Frischer Wind von den Seen

Frischer Wind von den Seen

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Teaserbild-Quelle: Tiefbauamt Kanton Bern
Die Impulse für die Baubranche im Kanton Bern kommen nicht nur aus der Hauptstadt, sondern vom Bieler- und Thunersee. Besonders in der zweisprachigen Stadt Biel hat eine beeindruckende bauliche Erneuerung begonnen.
 
 
Die jüngsten Quartalszahlen (Januar - März) des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV) für den Kanton Bern verzeichnen einen leichten Rückgang des Arbeitsvorrats im Tiefbau (ca. -3%) und und eine ansehnliche Zunahme desselben im Wohnungsbau (ca. +9,6%). Eine markante Zunahme des Arbeitsvorrats hat der SBV im öffentlichen Hochbau registriert (ca. +90%). Beim Auftragseingang zeichnet sich im ersten Quartal eine Verlagerung vom Wohnungsbau zum Tiefbau ab: Letzterer verzeichnet eine Zunahme der Aufträge gegenüber dem Vorjahresquartal um rund 20 Prozent. Die Aufträge im Wohnungsbau sind hingegen um über 20 Prozent zurückgegangen. Dagegen steht der öffentliche Hochbau mit einer Zunahme von über 60 Prozent im Aufwind.
 
Trotz rückläufigem Wohnungsbau ist ein zusätzlicher Impuls für das Ausbaugewerbe von den Förderbeiträgen des Kantons Bern für die energietechnische Sanierung von Gebäuden zu erwarten. Letztes Jahr unterstützte der Kanton derartige Vorhaben mit rund 20 Millionen Franken. Auch dieses Jahr steht nach Auskünften von Daniel Klooz, Vorsteher des Amtes für Umweltkoordination und Energie, etwa die gleiche Summe zur Verfügung. Letztes Jahr sei ein Investitionsvolumen von 150 Millionen Franken ausgelöst und 280 Millionen Liter Heizöl eingespart worden. Werde der Verbrauch fossiler Energieträger wie Öl und Gas um 10 Prozent reduziert, so Klooz, flössen 40 bis 50 Millionen Franken weniger aus dem Kanton ins Ausland, was einem Kaufkraftzuwachs in gleicher Höhe entspreche. Heute liege der Kaufkraftabfluss bei schätzungsweise 450 bis 500 Millionen Franken jährlich.
 

Aufschwung nach der Expo 02

Biel hat als Hauptstadt der Präzisionsindustrie in den vergangenen Jahrzehnten wegen seiner personalintensiven Unternehmungen immer wieder unter den verschiedenen Wirtschaftskrisen gelitten. Seit die zweisprachige Stadt Gastgeberin der Expo 2002 gewesen ist, zeichnet sich wieder ein kontinuierlicher Aufschwung ab: Die Bevölkerung hat seither konstant zugenommen und hat 2009 die 50000-er-Marke überschritten. Gleichzeitig sind mehr steuerkräftige Steuerzahler zugezogen und die Zahl der Arbeitslosen hat abgenommen.
 
Die Bevölkerungszunahme hat nicht nur die Nachfrage nach Wohnraum belebt. Fast 90 Unternehmungen aus den Bereichen Uhren, Präzisions- und Messinstrumente sowie Kommunikation haben in Biel eine Niederlassung oder sogar ihren Hauptsitz. Dies, obwohl die Steuerbelastung für juristische Personen gemäss der neusten CS-Immobilienstudie «Swiss Issues Immobilien» eher hoch ist. Vorbei sind auch die Zeiten Ende der 90er-Jahre, als Eigenkapital der Stadt vorübergehend auf über minus 10 Millionen Franken sank. Heute liegt dieses bei rund 50 Millionen und die ungedeckten Schulden bei unter zwei Millionen Franken. Damit rangiert Biel unter den Schweizer Städten auf Platz zwei der besten Finanzhaushalter. Hand in Hand mit der Verbesserung der der Finanzlage sind auch die städtischen Investitionen angestiegen: zwischen 2001 und 2008 lagen diese im Durchschnitt bei 25 Millionen Franken pro Jahr.
 

