Hoch oben nahe der Sonne

Hoch oben nahe der Sonne

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Teaserbild-Quelle: Florencia Figueroa
In einem Kran herrschen im Sommer trotz Klimaanlage und offenem Fenster Temperaturen zwischen 25 und 35 Grad. Unablässig erhitzt die Sonne die enge Kabine. Kranführer Tun Komani stört das nicht: Er ist davon überzeugt, den schönsten Beruf zu haben, den man ausüben kann.
 
Gibt es hier denn keine Klimaanlage?» Kranführer Tun Komani zeigt unter seinen Sitz und sagt: «Funktionieren tut sie zwar; aber es nützt nicht viel.» Schweisstropfen rinnen seine Stirn runter. In der Kabine herrschen an die 25 bis 35 Grad. Erbarmungslos und unermüdlich erhitzt die Sonne die Kabine des Turmdrehkrans. Dass die Türe und die Fenster der Kabine offen sind, hilft nichts, weil sich das Fenster aus Sicherheitsgründen nur einen Spaltbreit kippen lässt, sodass kein Durchzug möglich ist. Beinahe neidisch wird man deshalb, wenn man die Bauarbeiter betrachtet, die unten auf der Baustelle Ameisen gleich geschäftig am Bohren, Hämmern, Zimmern und Betonieren sind. Zwar sind auch sie der Sonne ausgesetzt. Wegen der Höhe des Gebäudes, an dem sie arbeiten, und wegen des lauen Windes scheinen sie es aber weniger heiss zu haben als die Kranführer, die hoch oben über der Baustelle thronen.
 
Insgesamt sind es sieben Turmdrehkrane, die zurzeit auf dem Baufeld A des neuen Stadtteils Europaallee in Betrieb sind. Das 78 000 Quadratmeter grosse Areal, das direkt neben dem Hauptbahnhof Zürich liegt, besteht aus acht Baufeldern (A bis H). Bebaut werden zurzeit die Baufelder A und C, wobei C sich noch in der Baugrubenphase befindet. Die Gebäude des Baufelds A hingegen sind bereits im Rohbau. Komanis Kran ist für das Gebäude A23 zuständig und der zweithöchste, der sich auf dem Feld befindet. Stolze 60 Meter ist er hoch und sein Ausleger misst 50 Meter. Der höchste Turmdrehkran auf der Baustelle ist «nur» zehn Meter höher als Komanis Kran und ebenfalls für das Gebäude A23 zuständig. Die Gefahr, dass sich die Krane in die Quere kommen, ist zwar relativ klein, aber sie besteht, wie Komani erklärt: «Ich muss aufpassen, dass ich mit meinem Ausleger nicht in den Hebelzug des anderen Krans gerate.» Vor allem wenn es hektisch zu und hergeht, gilt es aufzupassen. Heute gibt es für Komani jedoch nicht so viel zu tun: Die Bauarbeiter auf dem Gebäude A23 sind nämlich vor allem mit Betonieren beschäftigt. Eine körperlich harte Arbeit, die wegen der Hitze zusätzlich erschwert wird. Weil jedoch der Beton während der Arbeiten auszutrocknen droht, wird er ständig mit Wasser bespritzt. Eine Abkühlung, die es oben auf dem Kran nicht gibt
 

Frische Luft

Um doch noch etwas frische Luft zu bekommen, verlässt Komani ab und zu die Kabine und stellt sich auf das Hinterteil des Krans. Von hier aus überblickt er die Baustelle nicht nur sehr gut, sondern es weht auch noch ein angenehm kühler Wind. Das Verlassen der Kabine ist aber nur möglich, weil es, wie bereits erwähnt, heute nicht so viel zu tun gibt. Wegen der Betonpumpe, die den Beton über Schläuche auf das zehngeschossige Gebäude hoch pumpt, ist es heute zudem gar nicht möglich, das, was sich Fusse des Gebäudes befindet, auf das Gebäude zu heben. Komani ist heute deshalb vor allem damit beschäftigt, den Bauarbeitern, die auf dem Gebäude arbeiten, zu helfen, indem er Dinge, die sie nicht tragen können, verschiebt. Dazu gehören der Rundverteiler und seine Schläuche sowie kleine Container, in die der überschüssige Beton gepumpt wird. Ebenso dazu zählen die Abfallcontainer, mit denen Überreste von Eisen, Glas und Holz getrennt voneinander gesammelt werden.
 
