«Ich bin Verfechter dieser Bauform»

«Ich bin Verfechter dieser Bauform»

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Teaserbild-Quelle: Bild: Eric Kocher
Hochhäuser ermöglichen einerseits verdichtetes Bauen und eine haushälterische Bodennutzung, bringen andererseits aber auch Probleme in Bezug auf Ökologie, Ästhetik und Wohlbefinden der Bevölkerung mit sich. Bruno Marchand, Professor für Architekturtheorie an der ETH Lausanne, über Hochhausprojekte in der Romandie.
 
Bild: Eric Kocher
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Bruno Marchand
 
Nach Basel und Zürich gibt es nun auch am Genfersee immer mehr Hochhausprojekte. Erleben wir gerade einen tiefgreifenden Wandel in der schweizerischen Architektur oder ist es nur eine Modeströmung?
Bruno Marchand: Es ist ein tiefgreifender Wandel! In den 50er- und 60er-Jahren schossen in der Schweiz mittelgrosse Hochhäuser aus dem Boden. In den 80er- und 90er-Jahren schwang das Pendel dann zurück und Hochhäuser waren aus verschiedenen, vor allem aus historischen Gründen als städtische Bauform fast gänzlich tabu. Ich glaube, dass die vielen neuen Hochhäuser für eine gewisse Öffnung hin zu anderen uns bekannten städtischen Bauformen stehen und Ausdruck einer grundlegend neuen Sichtweise in der schweizerischen Architektur sind.
 
Welches Westschweizer Projekt ist am realistischsten?
Falls es keinen Widerstand aus der Bevölkerung gibt, stehen meiner Meinung nach die Chancen gut, dass sich das Hochhausprojekt Beaulieu in Lausanne in den nächsten fünf bis zehn Jahren umsetzen lässt. Das ist ein sehr symbolischer Ort, der bereits stark im Wandel begriffen ist, und das Hochhaus könnte ein Symbol sein für die grosse Bedeutung, die Beaulieu für die Stadt Lausanne hat. Das Projekt des Architekturbüros Pont 12 belastet die Umwelt zudem kaum, es ist gut ins Stadtbild integriert und wirtschaftlich machbar.
 
Und bei welchem Projekt stehen die Chancen für eine Verwirklichung weniger gut?
Die Realisierung der Hochhäuser in La Praille in Genf dürfte schwierig sein, vor allem aufgrund der geologischen Bodenbeschaffenheit. Es ist eine recht grosse Ansammlung von Hochhäusern. Der Planungsaufwand bis zur Umsetzung ist gross.
 
Im Juni letzten Jahres debattierten Sie an einer vom Schweizerischen Verband der Immobilienwirtschaft SVIT organisierten Tagung mit Thierry Paquot. Der französische Städtebauphilosoph und Autor der Buches «La folie des hauteurs» (Edition Bourin, 2008) ist ein Gegner von Hochhäusern, die er als «Gefängnisse» bezeichnet, die eine Stadt ihrer Seele berauben. Was waren seine Argumente?
Seiner Ansicht nach sind diese architektonischen Formen sinnentleert und nicht für den städtischen Raum geeignet. Insbesondere, weil sie durch die vielen benötigten Parkplätze die Umwelt belasten. Er nennt auch Studien, die aufzeigen, dass Menschen, die in Hochhäusern arbeiten, häufiger gesundheitliche und psychische Probleme im Zusammenhang mit der Beziehung zum Raum und zu den Mitmenschen haben.
 
Und was ist Ihre Meinung dazu?
Ich bin ein Verfechter dieser Bauform, denn sie hat technische, wirtschaftliche und ökologische Vorteile und darüber hinaus eine künstlerische, ästhetische und kreative Dimension. Für mich sind Hochhäuser keine notwendigen Übel. Sie können sehr ästhetisch sein. Nehmen Sie zum Beispiel die Hochhäuser, die Jean Nouvel oder Herzog und de Meuron in New York gebaut haben. Sie sind absolut bemerkenswert. Die Hochhäuser in der Schweiz sind, mit wenigen Ausnahmen, leider nicht gerade schön, weil sie aus den Sechziger- und Siebzigerjahren stammen. Wir haben noch keine zeitgenössischen Referenzwerke.
 
Welche Hauptprobleme gibt es gegenwärtig beim Hochhausbau?
Die Gebäude müssen der verschärften Umweltproblematik wirklich gerecht werden. Der grosse Nachteil von Hochhäusern ist, dass man aufgrund der Höhe in der Regel die Fenster nicht öffnen kann. Es sind also Klimaanlagen nötig, die mit der heute geforderten nachhaltigen Entwicklung nicht mehr vereinbar sind. Zudem ziehen sie viele Menschen und damit eine grosse Anzahl Fahrzeuge an.
 
Was ist ein typisches Beispiel für schlecht integrierte Hochhäuser?
Der Stadtteil La Défense in Paris. Diese Architektur ist geprägt von Betonflächen über Tiefgaragen, von seelenlosem Aussenraum, in dem sich Hochhaus an Hochhaus reiht als Sinnbild für zügellose Spekulation. Glücklicherweise hat man daraus gelernt und der Diskurs hat sich so weit gewandelt, dass solche Projekte nie mehr entstehen werden.
 