Das Land in eigener Hand

Und schliesslich hat die Stadt Biel einen ganz grossen Trumpf in der Hand: Sie besitzt einen Viertel des gesamten Bodens auf Stadtgebiet. Diese grosszügigen Landreserven im Zentrum und an der Peripherie nutzt die Stadt einerseits für öffentliche Bauten, anderseits aber auch für eine strategische Verkäufe oder Landabgaben im Baurecht. Dank geschickter Landpolitik sind so in den letzten Jahren ganze Wohnquartiere entstanden und konnten zugleich bedeutende Investitionen von Unternehmungen bewirkt werden. Aus dieser Perspektive ist es nicht verwunderlich, dass Biel sowohl im Wohnbau, als auch im Industrie- und Gewerbebau und nicht zuletzt im Infrastrukturbau einen markanten Aufschwung erlebt. Erwähnt seien hier der Umbau des Bahnhofs für 27 Millionen Franken oder der Neubau der Uhrenfabrik Rolex mit einem Volumen von 400000 Kubikmetern im Osten der Stadt. Ebenfalls im Bözingerfeld soll der Sportkomplex Stades de Suisse mit Fussball- und Eisstadion entstehen. Noch fehlt allerdings eine letzte Baubewilligung für das Grossprojekt, das zum sozialen Mittelpunkt des westlichen Bözingerfelds werden soll.
 
Die grösste Autobahn-Neubaustelle der Schweiz ist zurzeit der Ostast der Umfahrung Biel, welcher zur A5 gehört und sowohl den Anschluss an die Transjurane A16 herstellt, als auch Richtung Solothurn. Für den 4,9 Kilometer langen Abschnitt zwischen dem Bözingerfeld und Brüggenmoos sind rund 1,1 Milliarden Franken veranschlagt. Die erste Röhre des Büttenbergtunnels ist bereits aufgefahren. Im Februar wurde die Tunnelbohrmaschine nach einer Revision auf die erste Röhre des Längholztunnels angesetzt. Der Durchschlag ist für diesen Herbst geplant. Danach wird das Ungetüm mit 13 Meter Durchmesser zerlegt und wieder ins Bözingerfeld transportiert, wo der Ausbruch der zweiten Röhren von Büttenberg- und Längholztunnel beginnen wird. Der 5,2 Kilometer lange Westast, welcher die Stadt Biel teils offen, teils in Tunnels durchqueren wird, befindet sich in der Mitwirkungsphase. Eine Zweckmässigkeitsprüfung ergab ein positives Resultat. Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung des Bieler Stadtpräsidenten hat ausserdem bis zum Sommer abzuklären, ob der dieser Steckenabschnitt überhaupt erwünscht ist und wie das Anschlusskonzept aussehen soll. Die Kosten werden auf 1,5 bis 2 Milliarden Franken veranschlagt. Voraussichtlicher Baubeginn ist 2014.
 

Industriestadt im Wandel

Ein städtebaulicher Aufschwung, wie er in Biel in Gang ist, zeichnet sich auch in Thun ab. Die drittgrösste Stadt des Kantons mit ihrem Wirtschaftsraum von 100000 Einwohnern bildet die zehntgrösste Agglomeration der Schweiz. Auf dem Areal der ehemaligen Metallwerke Selve AG in einem Aarebogen nördlich des Stadtzentrums wird zur Zeit das bedeutendste städtebauliche Erneuerungsprojekt realisiert. Für die Arealentwicklung zeichnen Lokalmatador Frutiger und HRS Real Estate als Totalunternehmer verantwortlich. Auf dem ehemaligen Werkgelände ist im vergangenen Dezember ein neues kantonales Verwaltungsgebäude im Minergie-P-Eco-Standard für 40 Millionen Franken eingeweiht worden. Auf einer Fläche von 8400 Quadratmetern arbeiten 220 kantonale Angestellte. In Bau ist seit letzten September eine Wohnüberbauung der Gebäudeversicherung Bern mit über 200 Miet- und Eigentumswohnungen und einer Fläche von über 28000 Quadratmetern. Ein zwölfgeschossiges Hochhaus mit Eigentumswohnungen ist seit letzten Sommer bewilligt und der Baubeginn soll diesen Frühling erfolgen. Zwischen der Aare und den Wohnbaufeldern ist ein Park mit einer Fläche von 6000 Quadratmetern geplant. Das Thuner Stadtparlament hat im Dezember den Kredit für die Sanierung der Altlasten und die Erstellung des Parks bewilligt. Der Baubeginn soll im Herbst und die Einweihung im Frühling 2011 erfolgen.
 
In unmittelbarer Nachbarschaft zum Selve-Areal wartet ein weiteres Werkgelände auf seine Umnutzung, das Emmi-Areal, wo früher das weitherum bekannte Gerber-Fondue produziert wurde. Insgesamt sollen hier für zwei von Marazzi entwickelte Projekte auf einer Fläche von 12000 Quadratmetern rund 170 Millionen Franken investiert werden. Die Baueingabe für «Puls Thun» (120 Millionen) und «Rex Thun» (50 Millionen) erfolgte Ende März. Geplant sind Stadtwohnungen, teilweise in einem Wohnturm, Alterswohnungen, ein Gebäude für Gewerbenutzungen, ein Hotel und ein Multiplexkino. Die Bauarbeiten sollen im Sommer 2011, respektive 2012 beginnen, sofern entsprechende Investoren für die Projekte gefunden werden.
 
