«Ein lokaler Baumeister versteht auch etwas von Städtebau»

«Ein lokaler Baumeister versteht auch etwas von Städtebau»

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Teaserbild-Quelle: Bild: Roland Merz
Technologischer Fortschritt und gesellschaftlicher Wandel haben Einfluss auf die gebaute Umwelt.Deshalb führte der SIA zum zweiten Mal die Tagung «Zwischen den Disziplinen» durch. Diverse Fachleute aus der Bauszene trafen sich in Zürich und diskutierten über die zukünftige Zusammenarbeit.
Bild: Roland Merz
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Diverse Redner sprachen über Themen aus der Baubranche.
 
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Bauen heisst Vertrauen», sagte Dr. Peter Gross bei seinem Eröffnungsreferat im EWZ-Unterwerk in Zürich-Selnau. Der emeritierte Professor für Soziologie an der Universität St. Gallen hatte die Aufgabe, die zahlreich erschienen Architekten, Ingenieure und Fachleute der Baubranche auf das Thema der zweitägigen Veranstaltung einzustimmen. Ziel der Tagung, die 2007 seine Premiere hatte, ist es, eine interdisziplinäre Vernetzung voranzutreiben und eine zukünftige Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Berufen zu diskutieren.
 
Dr. Peter Gross stellte allgemeine Überlegungen zu den Ursachen und Folgen einer durch Finanzkrise und Erderwärmung ausgelösten ungewissen Zukunftsperspektive an. Für den Soziologen ist auch das Bauen von dieser Unsicherheit betroffen. «Wir hätten vor hundert Jahren nie vorausnehmen können, was und wie im Jahr 2010 gebaut wird, nur dass gebaut wird», führte der Redner aus. Früher gab man auf die Frage, wie die Zukunft denn aussähe, stets die gleiche Antwort: so wie immer. Moderne Gesellschaften dagegen zielen in eine andere Richtung. Alles wird überarbeitet und immer wieder neu erfunden. Für Gross ist nur etwas neu, dass nicht voraussehbar sei, sonst wäre es ja nicht neu. Dieses Vorwärtsschreiten ziehe aber einen Vertrauensschwund nach sich. «Wir wissen, dass der FCX morgen gegen den FCY spielt, aber wir wissen nicht, wie gespielt wird. Deshalb ist das Vertrauen in die Zukunft angeschlagen», sagte Gross. Abschliessend beschrieb er, dass eine offene Gesellschaft mit einer offenen Zukunft anstrengend sei. Vertrauen sei nicht mehr einfach da, sondern müsse andauernd erzeugt werden. «Die Zukunft ist ungewiss. Zum Glück!»

Interdisziplinäres Handeln

Balz Halter, der Verwaltungsratpräsident von Halter Unternehmungen, begann sein Referat mit en provokanten Worten: «Wir degradieren zu reinen Normenfüllern.» Bauherren übernehmen reflexartig und ohne nachzudenken die geltenden und zukünftigen SIA-Normen als Vertragsbestandteile, so der Unternehmer. «Wir bauen fast wie vor 50 Jahren», führte Halter weiter aus. «Der Bauherr will keine Innovation, die sich nicht mindestens zehn Jahre bewährt hat.» Auch Planer und Ingenieure seien aufgrund des Honorarmodells nicht an Neuem interessiert. «Die Normierung widerspiegelt den vergangenen Stand der Technik und behindert unkonventionelle Lösungen. Die Industrie fördert die Normierungen, welche wiederum ihre Geschäftsmodelle und Marktanteile sichern», sagt Balz Halter. Gemäss dem innovativen Kopf fehlen in praktisch allen Bereichen gut ausgebildete Ingenieure und Fachkräfte: «Wir brauchen in grösseren Zusammenhängen denkende und interdisziplinär vernetzte Architekten und Ingenieure.»
 
Auch für die oberste Raumplanerin der Schweiz braucht es ein Zusammenspiel von verschieden Fachbereichen, um die nationale Siedlungsentwicklung in die richtige Richtung lenken zu können. Dr. Maria Lezzi Lauper stellte die These auf, dass die Bauzonen zu gross seien und am falschen Ort lägen – in ländlichen Regionen statt in Zentrumsnähe. «Nach einer theoretischen Rechnung hat es in der Schweiz noch Platz für zwei Millionen Menschen. Die Reserven wären da», führte die Raumplanerin weiter aus. Auf die Frage, ob der Zonenplan überlebensfähig sei, beschrieb Lezzi Lauper diesen als Instrument, um Gesetze dingbar zu machen. Sie bemängelt, dass der er zu stark auf Zonen und Nutzungen fixiert sei. «Der Zonenplan ist nur überlebensfähig, wenn er sich weiterentwickelt.»

