Eine wohlwollende Heilige Barbara

Eine wohlwollende Heilige Barbara

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Teaserbild-Quelle: Alptransit Gotthard AG
Voraussichtlich noch in diesem Herbst wird im Gotthard-Basistunnel der Hauptdurchschlag zwischen Sedrun und Faido erfolgen. Seit über einem Jahrzehnt wird im Berg gearbeitet. Anlass für einen ausführlichen Rückblick auf ein Jahrhundertbauwerk, das voraussichtlich 2017 abgeschlossen sein wird. Es gab etliche Schwierigkeiten zu überwinden, aber keine grösseren Unfälle.
 
Fünf Baustellen – in Erstfeld, Amsteg, Sedrun, Faido und Bodio –, vier Tunnelbohrmaschinen, total 153 Kilometer auszubrechendes Gestein und manchmal widerborstiger Fels – der Gotthard- Basistunnel ist ein Bauwerk der Superlative. Ein Rückblick über zehn Jahre der Felsbezwingung.
 

Das Jahr 2000

Am 1. März stellen die Tunnelbauer den 800 Meter tiefen Hauptschacht in Sedrun fertig und erreichen damit das Niveau des zukünftigen Gotthard-Basistunnels, das heisst, sie erschliessen damit den Vortrieb. An der Multifunktionsstelle in Sedrun werden die beiden Röhren verbunden. Unter anderem soll dort eine Förderanlage mit 51 Tonnen Maximallast entstehen. Auch auf der Tessiner Seite, in Bodio, beginnen mit einer ersten Sprengung die Bauarbeiten. Zuerst wird ein 1,2 Kilometer langer Umgehungsstollen erstellt.
 

Das Jahr 2001

Am 13. Juni werden mit 1,5 Milliarden Franken die wichtigsten Lose für das grösste Investitionsvorhaben der Schweiz vergeben. Die Arbeitsgemeinschaft TAT wird die 15 und 14 Kilometer langen Teilabschnitte von Bodio bis Faido und von Faido bis Sedrun mit Tunnelbohrmaschinen ausbrechen. Auch der Bau der Multifunktionsstelle in Faido gehört zum Auftrag. Die Kiesaufbereitungsanlage in Sedrun ist bereit. In Bodio ist am 30. August der erste Kilometer des Gotthard-Basistunnels fertig ausgebrochen. Es ist der erste Einsatz einer Tunnelbohrmaschine.
 

Das Jahr 2002

Der erste Jahresfilm über die Entstehung des längsten Eisenbahntunnels der Welt wird der Öffentlichkeit vorgestellt. Die TBM aus Deutschland hat einen Durchmesser von neun Metern und 58 Rollenmeissel.
 
Die Bauarbeiten an der Multifunktionsstelle Faido beginnen, nachdem der Zugangsstollen bis zum Fusspunkt fertiggestellt ist. Auch in Sedrun beginnen die Arbeiten an der Multifunktionsstelle, dem «Bahnhof im Berg», allerdings mit konventionellem Vortrieb, weil man es mit lockerem Gestein zu tun hat. Der Ausbruch beträgt 6350 Tonnen pro Tag. Das Material kommt in eine Brechanlage und dann zur Lagerung beziehungsweise Wiederverwertung.
 
Auf der Baustelle in Bodio, wo das Portal bereit ist, hat am 7. November die erste Tunnelbohrmaschine die Vortriebsarbeit aufgenommen. Sie hat 15 Kilometer Fels bis Faido vor sich. Dabei handelt es sich um harten Gneis und Granit. Allerdings hat man es dann auch mit 400 Meter Lockergestein zu tun, das von einem Bergsturz herrührt. Die Maschine arbeitet sich mit 40 Metern pro Tag durch den Fels.
 

Das Jahr 2003

In Amsteg, Sedrun, Faido und Bodio wird nun gebaut; Erstfeld fehlt noch. Total müssen 153 Kilometer, inklusive Stollen und Schächte, ausgebrochen werden. Ende des Jahres sind rund 23 Prozent oder 35 Kilometer geschafft. In Bodio sind die TBM 1 und 2 nordwärts in Betrieb. Die TBM 3, genannt Gabi I, gelangt nach Amsteg für die Oströhre. Gabi II für die Weströhre wird ebenfalls angeliefert.
 