Immer, wenn es etwas zu heben gibt, machen sich die Bauarbeiter unten auf der Baustelle per Funk, aber auch per Handzeichen bemerkbar. Untereinander kommunizieren sie übrigens nur in Italienisch. «Ich musste diese Sprache ziemlich schnell lernen, weil ich mich ansonsten überhaupt nicht hätte verständlich machen können», erklärt Komani, der ursprünglich aus dem Kosovo stammt und insgesamt vier Sprachen spricht (Italienisch, Deutsch, Albanisch und Serbisch).
 

Wind und Sicht sind das A und O

Am späteren Nachmittag kommt dann doch etwas mehr Leben auf. Komani, der gerne viel von seiner Arbeit erzählt, dafür aber wenig zu seiner Person, ist hocherfreut, dass er doch noch dazu kommt, etwas Schweres zu heben. Über Funk wird ihm mitgeteilt, dass die Schalungen, die sich am Fusse des Gebäudes A23 befinden, auf die Baustelle hoch gehoben werden müssen. Die Betonpumpe steht weit weg von den Schalungen entfernt, sodass sie nicht im Weg steht. Mit zusammengekniffenen Augen und höchst konzentriert bewegt Komani den Ausleger und lässt die Laufkatze fahren, um gleich darauf den Hebelzug sanft runterzulassen. 60 Meter weiter unten wartet schon ein Bauarbeiter, der den Lasthaken des Krans an die Schalung montiert, danach erhebt er den Arm und macht mit der Hand Drehbewegungen. Das ist das Zeichen für Komani: Vorsichtig hebt er die Schalung vom Boden an. Sie ist 1000 Kilogramm schwer. Der Kran kippt nach vorne und beginnt zu schwanken. Komani lacht: «Das ist noch nichts.» Sein Kran könne bis zu acht Tonnen heben. Bei solch schweren Lasten seien die Schwankungen grösser und das Manövrieren deshalb schwieriger. Komani macht das allerdings schon seit 26 Jahren und seit 16 Jahren für die Firma Anliker AG Bauunternehmung. Seine Hand ist ruhig und trotz der Schwankungen kann er die Schalung langsam und sicher auf das Gebäude heben. Währenddessen erklärt er: «Je fortgeschrittener ein Bau ist, desto schwieriger wird es, den Kran zu manövrieren.» Das kommt daher, dass der Bau dem Kranführer teilweise die Sicht nimmt. Die Schwierigkeit beim Manövrieren eines Krans liegt somit nicht in der Höhe, sondern ob der Kranführer eine freie Sicht auf die Baustelle hat oder nicht. Eine weitere Schwierigkeit beim Manövrieren eines Krans ist der Wind: Wenn er zu stark ist, kann der Kranführer die Schwankungen nicht mehr kontrollieren. Der kritische Wert liegt bei 60 bis 80 Kilometern pro Stunde. Komani deutet kurz auf ein Anzeigegerät: «Dort kann ich die Windstärke jederzeit ablesen. Momentan sind es zehn Kilometer pro Stunde. Keine Gefahr also.»
 
Die Schalung ist mittlerweile auf dem Gebäude A23. Sofort wird sie vom Lasthaken gelöst. Komani fährt sich mit der Hand über die Stirn und wischt sich den Schweiss ab. Danach kramt er in der Plastiktüte, die an der Armlehne seines Sitzes hängt und die voll mit Pet-Flaschen gefüllt ist. Er nimmt einen grossen Schluck Wasser. Gegen die Hitze ist er gut gewappnet. Was aber, wenn er plötzlich auf die Toilette muss? Komani bleibt von 7:30 Uhr morgens bis 17:30 Uhr abends durchgehend in seinem Kran. Nur morgens, bevor er in den Kran steigt, und abends, sobald sein Arbeitstag zu Ende ist, geht er auf die Toilette. Selten kommt es vor, dass er auch tagsüber schnell mal weg muss. Sollte dies der Fall sein, dann meldet er sich halt beim Baustellenchef für die nächste Viertelstunde ab. Florencia Figueroa