Nähe gewinnen

Unter dem Titel «Baukultur ist Fernbedienung» referierte Professor Kees Christiaanse, der an der Architekturabteilung der ETH Zürich lehrt, über städtebauliche Zusammenhänge. Für den Holländer lasse sich die Stadt von heute nicht mehr entwerfen. Sie könne lediglich gesteuert werden. «Eine Vision für eine Stadt ist nicht länger ein detaillierter Bau- und Zonenplan sondern ein politisches Abkommen, ein legislatives Instrument, dass in Politik und Gesellschaft breit abgestützt ist», betonte Kees Christiaanse. Anhand der russischen Stadt Perm im Ural belegte der Architekt seinen Ansatz und führte an: «Es ist für mich frappant, dass es noch immer Leute gibt, die denken, dass man ein funktionierendes Stück Stadt mithilfe eines festen Städtebau-Entwurfs schaffen kann.»
 
Gion Caminada, ebenfalls Professor für Architektur und Entwurf an der ETH Zürich, sieht keinen Unterschied zwischen Dorf- und Stadtentwicklung: «Ein lokaler Baumeister versteht auch etwas von Städtebau», beschreibt der Bündnerseine These. Unter dem Begriff Nähe versteht Caminada regionales Bauen. «Nähe gewinnen beim Bauen heisst nichts anderes als Räume zu schaffen, die in einem unmittelbaren Bezug zu den Bewohnern, ihren Gemeinschaften und Orten stehen», sagte der Bündner Architekt. Anhand der Grossstadt Hamburg und des Bergdorfs Sedrun zeigte er auf, dass Bauen zum Selbstzweck geworden sei. «An beiden Orten herrscht ein Wirtschaftssystem, das keine konkreten Ziele hat, ausser dem abstrakten Ziel der Kapitalvermehrung.» Gion Caminada plädierte abschliessend für das Zusammenbinden verschiedener Disziplinen: «Um die Nähe zu Dingen, Orten und Menschen zu gewinnen, braucht es eine neue, über das Technische entschieden hinausgehende Wahrnehmung.»

Komplexe Systeme überdenken

Einen Schritt weiter geht Isabelle Welton. Für die Chefin von IBM Schweiz darf man sich nicht vor dem technologischen Wandel verschliessen. «Heute gibt es mehr Transistoren als Reiskörner auf dieser Welt», beschreibt Welton die Welt der Computer. «Nächstes Jahr werden zwei Milliarden Menschen das Internet benützen. Systeme und Objekte sprechen miteinander, sind miteinander vernetzt. Das Internet der Dinge wird Realität.»
 
Welton pocht auf fortschrittliche Analytik und Technologie, um diese komplexen System zu begreifen. Nur so könne man den Berg an Informationen in Wissen umwandeln, um diese Daten anschliessend auch in Handlungen zu übersetzen. Systeme müssen überdenkt und auf neue Art und Weise eingesetzt werden. «Wir können uns diesem Wandel nicht verschliessen. Die grosse Frage wird sein, wie die Gesellschaft damit umgeht? Wie schaffen wir es, diese Systeme intelligent zu nutzen?»
 
In einer abschliessenden Podiumsdiskussion wurden die wichtigsten Punkte aller Redner aufgegriffen. Die SIA taxierte die Tagung als Erfolg und will in zwei Jahre eine Fortsetzung durchführen. Fazit ist, dass trotz all dem technologischen Fortschritt und den komplexen Systemen immer frei nach Kant gilt: «Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.»
 

Nachgefragt

Sie erwarteten deutliche Aussagen bezüglichder Lehrinhalte von Hochschulen. Sind diese gemacht worden?
Sacha Menz: Grundsätzlich schon, auf sehr breiter Ebene. Es ist klar zum Ausdruck gekommen, dass wir in unseren Architekturstudienplänen keine Spezialisten, sondern Generalisten ausbilden müssen. Im Rahmen der steigenden Komplexität und angesichts der harten Anforderungen wird es nötig sein, einen Primus inter pares, als einen Dirigenten im gesamten Bauprozess zu stellen. Der Architekt wäre für diese Rolle prädestiniert. Diesbezüglich ist es nötig, dass die Hochschulen ihre Lehrinhalte, ich spreche dabei vor allem von den universitären Lehranstalten, breiter ausrichten. Geschichtliche, denkmalpflegerische, soziale, städtebauliche, konstruktive, kulturgeographische, ökonomische und technische wie physikalische Aspekte sind vermehrt in die Entwurfsprojekte zu integrieren. Dies erfordert einen Mehraufwand bei den Schulen. Wenn wir uns das nicht leisten wollen, haben wir keine Chance, die Ziele der Ein-Tonnen-CO2-Gesellschaft zu erreichen.
 
Sie sprachen von einer Unruhe. Hat die Tagung einen Teil Ihrer Anliegen geklärt und haben Sie Antworten erhalten?
Die Tagung hat wahrscheinlich die Unruhe etwas verschoben, aber bestimmt nicht behoben. Wichitig ist festzuhalten, dass die Interdisziplinarität in unseren Berufen, Architektur und Ingenieurbau, zum wesentlichen Bestandteil wird. Der Architekt im Alleingang wird wohl zur Vergangenheit gehören. Die Ziele in technischer und ökonomischer Sicht sind nur in Zusammenarbeit zu erlangen.
 
Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?
Die Kommunikation unter den Beteiligten muss angekurbelt werden. Allein sind wir handlungsunfähig, um für die Vision der Ein-Tonnen-CO2-Gesellschaft einen markanten Beitrag leisten zu können.
 
Von Roland Merz