Am 27. Mai nimmt auf der Alpennordseite in Amsteg die erste Tunnelbohrmaschine die Vortriebsarbeiten auf. Zuvor war der 177 Tonnen schwere Hauptantrieb der Maschine auf einen Nauen verladen und auf dem Seeweg von Luzern nach Flüelen transportiert worden. Im Sommer kommt auch die zweite Tunnelbohrmaschine zum Einsatz. In Richtung Sedrun sind 11,4 Kilometer Fels zu durchbrechen.
 
In Sedrun durchschlägt im Juni die Bohrmaschine den zweiten 800 Meter tiefen Vertikalschacht. Dieser ist 32 Meter vom Hauptschacht entfernt und wird mit einer Liftanlage für den Transport von schweren Lasten ausgerüstet. Sedrun gilt als Schlüsselstelle, als besondere Baustelle, wo sich der Berg druckhaft verhält und besondere Sicherungsmassnahmen nötig werden. Die Faido, wo sich die zweite Multifunktionsstelle befindet, trifft man immer wieder auf Störungszonen. Die Multifunktionsstelle wird verschoben.
 

Das Jahr 2004

Im Juli können nun in Erstfeld die Arbeiten am Nordportal des Gotthard-Basistunnels beginnen. Somit wird nun in allen fünf Teilabschnitten gebaut. Am Ende des Jahres haben die beiden Tunnelbohrmaschinen Gabi I und Gabi II die halbe Strecke zwischen Amsteg und Sedrun durchbohrt. Insgesamt sind über 40 Prozent des insgesamt 153,4 Kilometer langen Tunnelsystems des Gotthard-Basistunnels ausgebrochen.
 
In Sedrun, dem kürzesten, aber aufwendigsten Teil des Tunnels mit seinen sechs Kilometern nach Norden und Süden, wird der Ausbruch rund um die Uhr nach oben befördert. Inzwischen kann der Lift rund 40 Personen in rund einer Minute mit 32 Metern pro Sekunde 800 Meter nach unten befördern. Anfangs dauerte dies noch zehn Minuten. In Faido sind die Störzonen fast vollständig durchfahren. In Bodio sind sechs Kilometer der Ost- und 6,4 Kilometer der Weströhre durchfahren.
 

Das Jahr 2005

Ende August ist die Hälfte des Tunnelsystems des Gotthard-Basistunnels ausgebrochen. Die Arbeiten wurden je zur Hälfte mit Tunnelbohrmaschinen und mit Sprengungen ausgeführt. Von Am-steg in Richtung Sedrun sind nun Gabi I und Gabi II im Einsatz, zwei TBM «arbeiten» von Bodio in Richtung Faido. Am 18. Juni geht nichts mehr: Die TBM West steckt fest. Die TBM Ost fährt weiter. In der Weströhre wechselt Granit mit lockerem Gestein und Wassereinbrüche stellen sich als grosses Übel heraus. Der Bohrkopf steckt in einem Gesteinsbrei fest. Von einer Kaverne aus wird mit Injektionen das Gestein verfestigt. Von der Oströhre aus unternehmen die Mineure einen Gegenvortrieb in die Weströhre, bis sich der Bohrkopf wieder zeigt. Zwei Wochen später geht es wieder weiter. Insgesamt fünf Monate stand die Maschine still. Glücklicherweise waren Zeitreserven eingeplant.
 
In Erstfeld am Nordportal wird die Tunnelröhre Ost und West im Tagbau erstellt. 7,8 Kilometer lang ist die Strecke bis Amsteg.
 
In Bodio steht man kurz vor Faido; in der Oströhre sind schon sechs Kilometer, in der Weströhre sieben Kilometer betoniert. Für den Ceneri-Tunnel wird die Baubewilligung erteilt.
 
