Fragiles Kunsthandwerk

Fragiles Kunsthandwerk

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Teaserbild-Quelle: Nathalie Scholz
Kirchenfenster haben nicht selten über 100 Jahre auf dem Buckel, bis Reparaturen gemacht werden. Eine heikle Arbeit, bei der oftmals die Werkstatt von Dieter Scholz zum Einsatz kommt. Ein Atelierbesuch.
 
Zwischen restaurierten Bogenfenstern, Bleiresten und säuberlich gestapelten Glasplatten stehen Besen und Zügelkisten herum. Die Werkstatt in Rümlang ist im Umbau, bei dem es nur um ein Thema geht – die Fenster. Die breite Front gegen die Bahnhofstrasse soll bald in frischen Farben leuchten und zeigen, worum sich alles in diesen Räumen dreht: um die ­Glasmalerei. ­Dieter Scholz empfängt mich trotz Umbauhektik gut gelaunt und mit blauer Arbeitsschürze. Er zeigt, wo die neuen farbigen Scheiben hinkommen sollen, vor die Hinterverglasung. «So kann man sie ­einfach wieder auswechseln», erklärt er. Denn diese Fenster sind nicht für die Ewigkeit gemacht, ganz im Gegensatz zu seinen Aufträgen im ­Bereich Kirchensanierung.
 

Cäcilia blüht auf

Jüngstes Projekt war die katholische Kirche St. Mauritius in Berikon AG. Sie ist zwischen 1856 und 1858 im neugotischen Stil erbaut und mit zahlreichen farbigen Kirchenfenstern ausgestattet worden. In den letzten 150 Jahren wurden sie nie angetastet, obwohl sich die Spuren der Zeit auch an ihnen zeigten. Als 2009/10 eine Gesamtrenovation der Kirche in Angriff genommen wurde, kam auch Dieter Scholz zum Einsatz. Denn er und sein dreiköpfiges Team kennen sich aus mit ­historischem Glas. In der Kirche Berikon wurden die einfach verglasten Kirchenfenster komplett ausgebaut. Eine Arbeit, bei der Scherben kein Zeichen für Glück, sondern eine kleine Katastrophe sind. Manchmal sind Ausbauten von Antikgläsern auch aufwendige Feinarbeit. «In heiklen Fällen arbeiten wir mit ­einem Dremel, einer Art elektrischer Zahnbürste», sagt Scholz.
Die neuen Fenster sollten aus energetischen Gründen doppelverglast sein. Deshalb wurde eine thermisch unterbrochene Rahmenkonstruktion gebaut, welche die Isolierverglasungen und ­davor die Bleiverglasungen aufnimmt. Eines der Bogenfenster, das die heilige Cäcilia abbildet, war in zwei Flügelfelder geteilt, weshalb die Schrift schlecht lesbar war. Aus diesem Grund wurde ­entschieden, aus dem zweiteiligen Fenster ein grosses zu machen. In der Werkstatt in Rümlang wurde zunächst analysiert, welche Glasteile noch brauchbar waren und welche ersetzt werden mussten. Die nach alten Mustern hergestellten Gläser wurden dann zugeschnitten und nach Vorlage bemalt. Auf dem Leuchttisch entstanden mit feinen Pinseln, Schwarzlot und viel Geschick die feinen Konturen. Dann wurden die Gläser im Ofen gebrannt, wie ein Puzzle zusammengesetzt und schliesslich die Bleiränder gelötet. Nach dieser aufwendigen Restauration ist Cäcilia förmlich ­aufgeblüht, wie auch alle übrigen Bogen- und das Rosettenfenster in der Kirche Berikon.
Kirchenfenster sind jedoch nicht das einzige ­Gestaltungsfeld von Dieter Scholz. Auch in Rittersälen, Jugendstilvillen oder Schützenhäusern hinterlässt er seine bunten Spuren. Alte Glas­wappen oder Schützenscheiben, die auf eine Auffrischung warten, stapeln sich zudem im Atelier. Daneben fertigt er Grabsteine oder Skulpturen aus Schmelzglas an. Auch Sitze für ein Dampfbad wurden schon in seiner Werkstatt hergestellt. «Glas ist der faszinierendste und vielseitigste Werkstoff», schwärmt Dieter Scholz. Und die ­Arbeitsschritte so unterschiedlich wie die rund 300 Farben seiner Glasmuster. Vom Entwerfen über die Feinarbeit am Leuchttisch übers Blei­löten, Fräsen und Bohren bis hin zum Abbau oder zur Montage. «Das ist eine harte Arbeit, vor ­allem, wenn es bitterkalt ist. Dann träume ich vom ­Glasmalen im warmen Atelier», sagt Scholz.

Hand in Hand mit Künstlern

Sein Beruf wurde dem Kunsthandwerker ­sozu­sagen in die Wiege gelegt. 1965 hatte sein ­Vater Fritz Scholz, der Kunstglasermeister aus Hamburg, zusammen mit dem Metallkonstrukteur ­Alfred Soratroi die Werkstatt eröffnet. Der Sohn Dieter trat in die Fussstapfen seines ­Vaters, machte in Deutschland eine Ausbildung als Kunstglaser/Glasmaler und führt seit 1992 den Betrieb in Rümlang. In der Werkstatt wird vorwiegend nach traditionellen Methoden ­gearbeitet. Das heisst, die Glasteile werden ­geätzt, konturiert und überzogen. Die Farbe wird im speziellen Glasmaler-Ofen eingebrannt, und die Teile werden schliesslich sorgfältig zusam­mengebleit. Dieter Scholz will aber nicht nur die alte Glaskunst erhalten, sondern auch mit der Zeit gehen und Neues ausprobieren. «Am spannendsten sind Projekte zusammen mit Künstlern», sagt Scholz. Und schwärmt von der Zusammenarbeit mit dem Künstler Yaacoov Agam, mit dem er ­moderne Bleiverglasungen in sehr feiner Metallkonstruktion für die Synagoge Löwenstrasse ­gefertigt hat. Ausgerechnet am 11. September 2001 kam Agam, der in Paris und New York lebt, nach ­Rümlang, um die Glasmuster zu besichtigen. Der Termin musste aufgrund der tragischen Ereignisse abgebrochen werden. So reiste schliesslich ­Dieter Scholz mit seiner Glasfarbenkollektion nach ­Paris. In Begleitung seines Sohnes Patrick. Dieser hatte damals noch nicht viel mit Glas­malerei am Hut und war in der Ausbildung zum ­Automatiker. Doch seit letztem Sommer drückt der 23-Jährige erneut die Schulbank und macht eine zusätzliche Lehre als Glasmaler/Kunst­maler. Er sitzt am Leuchttisch und büffelt Farbenlehre für die Schule.

Sechs Lehrlinge schweizweit

Zur Zerstreuung und als Demonstration für die Besucherin zeigt er mir ein altes Glasstück mit Verzierungen. Dieses will er nachbauen und hat die feinen Konturen bereits kopiert und auf das neue Glasteil übertragen. Mit feinem Pinsel und Schwarzlot, das er sorgfältig mit etwas Gummi Arabicum und Essig anrührt, fährt er hoch ­konzentriert den Linien nach. «Ich muss noch viel lernen», sagt er. «Der Beruf fasziniert mich, weil ganz unterschiedliche Arbeiten dazugehören.»
Er ist einer von sechs Lehrlingen in der ganzen Schweiz. Und hat sofort einen Lehrmeister ­gefunden, der sich freut, dass die Faszination für das Kunsthandwerk nun auch seinen Sohn ­gepackt hat. (ka)