Ein musealer Bahnhof verschwindet

Ein musealer Bahnhof verschwindet

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Teaserbild-Quelle: Sylvia Senz
Im schwyzerischen Biberbrugg steht der älteste Bahnhof der Südostbahn und einer ihrer wichtigsten Verkehrsknotenpunkte. Die Perrons können nur über die Gleise erreicht werden. Nun wird alles komplett erneuert.
 
 
Das Toilettenhäuschen wie auch die rostige und an einigen Stellen kunstvoll verzierte 70 Jahre alte Perronüberdachung aus Stahl haben musealen Charakter. Dass auf Gleis 3 oder 4 ankommende Passagiere der Südostbahn (SOB) Gleis 2 oberirdisch überqueren müssen, entspricht nicht mehr den üblichen Sicherheitsvorgaben. Unübersehbar ist, dass der gesamte Bahnhof Biberbrugg sanierungsbedürftig ist und den heutigen Sicherheitsstandards nicht mehr genügt. «Dies ist der älteste Bahnhof der Südostbahn, er wurde 1877 eröffnet», erzählt der Projektleiter Bau Süd der SOB, Christian Iten. «In den 60er-Jahren haben wir das letzte Mal daran etwas gemacht.»
 
Weil keine denkmalschützerischen Auflagen zu beachten sind, wird der Bahnhof komplett neu gebaut. Es entsteht eine Unterführung mit Treppen und Rampen, die drei Perrons werden erhöht und saniert, die alte Überdachung wird abgerissen und erneuert. Abgerissen werden auch alle Gebäude. Zudem ersetzt die SOB das gesamte Gleismaterial samt Schotter, Gleisunterbau, Entwässerung sowie Sicherungsanlagen. Die neuen Fahrleitungsmasten sind bereits aufgestellt.
 
Der älteste Bahnhof der SOB ist zugleich der mit der grössten Umsteigefrequenz. Nicht selten stehen auf dem Bahnhof vier Züge gleichzeitig, denn hier verzweigen sich die Linien Wädenswil-Einsiedeln und Rapperswil-Arth Goldau.
 
In einer ersten Etappe (2001) wurden Gleis 2 und Gleis 1 saniert und seitlich verschoben. Gleis 1 ist ein Stumpengleis und dient der Anlieferung von Gütern, zum Beispiel Streusalz. Auf dem Gleis 2 fahren in der Regel durchgehende Züge. Der Perron zwischen Gleis 2 und 3 wurde entfernt.Nun befindet sich die SOB in der zweiten, der «ganz grossen Etappe», die in neun Phasen unterteilt ist. Die Planung ist deshalb so kompliziert, weil Gleis 2 und 3 ständig in Betrieb sein müssen, denn hier kreuzen sich zwei Züge viermal in der Stunde. «Wir erledigen viel Arbeit in den Nachtstunden zwischen 0.30 und 5 Uhr, oder ausnahmsweise sperren wir an Wochenenden», erklärt Iten. Denn tagsüber müsse die Arbeit alle Viertelstunde unterbrochen werden; tatsächlich ist beinahe dauernd das Signalhorn von einem der drei Sicherheitswärter zu hören.

Enge Kurven

Zurzeit wird an den beiden Enden des Bahnhofbereichs gearbeitet. Hier haben es die Planer und Arbeiter mit komplizierten, engen Kurvenverhältnissen zu tun, an denen nichts geändert werden kann. Die Stützmauer Nord zur Hangsicherung war früher kleiner. Sie wird auf sieben Meter erhöht und auf 90 Meter verlängert und betoniert oder als Felsverkleidung vorbetoniert. «Diese Arbeiten sind sehr aufwendig, denn damit überhaupt gefahrlos gearbeitet werden kann, mussten wir ein Schutzgerüst errichten. Wenn die Stützmauer fertig ist, legen wir das neue Gleis», sagt Iten. Auch in Richtung Arth-Goldau wird die Stützmauer zurückgesetzt und ein neuer 33 Meter langer Schutz gebaut. Erst dann werden die Gleiskörper ersetzt.»
 