Im Teilabschnitt Sedrun wendet die AlpTransit Gotthard AG erstmals eine neuartige, speziell entwickelte Technik der Felssicherung an. Um dem enormen Gebirgsdruck zu begegnen, werden deformierbare Stahlbogen eingebaut. Dabei handelt es sich um zwei Stahlbogen, die einen Ring mit nachgiebigen Elementen bilden. Der Ring gibt dem Gebirgsdruck nach. Dank der neuen Technik gelingt es, die bautechnisch schwierige Zone zu durchqueren. In Faido wird rund um die Uhr gearbeitet. Das geologisch anspruchsvolle Gebiet weist viele druckhafte Stellen aus, dem selbst stärkste Stahlträger nicht standhielten. In der 350 langen Störungszone kam der Vortrieb pro Tag nur jeweils wenige Zentimeter voran. Im südlichen Teil der Multifunktionsstelle ist die Geologie besser.
 

Das Jahr 2006

6. Juni: Erster Durchschlag einer Tunnelbohrmaschine. Knapp vier Jahren nach dem Start in Bodio erreicht die Tunnelbohrmaschine die Multifunktionsstelle Faido. Der Durchschlag erfolgte mit einer geringen horizontalen Abweichung von fünf Zentimetern und einer vertikalen Abweichung von knapp zwei Zentimetern. In Amsteg gibt es mittlerweile weniger geologische Probleme. Im April sind zehn Kilometer Röhren ausgebrochen. Im Juni ist die 1. TBM am Ziel, neun Monate früher als geplant; die letzten 185 Meter werden im Sprengvortrieb gebrochen. In Sedrun liegen noch 600 Meter zwischen Sedrun und Amsteg. Das Gestein ist butterweich, das Gebirge druckhaft. Der Fels wird durch Stahl ersetzt. Die Sicherungsarbeiten sind aufwendig: 1 bis 1,3 Meter pro Tag sind möglich. In der Oströhre steht die TBM kurz vor dem Durchschlag bei Faido.
 
Erstfeld ist das Sorgenkind, Rekurse verhindern die Arbeiten. Wegen der Termine macht diese Verzögerung Sorgen. Weil die Baustelle Erstfeld nicht betrieben werden kann, hat dies auch Auswirkungen auf den Materialfluss in Amsteg. Es entstehen Mehrkosten in Millionenhöhe. Zwischen Bodio–Faido sind elf Kilometer der Innenschale betoniert. In Faido trifft die TBM der Weströhre ein. Die Abweichungen betragen nur eine Handbreit. In Amsteg wird im November ein Teil der TBM demontiert und durch Tieflader abtransportiert. Der Umbau der TBM geschieht in der Oströhre; hier beginnt 2007 der Vortrieb in Richtung Sedrun; bis dorthin sind es 13 Kilometer. In Sedrun selbst werden die Wartehallen gebaut. Hier befindet sich der Scheitelpunkt des Tunnels; das Wasser fliesst in zwei Richtungen.
 

Das Jahr 2007

Das Jahr gilt als erfolgreichstes Jahr der Baugeschichte. Ende Jahr sind 107 Kilometer oder 70 Prozent ausgebrochen. In Faido ist die Multifunktionsstelle fertig ausgebrochen. Nach fünf Jahren findet die letzte Sprengung statt. In Sedrun wird in Richtung Faido gesprengt. In der Weströhre wird der Vortrieb wegen des Wassers gestoppt, um Schäden an der Staumauer zu verhindern. 180 Tonnen Zement werden während vierer Monate in den Fels gepresst, um die Röhre abzudichten. In Sedrun ist die Multifunktionsstelle ausgebrochen und die Betonarbeiten beginnen. In Bodio kämpft man gegen den Bergdruck; die Deformationen betragen zehn Zentimeter.
 
Stabsübergabe an der Spitze der AlpTransit Gotthard AG Ende März: Der bisherige CEO Peter Zbinden geht nach 15-jährigem Engagement für das Neat-Projekt in Pension. Neu übernimmt der ETH-Bauingenieur Renzo Simoni die Führung des Unternehmens. Mitte Juni ist in Faido die TBM ans nördliche Ende der Multifunktionsstelle transportiert. Die TBM wird neu montiert und ist mit 9,4 Meter Durchmesser grösser als vorher. Im Juli nimmt in der Oströhre die TBM in Richtung Sedrun den Betrieb auf.
 
