Gigantisch und gefrässig

Gigantisch und gefrässig

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Teaserbild-Quelle: Fridolin Walcher, WalcherBilder
Sie ist 160 Meter lang, 1500 Tonnen schwer und hat einen Durchmesser von acht Metern: Die Tunnelbohrmaschine ist riesig – aber genau richtig für den Bau des grössten Schweizer Pumpspeicherkraftwerks im Kanton Glarus.
 
Verborgen vor den Blicken der Öffentlichkeit wütet tief im Innern des Bergmassivs Hauserhorn in Tierfehd ein Monstrum. Mit seiner enormen Kraft lässt das Ungetüm keinen Stein mehr auf dem anderen und zermalmt alles, was ihm in die Quere kommt, zu Staub. Ehe es sein Ziel erreicht hat, wird es nicht ruhen.
 
Ein Glück, dass es sich beim unheimlichen Koloss nicht um ein echtes Ungeheuer handelt, sondern bloss um eine Tunnelbohrmaschine (TBM), die – von Menschenhand geführt – den Zugangsstollen I für das neue Pumpspeicherkraftwerk «Projekt Linthal 2015» erstellt. Gebaut wird das zurzeit grösste Energiebauvorhaben der Schweiz von der Kraftwerke Linth-Limmern AG. Die Kosten dafür belaufen sich auf rund 2,1 Milliarden Franken (siehe «baublatt» 46/2010). Der zu erstellende 3,8 Kilometer lange und rund acht Meter breite Zugangsstollen I ist eigentlich «nur» ein kleiner Teil der immensen Baustelle, was aber nicht bedeutet, dass die Aufgabe minder schwierig ist. Insbesondere, weil der Stollen eine Steigung von 24 Prozent aufweist. «Noch nie wurde mit einer derart grossen Maschine so steil gebohrt», betont Baustellenchef Christian Ris. Bei diesem Bauvorhaben war der Fortbewegungsmechanismus der TBM deshalb besonders gefordert. Je nach Maschinen-Typ sieht dieser anders aus. Derjenige in Tierfehd funktioniert nach dem Gripperprinzip. Ris erklärt: «Ähnlich einer Raupe stützt sich die TBM mit sogenannten Grippern am Felsen ab. Beim Voranschreiten zieht sie diese nacheinander ein und setzt sie weiter vorne wieder ab. Sobald sie einen festen Halt hat, schiebt sie ihre Nachläufer nach.» Bei diesem Vorgang besteht bei einer Steigung die Gefahr, dass die Maschine beim Voranschreiten nach hinten rutscht. Um dies zu verhindern, hat sie eine sogenannte Rückfallsicherung. Das sind zwei Auflageplatten, die fest an die Tunnelwand gedrückt werden, sodass die TBM während des Voranschreitens fest verankert ist.
 

Gestein wird zu «Kleinholz»

Der Grund, weshalb die Gripper-TBM für den Bau des Zugangsstollens I ausgewählt wurde, liegt aber nicht an ihrem Fortbewegungsmechanismus – auch andere Typen dieser Maschine hätten die Steigung überwinden können –, sondern vielmehr am Felsen. Seine Beschaffenheit ist es, die bestimmt, ob gesprengt oder gebohrt wird, und vor allem auch, welche Tunnelbohrmaschine zum Einsatz kommt. «Der Berg besteht im Bereich, wo der Stollen gebaut wird, aus Quinterkalk», sagt Christian Ris. Dabei handelt es sich, um ein solides, mittel hartes Gestein, für das die Gripper-TBM extra entwickelt wurde. Nur seiner Standfestigkeit wegen ist es möglich, dass sich die Gripper während des Voranschreitens gegen den Fels drücken können, ohne dass dieser nachgibt.
 
Dem 120 Tonnen schweren Bohrkopf hat der solide Quinterkalk jedoch nichts entgegenzusetzen: Mit voller Wucht und ohne Erbarmen presst die TBM ihre Spitze gegen das Gestein und macht aus ihm dank 66 Ringmeisseln kurzerhand «Kleinholz». Das Ausbruchsmaterial verschwindet durch die Öffnungen am Bohrkopf und wird mit Förderbändern nach Draussen transportiert. Das unersättliche Monstrum, das in Tierfehd non-stop «am Fressen» ist, verschlingt an einem Tag durchschnittlich 2000 Tonnen Gestein. «Bei guten Felsverhältnissen kommt die TBM bis zu 22 Meter pro Tag vorwärts», erklärt Ris, in Zaum gehalten wird das Ungetüm von 16 Arbeitern, die es über einen einzigen Computer steuern.
 
Angetrieben wird das Monstrum von einem Maschinenteil aus, das sich direkt hinter dem Bohrkopf befindet. Nach diesem folgen acht Waggons, Nachläufer genannt, auf denen sich eine Werkstatt, ein Bahnhof sowie zwei fahrbare Baustellen, eine für das Montieren von Tübbinge, sprich Schwellen und die andere für das Applizieren von Spritzbeton, befindet. Zusammen gekoppelt werden die Waggons mit Schleppzylindern und vorwärts kommen sie wie ein Schneeschlitten, mit Kufen. Wofür aber sind die vielen Nachläufer nötig? «Die Werkstatt soll gewährleisten, dass die TBM läuft. Deshalb fahren auf diesem Waggon ein Mechaniker und ein Elektriker mit, die bei einem Schaden sofort bereit stehen», erklärt Ris. Die Spritzbetonplattform braucht es, um den Tunnel zu verkleiden, und die der Tübbinge, um die Sohlensteine für das Gleis zu montieren. Zwar fahren weder die TBM noch ihre Nachläufer auf Schienen, der Zug aber schon. Wegen ihm gibt es auch den Bahnhof. «Auf ihm werden die Baumaterialien wie zum Beispiel der Spritzbeton für die Verkleidung angeliefert, und die Arbeiter transportiert, die nach acht Stunden jeweils ihre Schicht wechseln», erklärt Ris. Die Gleise werden kurz vor dem Bahnhof auf die Sohlensteine verlegt, sodass der Zug immer soweit mitfahren kann, wie die Tunnelbohrmaschine vorwärts gekommen ist. Auf den restlichen Nachläufern finden sich ein WC, Hydraulikgeräte, Lüfter sowie ein Entstauber und mehrere Trafoanlagen.
 
Ein wichtiger Teil der TBM befindet sich aber nur fünf Meter direkt hinter dem Bohrkopf: Die Tunnelsicherung. Das ist eine Plattform, auf der mehrere Arbeiter dafür sorgen, dass der Felsen während des Vortriebs nicht einreisst. Das geschieht mit Netzen und Ankern. Wo nötig, wird der Tunnel aber auch mit Spritzbeton abgesichert, indem man ihn auf die Paramente (Wände) und die First (Decke) sprüht. Sobald diese Arbeiten erledigt sind, kann das Ungetüm seinen Weg ungestört fortsetzen. Ein Ende findet die grosse «Fresserei» voraussichtlich im Spätsommer 2011 mit dem Durchstich. Bis dahin bleibt dem Monstrum aber genügend Zeit, um seinen Hunger zu stillen. Danach wird es in seine Einzelteile zerlegt und weggebracht. Florencia Figueroa