Die ehemalige Schadaugärtnerei mit einer Landfläche von über 17000 Quadratmetern beim Ausfluss der Aare aus dem Thunersee soll mit sieben neuen Wohnhäusern überbaut und die historischen Gebäude umgenutzt werden. Dazu wurde ein Architekturwettbewerb veranstaltet. Das Siegerprojekt «Tre Mondi» stammt vom Architekturbüro Aebi & Vincent. Anfang März haben die städtischen Baubehörden die Baubewilligung erteilt, gegen die allerdings fünf Beschwerden eingereicht wurden. Sobald diese behandelt sind wird sich zeigen, wann mit der Realisierung des 35-Millionen-Franken-Vorhabens der Espace Real Estate AG begonnen werden kann.
 

Hochwertige Arbeitsplätze

Nicht nur im Wohnungsbau, auch im Industrie- und Gewerbebau kommt Thun in Bewegung: Im Schorenquartier will die Meyer Burger AG, Spezialistin für Photovoltaik, Optik und Halbleiter, ihren Hauptsitz sowie moderne Produktionsstätten mit 600 Arbeitsplätzen errichten. Das Land gehört der Stadt und diese ist bereit, dieses im Baurecht dem High-Tech-Unternehmen abzugeben. Das Stadtparlament wird voraussichtlich im September über den Baurechtsvertrag entscheiden. Ein allfälliger Baubeginn ist also frühestens für den Herbst zu erwarten.
 
Bereits seit Februar in Bau ist hingegen das neue Stadion Thun Süd für 10000 Zuschauer samt dem dazugehörigen Panoramacenter mit Einkaufszentrum, Fachmarkt, Restaurants und Dienstleistungen, die sich auf einer Fläche von 15000 Quadratmetern ausdehnen. Das gesamte Areal erstreckt sich über 90000 Quadratmeter. Der erste Spatenstich wurde im Februar vollzogen. Die Kosten für das von HRS Real Estate entwickelte Grossprojekt werden auf 170 Millionen Franken veranschlagt. Investor ist die Migros, welche die Verkaufsflächen selbst nutzen wird. Bereits im Sommer 2011 ist im neuen Stadion der erste Anpfiff geplant.
 

Entlastung für die Innenstadt

Was den Infrastrukturbau betrifft, profitiert Thun vom Agglomerationsprogramm des Bundes: Für das Agglomerationsprogramm für die Region Thun hat das Bundesamt für Raumentwicklung 48 Millionen Franken bereitgestellt, davon 45 Millionen für Vorhaben erster Priorität. Das Schlüsselprojekt des Agglomerationsprogramms ist der Bau des sogenannten Bypass Thun Nord für insgesamt 100 Millionen Franken, von denen der Bund 40 Millionen übernehmen wird.
 
Der Bypass ist eine neue Strassenverbindung im Norden der Agglomeration Thun, welche voraussichtlich ab 2015 zur Verfügung stehen wird. Der Bypass umfasst die Verlängerung und Umgestaltung des Autobahnzubringers Thun Nord/Steffisburg und eine neue Aarequerung, die es erlaubt, vom Autobahnzubringer ohne Durchquerung der Innenstadt in die links der Aare gelegenen Stadtteile zu gelangen. Dadurch sollen die beiden historischen Aarebrücken in der Innenstadt von täglich 45000 Motorfahrzeugen entlastet werden. Das Bernische Kantonsparlament wird nächstes Jahr über den Kredit für den Bypass entscheiden. Erst danach kann mit dem Bau begonnen werden. Das Agglomerationsprogramm für die Region Thun sieht noch weitere Projekte im Umfang von rund 25 Millionen Franken vor, insbesondere zu Gunsten des öffentlichen Verkehrs sowie des Langsamverkehrs.
 

Wichtige Infrastrukturvorhaben

Die Hauptstadt Bern ist und bleibt der Schwerpunkt des Baugeschehens im Kanton, sowohl was den Hochbau, als auch den Infrastrukturbau betrifft. Allein das Agglomerationsprogramm des Bundes hat der Region Bern 371 Millionen Franken zugesprochen, davon 129 Millionen für Projekte erster Priorität, die ab nächstem Jahr in Angriff genommen werden. Das bedeutendste Agglomerationsprojekt in der Hauptstadtregion ist ohne Zweifel der Bau der Tramlinie Bern-West zu den Stadtteilen Ausserholligen, Bümpliz und Brünnen/Westside. In diesen Gebieten werden in den nächsten Jahren mehrere Tausend Wohnungen und Arbeitsplätze geschaffen. Rund zwei Drittel der Geleise der knapp sieben Kilometer langen, sich westwärts gabelnden Linie, sind bereits verlegt. Zur Zeit wird vor allem in Bümpliz und im Bereich der Verkehrsdrehscheibe Ausserholligen intensiv am neuen Tramtrassee gebaut. Kein Wunder, ist doch die Eröffnung der neuen Tramstrecken noch vor Weihnachten geplant. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 150 Millionen Franken, wovon der Bund aus dem Infrastrukturfonds 65 Millionen Franken beisteuert.
 