17. Oktober: Durchschlag zwischen Sedrun und Amsteg: Neun Monate früher als geplant erfolgte der Durchschlag in der Weströhre des Gotthard-Basistunnels. In beiden Röhren gibt es einen Vorsprung von mehreren Monaten. Ende November erfolgt in der Oströhre der Durchschlag.
 
4. Dezember: Am Tag der heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Mineure, beginnt der Tunnelvortrieb im Gotthard-Basistunnel bei Erstfeld. Die TBM wird unter freiem Himmel montiert.
 

Das Jahr 2008

In Luzern wird am 29. April der Werkvertrag Bahntechnik unterzeichnet. Dieser umfasst die Ausführungsplanung und den Einbau der bahntechnischen Installationen im Gotthard-Basistunnel sowie auf den Anschlussstrecken ans bestehende Bahnnetz.
 
Am 16. September bewilligt das Schweizer Parlament einen Gesamtkredit von 19,1 Milliarden Franken (Preisstand 1998, ohne Teuerung, Mehrwertsteuer und Bauzinsen) zur Realisierung der Neat. Auf die Achse Gotthard mit dem Gotthard- und Ceneri-Basistunnel entfallen 13,157 Milliarden. Damit wird die seit 2004 bestehende Finanzierungslücke geschlossen.
 
In Erstfeld befindet sich Gabi I in der Oströhre; Gabi II wird für ihre Arbeit in der Weströhre montiert, im März beginnt der Vortrieb. In Faido ist die Geologie eine grosse Herausforderung. Der Bergdruck hat die Felssicherung zerstört. In der Oströhre hebt sich die Sohle und macht Nachankerungen nötig. Weil Faido im Rückstand ist, wird die Losgrenze von Sedrun nach Süden verschoben.
 
Die Pioramulde wird im Oktober ein erstes Mal gemeistert: In der Oströhre des Gotthard-Basistunnels ist die geologisch anspruchsvolle Zone vollständig durchbohrt. Bei der Piora-Mulde handelte es sich um ein «Schreckgespenst» aus 200 Meter Dolomit-Marmor. Man hatte sie zunächst für unüberwindbar gehalten; sie wird ohne Probleme überwunden.
 

Das Jahr 2009

3. Februar: Auch in der Weströhre des Gotthard-Basistunnels wird die Pioramulde bewältigt.
 
11. Juni: Das Tunnelbaulos am Ceneri wird vergeben. Es umfasst den Vortrieb der beiden je 11,5 Kilometer langen Einspurröhren des Ceneri-Basistunnels ab dem Zwischenangriff Sigirino in Richtung Norden und Süden.
 
16. Juni: Der Durchschlag zwischen Erstfeld und Amsteg ist geschafft. Mit horizontalen und vertikalen Abweichungen von weniger als einem Zentimeter gelang der zweitletzte Durchschlag im Gotthard-Basistunnel mit sehr hoher Genauigkeit.
 
18. Dezember: Zwischen Amsteg und Sedrun und zwischen Bodio und Faido ist der Rohbau des Gotthardbasis-Tunnels abgeschlossen. Mehr als 40 Kilometer oder über ein Drittel des Tunnels sind bereit für den Einbau der bahntechnischen Ausrüstung.
 

Das Jahr 2010 und weiter

November: Zwischen Sedrun und Faido erfolgt der Hauptdurchschlag: Der Gotthard-Basistunnel ist vollständig durchbrochen.
 
  • 2010 bis 2017 Einbau der Bahntechnik.
  • 2017 Voraussichtliche Eröffnung des Gotthard-Basistunnels.
  • 2019 Voraussichtliche Eröffnung des Ceneri-Basistunnels.
Sylvia Senz
 
Quelle: DVDs der AlpTransit Gotthard AG, Jahre 2000 bis 2009.