Ein neues Öko-Eldorado

Ein neues Öko-Eldorado

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Teaserbild-Quelle: SDDL
Die Ebene von Malley in Lausanne wird von der Industriebrache zum riesigen Ökoquartier. Die Gemeinden Renens, Prilly und Lausanne arbeiten seit mehreren Jahren an der Neugestaltung dieses Gebiets. Ihr Ziel: ein Modellquartier für eine nachhaltige Entwicklung. Benoît Bieler, Projektleiter des Regionalen Richtplans Lausanne West, erläutert die Massnahme.
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Die Industriebrache als Ökoquartier.
 
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In welcher Phase befindet sich das Raumentwicklungsprojekt für die Industriebrache Malley zurzeit?
Benoît Bieler (im Bild): Im Rahmen des regionalen Richtplans (Schéma Directeur de l’Ouest Lausannois, SDOL) haben die Gemeinden Renens, Prilly und Lausanne sowie der Kanton Waadt gemeinsam mit den Partnern SBB und den Verkehrsbetrieben Lausanne (tl) einen interkommunalen Richtplan (plan directeur localisé, PDL) für das Gebiet Malley erstellt, das sich über 78 Hektaren, was der Fläche von 156 Fussballfeldern entspricht, und drei Gemeinden erstreckt. Der interkommunale Richtplan regelt die Grundsätze für die Raumentwicklung dieses Gebiets in Bezug auf Baudichte, öffentlichen Raum, Mobilität, Umwelt und so weiter und legt die Umsetzungsstrategie fest. Die Grundlage für das städtebauliche Konzept bildet eine im Jahr 2006 durchgeführte Pilotstudie, für die vier Architektur- und Planungsbüros verschiedene Raumentwicklungsprojekte entwarfen.
 
Bis 2020 soll die Zahl der Einwohner und der Arbeitsplätze in der unmittelbaren Umgebung des neu entstehenden Bahnhofs auf über 20 000 verdoppelt werden. Welche Bauten sind genau geplant?
Die Haltestelle Prilly-Malley, die sich zurzeit im Bau befindet, garantiert eine optimale Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Zudem ist der Standort bereits durch die Metrolinie M1 erschlossen und für 2016/2017 ist die Inbetriebnahme einer neuen Tramlinie zwischen Lausanne und Renens geplant. Die Projekte für die Verkehrsinfrastruktur sind also schon weit fortgeschritten, die Planung der Immobilienprojekte hat hingegen noch nicht begonnen. Der interkommunale Richtplan legt die städtebaulichen Grundlagen fest (Baudichte und -höhe, Nutzung), bis zum Start konkreter Bauprojekte müssen aber noch weitere Etappen durchlaufen werden (Genehmigung des Richtplans, Ausarbeitung der Teilnutzungspläne und schliesslich der Bauprojekte). Das Gebiet unterhalb des Bahnhofs ist für Gewerbe-, Dienstleistungs- und Gastronomiebetriebe, Büros, Freizeitanlagen und Wohnbauten vorgesehen.
 
Die Gesamtkosten für die Umnutzung der Industriebrache belaufen sich auf mehr als eine Milliarde Franken. Wie sieht die Finanzierung aus?
Diese sehr grob geschätzte Summe umfasst sowohl die öffentliche Infrastruktur als auch die privaten Bauprojekte. Ein Teil der für das Gebiet Malley vorgesehenen Infrastrukturanlagen wird vom Bund im Rahmen des Agglomerationsprogramms Lausanne-Morges (PALM) und des In-frastrukturfonds mitfinanziert, so zum Beispiel die Tramlinie Lausanne–Renens oder die neue Velounterführung unter der Bahnlinie. Andere In-frastrukturanlagen werden allein von den Gemeinden und vom Kanton getragen. Schliesslich wird von den Grundeigentümern voraussichtlich eine Kostenbeteiligung an den Anlagen verlangt, indem die Bodenwertsteigerungen, die durch die bauliche Nutzung entstehen, teilweise abgeschöpft werden.
 