Die grössten Bauvorhaben der Stadt Bern sind aber eindeutig im Norden im Raum Wankdorf konzentriert. Die zur A1 gehörende nördliche Stadttangente samt dem spektakulären Felsenauviadukt und der Verzweigung mit der A6 werden dieses und nächstes Jahr für umgerechnet 400 Millionen Franken saniert. Dazu gehört auch der Umbau des Anschlusses Wankdorf an der A6, welcher mit zusätzlichen Zu- und Wegfahrten von und nach Zürich ausgestattet wird. Unweit der Verzweigung A1/A6 wird der Wankdorfplatz für 91 Millionen Franken komplett umgebaut und die verschiedenen Verkehrsströme und Verkehrsträger entflechtet. Dank eines unterirdischen Kreisels wird an der Oberfläche mehr Platz geschaffen, um das Trassee der verlängerten Tramlinie 9 aufzunehmen, welche den Platz überquert und unmittelbar vor der S-Bahn-Station Wankdorf eine neue Endstation erhält.
 
Nur einen Katzensprung davon entfernt soll ab der zweiten Hälfte 2011 das wichtigste Entwicklungsprojekt im Norden der Hauptstadt in die Realisierungsphase gehen: Wankdorf-City. Der Grossteil der Planungsarbeiten für das neue Wirtschafts- und Verwaltungszentrum ist abgeschlossen. Losinger Construction plant eine Überbauung von 35000 und SBB Immobilien eine solche von 55000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche.
 
Nördlich von Bern wird zurzeit zwischen Zollikofen und Rütti ein drittes Gleis erstellt sowie der Bahnhof Zollikofen umgebaut. Zweck dieses 70 Millionen Franken teuren Umbaus ist der Ausbau des Angebots auf dem Netz der S-Bahn Bern. Dem internationalen Verkehr zugute kommen soll hingegen der Ausbau der Bahnstrecke Bern – Neuenburg. Das Ausführungsprojekt befindet sich in Bearbeitung und es wird damit gerechnet, dass die Bauarbeiten gegen Ende Jahr beginnen können. Kernstück dieses Ausbauvorhabens ist der Bau des Doppelspurigen, zwei Kilometer langen Rosshäuserntunnels. Die Kosten werden auf 155 Millionen Franken veranschlagt, von denen 100 Millionen dem FinöV-Fonds entnommen werden, da es sich um ein Projekt zum Anschluss der Schweiz an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz (HGV-A) handelt. Dank diesem Ausbau kann die TGV-Verbindung Bern – Paris aufgewertet werden.
 
Nicht vergessen werden darf der Berner Jura, wo zurzeit die Transjurane A16 zwischen Tavannes und Moutier erstellt wird. Der Bund und der Kanton Bern investieren dieses Jahr gemeinsam 131 Millionen Franken in den Bau dieser jüngsten Schweizer Autobahn. Besonders spektakulär ist der Bau des 1,2 Kilometer langen Umfahrungstunnels von Moutier, der die Stadt in Nord-Süd-Richtung umgeht. Die Eröffnung ist für nächstes Jahr vorgesehen.
 
Die Baubranche im Kanton Bern erhält zurzeit vor allem aus dem Infrastrukturbau erhebliche Impulse. Die Arbeitsvorräte sind im Tiefbau etwa doppelt so hoch wie im Wohnungsbau. Diese Entwicklung entspricht dem gesamtschweizerischen Trend: Der Wohnungsbau verliert etwas an Schwung, während der Tiefbau dank den Stabilisierungsprogrammen des Bundesrats und ganz allgemein dank der erheblichen Investitionen aus dem FinöV-Fonds und dem Infrastrukturfonds an Bedeutung gewinnt. Sowohl der Wohnungsbau, als auch der Infrastrukturbau konzentrieren sich im Kanton Bern auf die Städte und Agglomerationen, also auf gut erschlossene, städtische Zentren. Diese Entwicklung ist auch in anderen Regionen der Schweiz zu beobachten. Die Baubranche kann in den kommenden Monaten mit einer gewissen Zuversicht in die Zukunft blicken, hat doch die Zahl der eingereichten Baugesuche um rund 14 Prozent zugenommen. Massimo Diana