«Ein komplexes Vorhaben, das Emotionen auslöst»

«Ein komplexes Vorhaben, das Emotionen auslöst»

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Emilie Veillon
Mit den Arbeiten der dritten Rhonekorrektion wurde Ende der 90er-Jahre begonnen. Das Mammutvorhaben, das den Fluss auf einer Länge von 160 Kilometern sichern soll, wird sich über 40 Jahre hinziehen. Tony Arborino, Projektverantwortlicher der dritten Rhonekorrektion, hat zusammen mit ungefähr 60 spezialisierten Ingenieuren diese Korrektion bis ins kleinste Detail geplant.
Emilie Veillon
Quelle: 
Emilie Veillon
Tony Arborino

 
Wie kam es, dass Ihnen die Leitung der dritten Rhonekorrektion anvertraut wurde?
Tony Arborino: Als Unternehmersohn habe ich in den Schulferien immer auf Baustellen gearbeitet. So war es ganz natürlich, dass ich ein Ingenieurstudium absolvierte, um im Familienbetrieb arbeiten zu können. Später spezialisierte ich mich auf dem Gebiet der Naturgefahren entlang Fliessgewässern. Nach einigen Jahren Tätigkeit im privaten Sektor, wurde ich vom Kanton Wallis mit der Leitung der dritten Rhonekorrektion betreut.
 
Dieses Mandat wird mehrere Jahrzehnte dauern. Was sind Ihre Eindrücke nach annähernd zehn Jahren an der Spitze dieses gigantischen Projekts?
Jede Projektetappe ist gleichermassen faszinierend. Ich arbeite mit einem Team, das sich auf Experten stützt mit einem äusserst hohen technischen Know-how. Wir bearbeiten täglich komplexe, interdisziplinäre Aufgaben mit vielfältigen Interaktionen, in einem von Menschen geprägten, sehr emotionalen Umfeld.
 
Weshalb sprechen Sie von emotionalem Umfeld?
Weil die Rhone sehr prägend ist. Sie ist Teil der kantonalen Identität. Geschichtlich symbolisiert sie den Sieg der Technik über die Natur, des Menschen über die Naturgefahren. Im Laufe der Jahrhunderte hat man sie eingedämmt und mit einer ersten und zweiten Korrektion sicherer gemacht. Doch diese Eingriffe haben nicht genügt. Deshalb braucht es heute eine dritte Korrektion. Aber, damit die Ebene geschützt werden kann, muss man nun die Rhone verbreitern, was einige als Widerspruch zum bisher Gemachten empfinden.
 
Heisst das, die Vorstellung, die Rhone werde im Tal mehr Platz einnehmen, schreckt die Leute ab?
Ja, ich denke es ist eine Veränderung des Flussbildes, die zwar erwartet wird, die aber im Hinblick auf die Geschichte auch Anstoss erregen kann. Es geht nicht darum, der Natur zu Liebe zu verbreitern, es geht in erster Linie um die Sicherheit. Die falsche Vorstellung, der Fluss fordere sein Recht auf einen natürlichen Verlauf zurück, steckt trotzdem noch in gewissen Köpfen. Deshalb ist es uns wichtig, die Bevölkerung zu informieren und mit ihr zu kommunizieren. Wir erinnern zum Beispiel daran, dass der Fluss verbreitert werden muss, damit mehr Wasser durchfliessen kann und Hochwasser gefahrlos abgeführt werden können, und dass die Rhone weiterhin von zwei soliden parallelen Dämmen gesäumt sein wird. Das Schwierige bei einem komplexen Projekt besteht darin, auf einfache Weise zu erklären, was abläuft. Es ist eine spannende Herausforderung.
 
Was erwartet die Bevölkerung im Wallis?
Eine Umfrage, die erst kürzlich durchgeführt wurde, zeigt, dass die Mehrheit sehr empfänglich ist für den Sicherheits- und Schutzaspekt, aber auch, dass sich die Leute mit der Rhone verbunden fühlen und gerne mehr vom Fluss profitieren würden. Wir haben diese Ergebnisse in unseren Projekten berücksichtigt und haben Freizeitzonen vorgesehen, um der Bevölkerung einen Bereich, der dem Kanton gehört, zurückzugeben indem wir ihn benutzerfreundlicher gestalten.

