Eine Schweizer Premiere

Eine Schweizer Premiere

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Foto: zvg
Wasserabweisend, schwer entflammbar, druckfest und trotzdem elastisch – dies sind die überzeugenden Eigenschaften des modernen Dämmstoffes XPS. Nun baut Swisspor die erste Produktionsanlage ihrer Art in der Schweiz. Der vielseitige Polystyrol-Extruderschaum im Porträt und Interviews mit den Machern.
 
Mit 36 000 Quadratmetern hat die neue Produktionshalle der Alporit AG, die zur weltweit tätigen Swisspor-Gruppe gehört, enorme Ausmasse. «Dies entspricht einer Fläche von acht Fussballfeldern, 136 Tenniscourts oder 470 Einfamilienhäusern», beschreibt Architekt Jürg Zimmermann beim Spatenstich die Anlage. Der geplante Komplex besteht aus einem Produktionsgebäude und einem Zwischenlager. Die beiden Hallen werden durch einen unterirdischen Fördertunnel miteinander verbunden. «Wir bauen das Volumen von 1,4 Einfamilienhäusern pro Arbeitstag », führte Zimmermann weiter aus. Bis in einem Jahr soll am Standort Boswil (AG) eine Produktionsanlage für XPS entstehen.
 
Was verbirgt sich hinter diesen drei Buchstaben? Das Kürzel heisst übersetzt extrudierter Polystyrol-Hartschaum. XPS ist ein Schaumpolystyrol, der 1949 vom Chemiker Fritz Stastny entwickelt wurde. Polystyrol wird als amorpher oder teilkristalliner Thermoplast bezeichnet und gehört heute zu den meistproduzierten Kunststoffen. Als amorph wird ein Stoff bezeichnet, der als fest empfunden wird, deren Atome aber nicht in regelmässigen Kristallgittern angeordnet sind, sich sozusagen zwischen festem und flüssigen Aggregatzustand befinden. Bei Schaumpolystyrol unterscheidet man je nach Herstellungsart zwischen dem weissen EPS (Expandierter Polystyrol-Hartschaum) und dem feinporigen XPS.

Keine Belastungen für die Umwelt

Extrudierter Polystyrol-Hartschaum ist ein moderner, unverrottbarer Dämmstoff. Dank homogener geschlossener Zellstruktur, Schäumhaut und Zellgas ist er äusserst druckfest bei gleichzeitiger Elastizität, unempfindlich gegenüber Feuchtigkeit und schwer entflammbar. Der Schaumstoff wird dort eingesetzt, wo eine hohe Feuchtigkeits- und Druckbelastung in Verbindung mit guter Wärmedämmfähigkeit gefordert werden. So findet man das Produkt vorwiegend im Aussenbereich oder im Erdreich wieder. XPS eignet sich zum Beispiel für die Dämmung von Flachdächern, Terrassen und Kellerböden. Für Anwendungen im Bauwesen und in der Kältetechnik gibt es nach unten praktisch keine Temperaturgrenze. Erfahrungen haben gezeigt, das der Stoff bis minus 180 Grad Celsius seine Funktionen einhält.
 
XPS wird in einem kontinuierlichen Extrusionsprozess hergestellt. Extrusion ist eine Verfahrenstechnik, bei der Kunststoffe durch eine speziell geformte Düse gepresst werden. Zur Produktion wird Polystyrol-Granulat in einem Extruder (Fördergerät) mittels Druck und Hitze geschmolzen. Anschliessend entsteht unter Zugabe des Treibmittels Kohlendioxid (CO2) ein Schaum, der über eine Breitschlitzdüse kontinuierlich ausgetragen wird. Nach dem Durchlaufen einer Kühlzone mit nachgeschalteter Bearbeitungsmaschine wird der Schaumstoffstrang zu Platten gesägt, die eine Höhe von 20 bis 200 Millimetern aufweisen. Früher wurde bei der Treibmitteltechnologie FCKW eingesetzt. Im XPS-Schaumstoff bleibt das heute verpönte Treibmittel zwar lange in den Zellen eingeschlossen. So suchte die Industrie ausgelöst durch die Diskussion um den Treibhauseffekt und dem stattfindenden Abbau der stratosphärischen Ozonschicht trotzdem nach Alternativen. Seit 1995 verwendet man nun bei der Herstellung von XPS CO2 als Treibmittel. Es wird aus bestehenden Prozessen gewonnen, sodass keine zusätzlichen Belastungen für die Umwelt entstehen. Die mit CO2 aufgeschäumten Dämmplatten enthalten bereits nach der Produktion nur noch Luft als wärmedämmendes Zellgas.
 
