnessanlagen sowie mit dem Sonderpreis für Green-Technologie ausgezeichnet.
 
Der massive würfelförmige Monolith orientiert sich im architektonischen Ausdruck an den traditionellen Engadiner Häusern. Er erfüllt den Minergie-Eco Standard und ist mit einheimischen natürlichen Materialien erstellt. Die Arvenstube verbreitet ihren unverwechselbaren Geruch im ganzen Haus. Daneben wird aber auch auf soziale Nachhaltigkeit geachtet: Die Mitarbeiter kommen aus der näheren Umgebung, ebenso die in der Küche verarbeiteten Lebensmittel. Dies führt zu grosser Akzeptanz und Umweltverträglichkeit. Die Jury sieht darin ein Musterbeispiel, wie Architektur und Firmenphilosophie zur Übereinstimmung gebracht werden können.
 

Anspruchsvolle Juryarbeit

Dieses Umsetzen und Zum-Ausdruck-Bringen der Firmenphilosophie war denn auch ein Hauptkriterium bei der Bewertung. «Es war eine schwierige Jurierung», betont Christof Glaus, Präsident des Beurteilungsgremiums. Schwierig, weil sich die Juroren für jedes Projekt einzeln mit der dahinter liegenden Firmenphilosophie auseinandersetzen und deren architektonische Umsetzung aufspüren und bewerten mussten. Ungleich einem herkömmlichen Architekturwettbewerb, bei dem die Rahmenbedingungen für alle Projekte dieselben sind, verlangte hier jede Eingabe nach einer «individuellen» Betrachtung. Dass die eingereichten Projekte alle ein ausgezeichnetes Niveau auswiesen, machte die Arbeit der Jury nicht einfacher. Die prämierten Objekte lassen erahnen, dass es dem zwölfköpfigen Gremium tatsächlich in erster Linie um eine gehaltvolle Übereinstimmung von Unternehmenskultur und Architektur ging und nicht um Bilbao-Effekte.
 

Unternehmer sensibilisieren

Urs Bratschi, Geschäftsführer der Firma Baukoma AG, die den «Award für Marketing und Architektur» ins Leben gerufen hat, ist hocherfreut über den Verlauf der Zweitaustragung des Awards. Wurden 2008 gesamthaft 42 Projekte eingereicht, waren es diesmal 85. Auch an der feierlichen Preisübergabe im KKL Luzern war eine Zunahme der Teilnehmer zu verzeichnen, nämlich 750 Personen gegenüber 530 im Jahre 2008. Bratschi ist fasziniert vom Thema und den Möglichkeiten, die «Corporate Architecture» bietet. Er möchte vor allem auf Unternehmerseite das Bewusstsein für mehr «Gehalt» beim Bauen von Firmensitzen und Produktionsstätten stärken.
 
Wie bereits nach der ersten Austragung werden die Initianten auch diesmal im Laufe des Jahres vertiefende Veranstaltungen zum Thema organisieren. So ist in Zusammenarbeit mit dem gta-Institut der ETH Zürich eine Ausstellung geplant, und diverse Livetalk-Veranstaltungen sollen ab Herbst stattfinden. Virginia Rabitsch
 

Jugendherberge Scuol

  • Hauptsieger
  • Kategoriensieger «Hotels, Restaurants, Sport- und Wellnessanlagen»
  • Sonderpreis «Green Technology»
 
  • Bauherrschaft: Schweizerische Stifung für Sozialtourismus, Zürich
  • Architektur: ARGE Sursass (Marisa Feuerstein, Annabelle Breitenbach, Men Clalüna, Jon Armon Strimer), Scuol
  • Fertigstellung: 2007
 

Nachgefragt bei Jurypräsident Christof Glaus 

Was verstehen die Organisatoren und die Jury unter Marketing und Architektur? Dieses Wortpaar assoziiert man leicht mit der Vorstellung «jedes Haus ein Logo».
Christof Glaus: Genau diese Befürchtung hatten am Anfang viele. Das wollen wir aber gerade nicht. Wir suchen nicht die bildliche, spektakuläre Architektur. Dies würde sich in den meisten Fällen auch nicht mit dem Kontext vertragen. Viele Objekte befinden sich in einem städtischen Umfeld. Da ist eine subtile Integration unabdingbar. Wichtig ist, dass die Architektur oder Innenarchitektur mit der Firmenphilosophie, dem Produkt, übereinstimmt. So entspricht zum Beispiel beim diesjährigen prämierten Projekt «Ida Gut Zürich» die Architektur in Schlichtheit, Detailliebe und Qualität den Kleiderkreationen der Bauherrin Ida Gut. Gerade kleinere Unternehmen haben oft eine sehr persönliche Identität, die sie nach aussen tragen möchten, und eignen sich ausgezeichnet für solche Umsetzungen.
 
Die Jury bestand nicht nur aus Architekten, es waren auch Unternehmens- und Marketingvertreter dabei. Inwiefern haben diese das «Architektenurteil» beeinflusst oder verändert?
Sie haben uns ab und zu ein wenig auf den Boden geholt. Denn sie fragten immer wieder: «Was wollen die eigentlich? Wer soll angesprochen werden?» So mussten wir dann vielleicht zur Kenntnis nehmen, dass ein architektonischer Ausdruck, der uns etwas beliebig erschien, aus einem bestimmten Grund genau dies bezweckte. Wir waren also angehalten, beim Beurteilen der Architektur immer das Marketingkonzept, das Zielpublikum oder die Strategie im Hintergrund zu berücksichtigen.
 
Was waren die Kriterien für die beiden Sonderpreise Green Technology und Beste Teamleistung?
Wir haben uns lange darüber unterhalten, was wir unter dem Begriff Green Technology verstehen. Neben der reinen Technologie zählen für uns auch soziologische, ökologische und ökonomische Aspekte dazu sowie die Verankerung am Ort. Diese Kriterien erfüllt die Jugendherberge in Scuol vorbildlich. Die beste Teamleistung wiederum wird vom Sieger, der Raiffeisenbank, gut verkörpert. Sie hat nicht eine Corporate Identity im Sinne einer baulichen Standardisierung. Vielmehr verfolgt sie eine Strategie der lokalen Verbundenheit. Das heisst, bei jedem Projekt müssen die Beteiligten wieder neu gebrieft und neue passende Lösungen gefunden werden. Diese Diversität innerhalb einer Gruppe ist anspruchsvoll und fordert eine engagierte Zusammenarbeit vieler Partner. (vra)
 
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