Und wie sieht das Projekt Ökoquartier aus?
Der interkommunale Richtplan gibt klar das Ziel vor, auf dem ganzen Gebiet um Malley ein ökologisch nachhaltiges Quartier zu erstellen. Die Umsetzung wird selbstverständlich für jede Projektphase einzeln festgelegt, aber die allgemeine Ausrichtung ist gegeben. Das Gebiet verfügt über günstige Voraussetzungen für eine nachhaltige Quartierentwicklung, so etwa der Anschluss ans Fernwärmenetz der Stadt Lausanne, die ausgezeichnete Anbindung an den öffentlichen Verkehr, die schon bestehende funktionale Durchmischung (Nebeneinander von Sekundär- und Tertiärsektor, Handel, Wohnen) und Ähnliches mehr. Gemeinsam mit unseren Partnern, der Stadt Lausanne, dem Kanton Waadt und dem Bundesamt für Raumentwicklung (ARE), haben wir die Organisation equiterre und das Architektur- und Planungsbüro tribu`architecture mit der Ausarbeitung eines Evaluationsinstruments für nachhaltige Quartiere beauftragt. Dieses Instrument gibt uns die Möglichkeit, die Entwicklung des Gebiets unter Berücksichtigung sämtlicher Nachhaltigkeitsaspekte zu begleiten und regelmässig zu überprüfen, ob wir das Ziel nicht aus den Augen verlieren.
 
Inwiefern ist das Quartier ein Modellbeispiel für die beteiligten Gemeinden und den Kanton Waadt?
Die Herausforderungen des Projekts Malley liegen einerseits bei der interkommunalen Zusammenarbeit, da sich das Gebiet über drei Gemeinden erstreckt, und andererseits bei den Grundstücksverhältnissen, da das Land rund hundert verschiedenen Grundeigentümern gehört. Wir müssen also alle diese Beteiligten für das Projekt gewinnen, damit sie zum ökologischen Bauen bewegt werden können.
 
Gibt es Probleme im Zusammenhang mit der Nutzungsänderung der ehemaligen Industriezone?
Das Hauptproblem ist, dass das neue Quartier rund um die Standorte der schon bestehenden Unternehmen wächst. Die n euen Regelungen müssen so flexibel sein, dass ansässige Unternehmen ihre Tätigkeiten fortführen und sich in einem beschränkten Rahmen weiterentwickeln können, und dass gleichzeitig günstige Bedingungen für neue Nutzungen (Büros, Wohnungen) geschaffen werden. Ausserdem müssen wir Lärm- und Geruchsemissionen sowie optische Beeinträchtigungen beim Bau gut im Griff haben. Zumal sich die Bauphase über Jahre hinziehen kann und die Attraktivität der Umgebung in dieser Zeit eingeschränkt ist.
 
Ein weiteres Problem stellt die Bodensanierung dar. Der Boden im Gebiet Malley ist von der ehemaligen Industrietätigkeit belastet, deshalb müssen wir beim Bauen Vorsicht walten lassen. Glücklicherweise können die Schadstoffe hier nicht in die Umwelt gelangen. Sie sind stabil im Boden gebunden und der Baugrund muss weder überwacht noch saniert werden. Zurzeit läuft eine Studie, um festzustellen, ob gewisse Bereiche nicht ausreichend dokumentiert sind und ein Risiko darstellen. Doch vermutlich wird der Boden nicht saniert. Die Entsorgung des kontaminierten Erdreichs, das bei sämtlichen Aushubarbeiten anfällt, bringt aber Zusatzkosten für die Eigentümer mit sich. Diese zusätzlichen Kosten müssen bei der Renditeberechnung der Immobilien berücksichtigt werden.
 
Die unbebauten Grundstücke liegen mehrheitlich auf dem Boden der Gemeinde Renens, gehören aber der Stadt Lausanne. Wie arbeiten die Gemeinden zusammen, damit das Projekt reibungslos abläuft?
Die Zusammenarbeit findet im Rahmen der Strukturen des regionalen Richtplans statt. Verschiedene technische oder politische Arbeitsgruppen treffen sich regelmässig und koordinieren das Projekt. Der interkommunale Richtplan gibt den Rahmen vor, in dem sich die Gemeinden zukünftig bewegen sollen. Es ist möglich, dass die Zusammenarbeit weitergeführt oder sogar noch verstärkt wird, je konkreter die Umsetzung der Projekte wird.
 
Welche entscheidenden Etappen stehen in den nächsten Jahren bevor?
Der interkommunale Richtplan muss erneut vom Kanton und nach einem Mitwirkungsverfahren von den drei betroffenen Gemeinden genehmigt werden. Bei der Mitwirkung kann die Bevölkerung sich noch einmal zu der Zukunft des Gebiets äussern und auf das laufende Projekt Einfluss nehmen. Sobald der interkommunale Richtplan rechtskräftig ist, erarbeiten die Gemeinden neue Teilnutzungspläne auf der Grundlage von Planungswettbewerben. Erst wenn die zulässige bauliche Nutzung festgelegt ist, können die Projektträger die Baugesuche einreichen. Bis dahin dürfte der Bahnhof Prilly-Malley in Betrieb sein und von der Waadtländer S-Bahn sowie von Ortsbuslinien bedient werden. (Emilie Veillon)