Häuser, die vom Himmel fallen

Häuser, die vom Himmel fallen

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Teaserbild-Quelle: zvg
Der Architekt Hansruedi Bolliger hat ein Haus entworfen, das über Krisengebiete abgeworfen werden kann. Darin Platz finden bis zu zwölf Personen. Ausserdem weist die Notunterkunft zwei kleine Kochnischen sowie eine Toilette und eine Dusche auf. Bisher konnte das Projekt jedoch nicht realisiert werden.
 
Welch dramatische Auswirkungen Naturkatastrophen haben können, zeigte unlängst die verheerende Überschwemmung 2010 in Pakistan: 1500 Menschen kamen zu Tode, 2000 wurden verletzt, und an die 20 Millionen sind obdachlos. «Bei einem derartigen Unglück dreht sich mir buchstäblich der Magen um», sagt Hansruedi Bolliger. Dem pensionierten Architekten ist es seit jeher ein grosses Anliegen, in Not geratenen Menschen zu helfen. Hierfür entwickelte Bolliger 1978 für das Schweizerische Rote Kreuz, das damals nach neuen Ideen für die Katastrophenhilfe suchte, das Lebensretterhaus. «Da es sich bei der Notunterkunft aber um eine ungewöhnliche Erfindung und ein globales Projekt handelt, gab es erhebliche Widerstände gegen eine Realisierung», erklärt der 76-Jährige. Deshalb habe er sein Haus, obwohl es auf positive Resonanz gestossen ist, bisher nicht umsetzen können. Dabei sah es am Anfang so gut aus. Das Konzept fand sowohl hierzulande als auch weltweit grossen Anklang und gewann 1987 in einem Wettbewerb der Unesco und der Union International des Architects den 1. Preis. Bald jedoch wurde Kritik laut. Moniert wurde, das Projekt sei viel zu teuer und für eine Notunterkunft auch zu luxuriös eingerichtet. Neben zwei Kochnischen enthält das Haus für zwölf Personen auch eine Toilette und eine Dusche.
 

Kochen mit der Sonne

Wie ein richtiges Gebäude darf man sich das Lebensretterhaus aber nicht vorstellen. Im Wesentlichen besteht die Notunterkunft aus zwei senkrecht stehenden Stahlrohren, von denen das eine 3 Meter hoch ist und einen Durchmesser von 1,2 Meter aufweist. Der zweite, schmalere Zylinder befindet sich im Innern des ersten und ist 2 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 90 Zentimetern. In seinem Inneren finden die Nutzer des Hauses eine Trockentoilette und die Dusche vor. Die zwei kleinen Kochnischen wurden im Gegensatz zu den sanitären Anlagen nicht im Innern des zweiten Zylinders, sondern am äusseren Rand des grösseren Stahlrohrs eingelassen und weisen einen Holz- und einen Solarherd auf. «In vielen Krisengebieten herrscht Holzmangel», erklärt Bolliger. Deshalb habe er neben einer mit Holz beheizten Platte noch einen Solarherd integriert, der mit Vakuumröhrenkollektoren erhitzt wird. Als Wärmeträger zirkuliert Öl durch das geschlossene Leitungssystem der Kollektoren. Dieses kann, je nachdem wie stark die Sonne scheint, bis zu 200 Grad heiss werden.
 
Auf der gegenüberliegenden Seite der Kochnische befindet sich der Eingang zur Dusche und Toilette. Das Wasser für die sanitären Anlagen und für das Kochen liefert ein 600-Liter-Tank. Dieser findet im Hohlraum zwischen den beiden Rohren Platz. «Der Clou des Lebensretterhauses ist aber, dass es überallhin transportiert werden kann, weil man es mit dem Flugzeug abwerfen kann», sagt Bolliger. «Dieser Umstand ist wichtig, da nach einer Katastrophe – sei es nun ein Erdbeben oder eine Überschwemmung – die Infrastruktur meist nicht mehr zu gebrauchen ist, sodass man kaum in das Krisengebiet vordringen kann.» Hilfe zu leisten werde dadurch erheblich erschwert.
 