 
Bild entfernt.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Das «baublatt» hat sich mit Daniel Jenni (Bild) zusammengesetzt und sich mit dem Leiter der Swisspor- Produktionsbetriebe in der Deutschschweiz über XPS und das neue Werk unterhalten:
 
Warum baut Swisspor im aargauischen Boswil eine Produktionsstätte für XPS?
Daniel Jenni: XPS ist ein exzellenter Dämmstoff und sehr gefragt. Dieser wird heute in der Schweiz nicht produziert. So wird der gesamte Bedarf von jährlich 150000 Quadratmetern aus dem Ausland eingeführt. Dabei betragen die Transportdistanzen 500 bis 1000 Kilometer. Importe über solche Entfernungen sind weder ökologisch noch ökonomisch vertretbar. Sie führen zu erheblicher Umweltbelastung und einer negativen Ökobilanz. Swisspor ist zudem primär Produzent und nicht Händler von Dämmstoffen. Der Bau eines XPSWerkes macht aus diesen Gesichtspunkten durchaus Sinn. Die Nachfrage und der Markt im Umkreis von 350 Kilometern sind vorhanden. Mit der Produktion in Boswil lassen sich Transportwege, Treibstoffverbrauch und Emissionen verringern und letztlich Hunderte von Tonnen CO2 jährlich einsparen. Abgesehen davon sind die Investition und der Werkneubau ein klares Bekenntnis der Swisspor zum Produktionsstandort Schweiz. So werden Arbeitsplätze geschaffen und profitiert das regionale Gewerbe.
 
Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Kann der Dämmstoff recycelt werden?
Der Begriff «Recycling» ist heutzutage ein häufig genutztes Schlagwort, wird es doch unbewusst mit ökologisch oder umweltbewusst gleichgesetzt. Besser wäre es, von einem verantwortungsvollen und umweltgerechten Abfallmanagement zu sprechen. Das Wort «Abfall» ist fälschlicherweise negativ behaftet. Trotzdem beinhaltet richtiges Abfallmanagement heute die vier Bereiche Reduzierung, Wiederverwendung, Recycling und Entsorgung beziehungsweise Verbrennung mit Rückgewinnung von Energie. Rückgebaute, wiederverendbare XPS-Platten aus mechanisch fixierten Anwendungen können zur Dämmung von Wänden, Sockeln und Wärmebrücken eingesetzt werden. Generell gilt, dass bei ökologischem Abfallmanagement die Wiederverwendung von Baustoffen Vorrang hat vor Recycling und Entsorgung. Die bei der Herstellung von XPS anfallenden Produktionsabfälle werden recycelt. Aufgrund des Heizwertes eignet sich Polystyrol-Extruderschaum auch für die Verbrennung in modernen städtischen Müllverbrennungsanlagen und dient der Gewinnung von Elektrizität und Dampf für Fernheizungen. Der Ascheanfall ist gering und die Asche ist biologisch abbaubar. Selbstverständlich wird jedoch langfristig die stoffliche Wiederverwertung dieses Stoffes Vorrang vor der Verbrennung mit Energierückgewinnung haben. Bei der Entsorgung hat für bestimmte Bauökologen die Verrottung Priorität. XPS-Dämmstoffe verrotten aber nicht, denn gerade diese Unverrottbarkeit garantiert, dass bei besonders feuchtebeanspruchten Anwendungen die Langzeitfunktionsfähigkeit sowie gute wohnhygienische Verhältnisse erhalten bleiben.
 
Was muss man bei der Entwicklung einer solch grossen Produktionsanlage beachten? Was hat Sie als technischer Betriebsleiter in Boswil besonders gereizt?
Unser Fokus richtet sich bei der Entwicklung einer derart grossen Produktionsanlage oder Extruderanlage einschliesslich der angegliederten Peripherie auf die aktuellen Bedürfnisse des Marktes sowie den besten und modernsten Stand der Technik. Dabei stehen Aspekte der Ökologie, Servicequalität und hoher Kundennutzen im Vordergrund, aber auch die Wirtschaftlichkeit bei Herstellung und Vertrieb des Produktes. Weiter gilt es, die unzähligen Schnittstellen zwischen Maschinenlieferanten, technischen Bereichen und dem Bau exakt und zeitgerecht zu koordinieren. Der besondere Reiz liegt sicher in der Herausforderung, Mensch, Technik und Ökonomie auf einen Nenner zu bringen und das mit dem Ziel, ein nachhaltiges und zukunftsfähiges Produkt herzustellen.