Ab nächstem Jahr ist der Mittelteil, der eigentliche Bahnhof, an der Reihe. Nach der Inbetriebnahme des neuen Stellwerks werden das Dienst- und das Stationsgebäude sowie Magazin und Schuppen abgerissen. Vor dem Bahnhof entsteht eine Park-and-Ride-Anlage für rund 60 Fahrzeuge sowie ein Busparkplatz. Als besonders «kniffligen Teil» beschreibt der SOB-Kommunikationsbeauftragte Peter Donatsch den Bau der Unterführung. Sie wird 30 Meter lang und drei Meter breit und verfügt über eine Rampe und Treppen. Die Ausführung – ob im Tagbau mit Gleisunterbruch oder mit Hilfsbrücken – ist noch offen. Mit der Unterführung wird durch eine Treppe vom Aussenperron Gleis 5 die Fussgängerverbindung von der Strasse und vom bergseitigen Teil hergestellt. Bis jetzt noch müssen Wanderer und Anwohner aus dem benachbarten Quartier Umwege in Kauf nehmen.

Enger zusammenrücken

Schliesslich erneuert die SOB noch die Perrons. Der alte, mehr als 100-jährige Perron mit Kopfsteinpflaster und rostiger Stahlüberdeckung wird entfernt und neu fundiert. Der dann neuerstellte Perron wird aus Beton mit einem Asphaltbelag bestehen und zirka einen Meter schmaler sein, denn Gleis 3 und 4 müssen etwas zusammenrücken. Das neue Dach (siehe Visualisierung) wird wie das alte ebenfalls Stahlstützen erhalten und 100 Meter lang sein. Die andern Perrons werden ebenfalls saniert und verlängert, der hinterste, bisher sehr schmale Perron von Gleis 5, – erhält einen normal breiten Aussenperron. Diese Verlängerung richte sich nach den Betriebsanforderungen, wie Iten sagt, allerdings «ist bei uns die Länge der Züge durch die starke Steigung beschränkt». Überdacht wird auch der Bereich der Rampen und Treppen. Gar nicht mehr ersetzt wird das bereits abgebrochene Gleis 6.
 
Der Bahnhofplatz soll zur Visitenkarte werden. Neben dem Busbahnhof entsteht ein kleines Dienstgebäude mit Warteraum und Toiletten sowie den notwendigen Informationsanlagen. Der Abgang zur Unterführung liegt unmittelbar daneben.
 

INFOS

 
Projekt
Erneuerung Bahntechnik (Gleis- und Weichenanlagen, Fahrleitung, Stellwerk)
Neue Publikumsanlagen (Dienst- und Warteräume, überdachte Perrons, Rampen, Kundeninformation)
Fusswegverbindung Richtung Quartier Schwyzerbrugg
Neugestaltung Bahnhofvorplatz (Busvorfahrt, Park+Ride, Velopark)
 
Kosten (ungefähr)
Publikumsanlagen: 1,3 Mio.
Gleisanlagen: 5,8 Mio.
Sicherungsanlagen: 6,1 Mio.
Fahrleitungsanlagen: 4,2 Mio.
Tief- und Hochbauarbeiten: 11,8 Mio.
Kabelkanalarbeiten: 0,8 Mio.
Total: 30 Mio.
(getragen vom Bund und den Kantonen Schwyz, Zürich und St. Gallen im Rahmen der üblichen Vereinbarungen)
 
Termine
2009: Montage neue Fahrleitungsmasten und Fahrleitung; Stützmauern; Abbruch Gleis 6; Neubau Rampe/Treppe Perron 3
2010: neue Weichen und Gleise; provisorischer Personenübergang; Neubau Personenunterführung; Gebäudeabbrüche; Bau Bahnhofvorplatz Nord; Inbetriebnahme neues Stellwerk
2011: Abbruch Bahnhofgebäude; Neubau Dienstgebäude; Rampe/Treppe Perron 1, Perronfläche 2 und 3; Bahnhofvorplatz Süd