Gesund, oder doch lieber rentabel?

Gesund, oder doch lieber rentabel?

Gefäss: 
Wer seine Gebäude auf die Gesundheit der Nutzer abstimmt, hat neben einem Imagegewinn auch finanzielle Vorteile. Darin waren sich die Referenten und Experten auf der nationalen Tagung „Mit Labeln zu gesunden Bauten“ einig. Unklar blieb jedoch, ob Labels der richtige Weg sind, um Gebäude zu fördern, in denen sich Menschen wohl fühlen.
 
Während der Arbeit ist es egal, wie sich jemand fühlt», sagte UBS-Konzernchef Oswald Grübel unlängst in einem Interview mit der «SonntagsZeitung». Ob solcher Aussagen stehen den Wissenschaftern, die sich mit nachhaltigem Bauen auseinandersetzen, die Haare zu Berge. Wenn sie sich auch sonst nicht überall einig sind, in einem Punkt stimmten sie an der Tagung «Mit Labeln zu gesunden Bauten?» in Zürich überein: Das Wohlbefinden spielt sehr wohl eine Rolle. Und zwar, weil es sich auf die Leistung und Produktivität der Mitarbeiter auswirkt. Angesichts der Tatsache, dass die Personalkosten den überwiegenden Anteil der Geschäftskosten ausmachen, ist es wichtig, ihnen ein gesundes Umfeld, sprich einen Baukomplex anzubieten, in dem es ihnen gut geht und sie sich entfalten können. Wie aber kann sich ein Gebäude auf einen Menschen auswirken? Die Wissenschaft hat zwei Gesichtspunkte definiert, die es bei einem gesunden Bau zu beachten gilt: die harten Einflussfaktoren, zu denen beispielsweise die Luft oder die Temperatur gehören, und die weichen Einflussfaktoren, zu denen die Arbeitsbedingungen wie zum Beispiel die Zufriedenheit oder der Stress zählen. Für die Bauherren von Bedeutung ist vor allem der erste Gesichtspunkt, sprich der harte Einflussfaktor. Beim Erstellen eines neuen Hauses müssen sie dafür besorgt sein, dass eine gute Lüftung oder eine gute Heizung eingebaut wird. Ansonsten werden die Mitarbeiter nicht nur leistungsunfähig, sondern auch krank, was zu Folgekosten im Betrieb und im Gesundheitswesen führt.
 
«Über diese Zusammenhänge ist man sich aber schon lange im Klaren», betonte Referent Bob Gysin an der Tagung. Der Architekt klärte das Publikum über die Historie des nachhaltigen Bauens auf und erzählte: «Ende des 19. Jahrhunderts galten Grossstädte wie London und Paris als ungesund, weil sie zu eng gebaut waren und es weder Kanalisationen noch Zentralheizungen gab. Damals kamen Bewegungen auf, die eine Rückkehr zur Natur forderten.» Ihre Anhänger hätten darauf plädiert, die ungesunden Städte weit hinter sich zu lassen. Die Bewegung verstand sich als Alternative zur raschen Industrialisierung im Europa der damaligen Zeit.
 

Sinn und Unsinn der Labels

Rund hundert Jahre später ist das Thema «nachhaltiges Bauen» in aller Munde. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie man in Bezug auf die Ökologie und auf die Gesundheit der Menschen richtig baut – jedoch nur, wenn die Kosten dafür nicht explodieren. Wie sich an der Tagung nämlich herausstellte, bremst die Wirtschaftlichkeit den guten Willen nach wie vor aus. Und allen kann man es ohnehin nicht recht machen. Die Quintessenz lautete deshalb: Es ist eine Abwägungsfrage. «Ein Gleichgewicht zwischen den Spannungsfeldern ‹profit, planet and people› zu finden, ist sehr schwierig. Je nachdem, was dem Bauherren wichtiger ist, wird er mehr Wert auf das eine oder das andere legen», erklärte Heinz J. Bernegger, Mitbegründer der Schweizer Gesellschaft für nachhaltige Immobilienwirtschaft (SGNI). Um dem gesunden Bauen zum Durchbruch zu verhelfen, müsse man deshalb Anreize schaffen: «Der Mehrwert, den man durch ökologische Gebäude erhält, ist nicht direkt erkennbar und deshalb auch nicht monetär genau bezifferbar. Dabei sind es enorme Kosten, die eingespart werden können. In erster Linie deshalb, weil die Mitarbeiter gesund und glücklich und damit produktiv bleiben. In zweiter Linie, weil Ressourcen geschont werden und die Erde nicht weiter verschmutzt wird.»
 
Eine Möglichkeit, gesunde Gebäude gegen aussen sichtbar zu machen oder zumindest attraktiver erscheinen zu lassen, sind Labels. Sie verhelfen Firmen zu einem guten Image. Wie an der Tagung zu erfahren war, gibt es aber viel zu viele: Im heutigen «Labelsalat» fände sich selbst ein Fachmann kaum mehr zurecht, geschweige denn die Laien, wurde kritisiert. Die Diskussion drehte sich deshalb hauptsächlich um Sinn und Unsinn solcher Labels; vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass das international bekannte Label DGNB (siehe «Hintergrund») in der Schweiz Fuss zu fassen versucht. Unterstützung findet dieses Ansinnen bei der SGNI, die im Juni dieses Jahres gegründet worden ist und darauf hinarbeitet, DGNB in der Schweiz salonfähig zu machen. Diese Idee begrüssen besonders jene, die nach einem europaweit gültigen Label für gesundes und nachhaltiges Bauen rufen. Aber auch dazu waren die Meinungen geteilt. Der Grund: «Die nationalen Standards sind viel zu unterschiedlich. Was in Spanien gültig ist, hat bei uns in der Schweiz keine Relevanz», meinte dazu Holger Wallbaum, Assistenzprofessor für nachhaltiges Bauen an der ETH Zürich. Die SGNI versucht deshalb auch, das DGNB-Label über eine länderspezifische Systemadaption an die Schweizer Besonderheiten anzupassen.
 

Labels sollten überflüssig werden

Des Weiteren wurde darauf hingewiesen, dass es auch darauf ankommt, wo man baut. Denn: Was beispielsweise im alpinen Bereich nachhaltig ist, gilt für den Städtebau nicht. Ein einheitliches Label, das quasi über jeden Bau gestülpt werden kann, ist deshalb kaum zu kreieren. Die radikalste Meinung unter den Experten vertrat Arthur Fagagnini, Geschäftsleiter der Bauengineering AG: «Schön wäre es, wenn die Gesetzgebung soweit fortgeschritten wäre, dass Labels überflüssig würden.» Dieser Meinung schlossen sich auch andere Spezialisten an. Jedoch wiesen sie darauf hin, dass man heutzutage halt noch nicht soweit sei, und man deshalb zurzeit auf Labels nicht verzichten könne. Reto Coutalides, Geschäftsführer der Bau- und Umweltchemie AG, meinte dazu: «Wir sind auf dem Weg der Besserung. Es gibt zwar nach wie vor viele Hindernisse zu bewältigen, aber die Diskussion findet wenigstens statt und die Bauherren, sowohl Firmen als auch Private, wissen, dass es Wege zu gesünderen Bauten gibt. Unsere Aufgabe besteht nun darin, die nachhaltige Bauweise zu unterstützen und zu fördern.» Vielleicht können auf diese Weise irgendwann einmal auch Konzernbosse wie Oswald Grübel überzeugt werden. Florencia Figueroa