Notunterkunft wird zu echtem Haus

Das Lebensretterhaus wiegt rund 200 Kilogramm und ist mit einem Fallschirm ausgestattet. Dieser wird nach der Landung in ein Zelt umfunktioniert, das um das Stahlrohr herumgespannt wird. Das Zelt hat aber nicht nur die Funktion eines schützenden Dachs, sondern sammelt auch Regenwasser, das in den Tank geleitet wird.
 
Wie Bolliger erläutert, unterstützt sein Projekt die notleidenden Menschen auf mehreren Ebenen: «In der ersten Phase erhalten sie Soforthilfe, indem das Stahlrohr als eigentlicher Hauskern über das Katastrophengebiet abgeworfen wird.» Sobald das Lebensretterhaus mit all seinen Installationen eingerichtet sei und der Fallschirm bereits als Zelt fungiere, trete als Zweites die Rettungsphase ein. «Zum Schluss kommt die dritte und letzte Phase, die des Aufbaus.»
 
Dazu muss das Zelt zu einem Trichterdach mit einem Regenkollektor umfunktioniert werden, sodass unterhalb von ihm Wände gebaut werden können.
 
«Auf diese Weise wird aus der Notunterkunft ein richtiges Gebäude, in dem die Bewohner auch nach der Katastrophe leben können», erklärt Bolliger. Aus diesem Grund seien die sanitären Anlagen kein Luxus, wie manche Kritiker behaupten, sondern unabdingbar. «Die kleine Dusche kann ohnehin nur betätigt werden, wenn genügend Wasser fürs Kochen vorhanden ist.»
 
Auch den Vorwurf, dass das Lebensretterhaus zu teuer sei, um realisiert zu werden, lässt der Tüftler nicht gelten: «Die Kosten für den Prototypen belaufen sich auf rund 50 000 Franken. Auf den ersten Blick mag das viel Geld sein. Würde man das Lebensretterhaus aber bei einer Pilotserie von 100 Stück produzieren, liesse sich der Preis auf etwa 10 000 Franken pro Notunterkunft reduzieren, bei einer globalen Grossserie könnte man ihn vielleicht sogar auf 5000 Franken runterdrücken.» Bevor es aber so weit ist, muss der Architekt beweisen, dass das Haus, vor allem aber dessen Abwurf, auch funktioniert. Getestet wurde die Notunterkunft bisher bloss als Modell im Massstab 1:10, als Bolliger es von einem Kirchturm fallen liess.
 

«Versuch gelang einwandfrei»

Das Resultat dieses Experiments begeisterte den Tüftler ungemein: «Der Flugversuch war einwandfrei.» So hätten sich die drei Spitzen, die sich unten am Stahlrohr befinden, wie geplant in den Boden gebohrt. Auf diese Weise sei der Aufprall bei der Landung gedämpft worden, sodass der Zylinder stehen geblieben und nicht zur Seite gekippt sei. Jetzt muss Bolliger noch beweisen, dass das auch mit dem Prototypen in Originalgrösse geht. Dafür zuständig ist der neu gegründete Verein Lebensretterhaus (LRH). Dieser sucht einerseits nach Leuten, die den Prototypen bauen wollen, und anderseits nach einem geeigneten Ort für den Abwurf. Im Auge hat der LHR einen Schiessplatz, weshalb er zurzeit mit der Schweizer Luftwaffe am Verhandeln ist. Für die Kosten kommt mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Sponsor auf, der sein Interesse am Projekt bekundet hat.
 

30 Jahre gesucht – ohne Erfolg

«Läuft alles glatt, bin ich mir sicher, dass es nicht mehr schwer sein wird, das Lebensretterhaus zu realisieren», ist Bolliger überzeugt. Seit über 30 Jahren schon sucht er nach Leuten, die ihm helfen, seinen Traum zur realisieren (siehe «Anti-Bomb»). Bisher hat sich jedoch nichts Konkretes ergeben. Trotz den Rückschlägen denkt der Architekt nicht daran aufzugeben. Er und der Verein werden mit aller Kraft weiterhin daran arbeiten, dass das Lebensretterhaus verwirklicht wird. Denn die nächste Katastrophe kommt bestimmt.