Gibt es denkbare Lösungen für diese Probleme?
Ja, ich setze mich für verschiedene Punkte ein. Zu allererst ist es sehr wichtig, Hochhäuser an Standorten zu planen, die durch den öffentlichen Verkehr gut erschlossen sind, damit sie sich besser in die Umgebung einfügen. Ausserdem ist eine Durchmischung von Wohnen, Arbeiten und Infrastrukturanlagen vorzuziehen, damit die Hochhäuser nicht nur tagsüber genutzt werden. Sie sollten zudem öffentlich zugänglich sein. Die Stadt Zürich schreibt vor, dass Hochhäuser über öffentlich zugängliche Einrichtungen wie etwa Restaurants verfügen müssen, damit sie nicht zu völlig abgeschotteten Orten werden, wie das bei Firmenhochhäusern häufig der Fall war. Schliesslich müssen Hochhäuser sehr umweltfreundlich sein. Die Arbeiten von Renzo Piano sind in diesem Zusammenhang sehr interessant. Sie nutzen Windenergie und beziehen sogar die Natur ein. Auf mehreren offenen Stockwerken zieren hängende Gärten das Gebäudeinnere oder die Fassade, so etwa beim Hochhaus, das der Architekt in Turin erstellt hat. Das Hochhaus ist eine wahrhaft geniale städtische Bauform, weil es zu sehr interessanten Experimenten herausfordert.
 
Es mag gerechtfertigt sein, in die Höhe zu bauen, um die Siedlungen zu verdichten und Platz für jährlich mehrere Tausend neue Einwohner in der Westschweiz zu schaffen. Das ist zumindest die Ansicht der meisten Behörden, die Hochhausbauten in den kantonalen Richtplänen berücksichtigen. Besteht aber nicht das Risiko, dass Hochhäuser die Landschaft zu stark einnehmen?
Es ist so, dass einige Kantone, zum Beispiel die Waadt, noch nicht über regionale Strategiepläne verfügen, welche Hochhauszonen und die Erscheinungsformen von Hochhäusern genau definieren. Ich muss aber betonen, dass bei den laufenden Projekten die Hochhäuser immer in Stadtzentren gebaut werden.
 
Auf Gemeindeebene tauchen überall neue Projekte auf. Was müssten die Behörden unternehmen, damit eine kohärente Regionalplanung gewährleistet ist?
Wie in vielen Bereichen wird zuerst gehandelt und erst danach diskutiert. Den Hochhausprojekten gingen jedoch häufig Studien zur Landschaftsintegration voraus, in welchen bestimmt wurde, welche Standorte und welche Gebäudehöhen in einer bestimmten Umgebung geeignet sind. In Genf wäre zum Beispiel das rechte Seeufer neben dem UNO-Gebäude für Hochhäuser geeignet, weil dort die Landschaft im Hintergrund nicht beeinträchtigt würde. Am linken Seeufer würden sie die visuelle Verbindung der Stadt mit dem Mont Blanc und 2020 den Alpen empfindlich stören. Solche Überlegungen müssen tatsächlich auf regionaler Ebene gemacht werden und können nicht von Fall zu Fall entschieden werden.
 
Angesichts des 828 Meter hohen Burj Khalifa in Dubai kann man sich fragen, ob es nicht einen Wettstreit darum gibt, wer das höchste Gebäude hat.
Ja. Und das ist sehr mühsam. Viele Regierungen und Staaten setzen auf diese Strategie. Das Hochhaus ist ein Symbol für eine dynamische Wirtschaft. Das ist völlig sinnlos und sehr ärgerlich.
 
Was halten Sie vom 26-stöckigen Turm, den Herzog und de Meuron in Davos planen?
Laut den Architekten ist ein Hochhaus an diesem Standort und in dieser Umgebung die einzig mögliche architektonische Antwort, um ein wirtschaftliches Zentrum zu schaffen und gleichzeitig eine Zersiedelung zu vermeiden. Mich persönlich überzeugt diese Argumentation nicht. Sie wollen ein horizontales Gebäude senkrecht in die Höhe bauen, und ich bin nicht sicher, ob das in diesem konkreten Fall die beste Lösung ist.
 
Wie kommen die aktuellen Hochhausprojekte bei der Schweizer Bevölkerung an?
Das ist eine gute Frage. Ich muss gestehen, dass ich darüber gar nichts weiss. Bis jetzt war die Bevölkerung Hochhäusern gegenüber sehr ablehnend, weil diese einen Bruch mit den bisher bekannten Höhenverhältnissen in der Schweizer Stadtlandschaft bedeuten. Es wäre interessant zu sehen, ob sich diese Haltung in der Bevölkerung geändert hat, vor allem da Hochhäuser in der heutigen Zeit sehr präsent sind. Ich persönlich vermute jedoch, dass das globalisierte Konzept «Hochhaus» nicht allen gefällt. Das für 2030 geplante, 25 Stockwerke hohe Gebäude (70 bis 80 Meter hoch) neben dem Bahnhof Coppet, welches das Wahrzeichen eines Ökoquartiers für 2500 Einwohner werden sollte, wird genau aus diesem Grund nicht zustande kommen. (Emilie Veillon)