Zur Person

Daniel Jenni (43) ist seit 2003 Leiter der Swisspor-Produktionsbetriebe in der Deutschschweiz. Von 1997 bis 2003 war der diplomierte Maschinen-Ingenieur FH mit einem Nachdiplomstudium und Executive MBA in Unternehmensführung technischer Leiter des Betriebs in Boswil (AG). Zuvor war er zehn Jahre bei der BOA AG im luzernischen Rothenburg als Projektleiter für die Betriebsmittel-Konstruktion und -beschaffung verantwortlich.
 

Nachgefragt bei Jürg Zimmermann, Architekt

 
 
Welches waren die Voraussetzungen, die für die erste XPS-Produktionsanlage der Schweiz erfüllt werden müssen?
Es gibt zwei Aspekte zu beachten. Wichtig war die unmittelbare Nähe des neuen XPS-Werkes zu den bestehenden Anlagen im aargauischen Boswil. Dies vereinfachte die Logistik und gibt andere wichtige Synergien. Es bedingte ein mehrjähriges Umzonungsverfahren und bildete die Ausgangslage für die Planung. Ein weiterer Aspekt ist der steigende Bedarf an Polystyrol-Extruderschaum-Dämmplatten. Dies veranlasste die Swisspor dazu, den Dämmstoff nicht nur aus dem Ausland zu importieren, sondern diesen in einem eigenen Werk in der Schweiz zu produzieren.
 
Gab es Punkte, die in der Planungsphase besonders beachtet werden mussten?
Es ist ein neuer Produktionsprozess. Wir durften in den vergangenen Jahren zwar zwei EPSDämmstoffwerke (Anmerkung der Redaktion: EPS heisst Expandierter Polystyrol-Hartschaum) für die Swisspor realisieren. Die gesammelte Erfahrung war eine wichtige Basis für die Planung. Dennoch ist ein neuer Produktionsprozess immer eine neue Herausforderung, in der man im gesamten Planerteam vieles hinterfragt und optimiert.
 
Wie sah die Zusammenarbeit zwischen der weltweit tätigen Swisspor-Gruppe und Cadosch Zimmermann Architektur aus?
Die Swisspor ist eine Firma, die genau weiss, was sie will. Dies widerspiegelt sich in einer intensiven Planungsphase, in der die Bauherrschaft einen wichtigen Part einnimmt.

Was hat Sie an diesem Projekt besonders gereizt?
Es ist faszinierend, so grosse Bauvolumen zu gestalten und umzusetzen. Gleichzeitig ist es eine enorme Verantwortung, denn die Gebäude haben durch ihre Grösse eine Präsenz und dominieren das Landschafts- und Ortsbild mit Nachdruck.
 
Wie kann man bei einem funktionalen Industriebau architektonische Ideen umsetzen?
Ich verstehe die Architektur nicht nur als das Gestalten von Gebäuden. Sicher ist im Industriebau die Gestaltung ein wichtiger Aspekt, und wir legen einen grossen Wert darauf, die Baukörper zu gestalten, Fassaden zu entwickeln, die sich abheben von der Masse an gesichtslosen Industriebauten. Ein ebenso wichtiger Aspekt sind die inneren Zusammenhänge. Eine gute Funktionalität bedingt einen idealen Grundriss, in dem die funktionalen Abhängigkeiten in eine räumliche Struktur umgesetzt werden.
 
Der Spatenstisch ist erfolgt. Wie geht die Arbeit für das Büro Cadosch Zimmermann Architektur weiter?
In der Realisierung des ersten XPS-Werkes in der Schweiz war der Spatenstich eine weitere wichtige Hürde. Für uns beginnt nun eine intensive und spannende Planungs- und Ausführungsphase.
 
An welchen Projekten arbeiten Sie zur Zeit?
Neben den Projekten für die Swisspor AG sind wir ebenfalls an der Realisierung diverser Projekte für die Eternit AG. Ein anderer Bereich, in dem wir tätig sind, ist der Messebau. Dazu kommen Neu- und Umbauten imWohnbereich.
 
 
 
 
Von Roland Merz
 

47.307521, 8.314762