Die Rhone attraktiver gestalten – ist dies überhaupt möglich im Hinblick auf ihre eindrückliche Grösse, ihre Kraft und Arroganz?
Natürlich kann man weder die Geschwindigkeit, noch die Farbe oder Temperatur der Rhone ändern. Man kann auch nicht darin baden, es ist ein Fluss mit starker Strömung, das wird auch nach der Korrektion so sein. Die Ufer hingegen werden verbessert. Momentan sind sie sehr gerade ausgerichtet und bieten keine Erholungszonen in der Nähe des Wassers. Nehmen Sie das Beispiel von Sierre. Das ausgeschriebene Projekt sieht vor, ein Dutzend Einfamilienhäuser in Flussnähe zu eliminieren, da dieser verbreitert wird, damit mehr als zweimal soviel Wasser passieren kann. Am rechten Ufer ist eine Erholungszone vorgesehen mit einem Terrassenbereich, am linken Ufer eine Promenade. Dank dieser Flächen für die Bevölkerung wird das Projekt für die Bewohner einsichtiger.

Was sind die wichtigsten Arbeiten, die im Gange sind?
In der Region Visp Arbeiten wir mit einem Budget von 120 Millionen Franken. Für die Verstärkung der Dämme wird ein Verfahren mit Bodenbeton angewandt. Die Idee besteht darin, den Sand, den Schluff und den Kies des Damms mit Zement und Wasser zu vermischen und so unter Terrain eine zwölf Meter tiefe Mauer zu erstellen, die der Kraft des Wassers widerstehen kann. Der Abschnitt von Visp ist repräsentativ für die Herausforderungen dieser dritten Rhonekorrektion, denn über den grössten Teil des Sektors wird der Fluss von 30 auf 45 Meter aufgeweitet. Wir senken aber auch die Sohle ab und verstärken die Dämme. Diese Kombination von Massnahmen ist quasi das Markenzeichen des zukünftigen Flussbildes.
 
Die Budgets sind eindrücklich aber geradezu winzig, im Vergleich zu den Kosten für die Reparatur der Hochwasserschäden, die sich auf Milliarden von Franken belaufen.
Absolut. Laut Statistik, treten im Durchschnitt alle 50 Jahre grosse Hochwasser auf. Dies entspricht aber nicht der Realität, denn innerhalb von 15 Jahren haben wir drei Hochwasser erlebt: jene von 1987, 1993 und 2000.
 
Sind Sie der Meinung, die Klimaerwärmung erhöhe die Risiken?
Ja, ich denke sie kann eine Rolle spielen. Wir haben aber unsere Analysen nicht darauf abgestützt. Wir haben es vorgezogen, uns auf Daten aus der Vergangenheit zu beziehen. Die Spezialisten, die sich mit dem Klimawandel beschäftigen, erwarten bei den Naturgefahren, vor allem bei den Hochwassern, eine Häufung der Extreme. Trockenperioden, dann starke Regenfälle und höhere Temperaturen. Dieser letzte Punkt beunruhigt uns besonders, denn wenn sich zum Beispiel die Isotherme von null Grad auf 3600 Metern Höhe befindet, dann regnet es im grössten Teil der Alpen, anstatt dass es schneit, immer mit demselben Trichtereffekt: all dieses Wasser muss über die Rhone weg.
 
Werden die ausgeführten Vorkehrungen diese Wassermengen aushalten?
Wir haben ein Projekt erarbeitet, das auch bei höheren Durchflussmengen standhält, mit Überschwemmungszonen, verstärkten Dämmen und Sekundärdämmen, damit das Wasser ins Flussbett zurückgeführt werden kann. Diese Strategie wurde in der Schweiz bereits angewandt und die Hochwasser von 2005 haben gezeigt, dass sie funktioniert.
 

Das Projekt im Detail

 
Die Experten, die im Auftrag des Walliser Staatsrats das systematische Absenken der Flusssohle anstelle der Aufweitung analysierten, sind der Meinung, diese von der Association de défense du sol agricole ADSA (Vereinigung für den Schutz des Landwirtschaftsbodens) verlangte Option habe zu grosse Auswirkungen auf das Grundwasser. Ein Austrocknen der Landwirtschaftsböden, Setzungen bei Gebäuden und eine Verminderung der Wasserreserven wären die Folgen. Das Generelle Projekt der dritten Rhonekorrektion (GP-R3) führt die Massnahmen auf, die notwendig sind, um die Ebene vor Hochwassern zu schützen. Es betrifft die Kantone Waadt und Wallis, wurde von einer Arbeitsgemeinschaft aus 24 vom Staatsrat beauftragten Ingenieurbüros ausgearbeitet und begleitet sowie von einem Expertengremium für gut befunden.

Die gewählte Lösung kombiniert grundsätzlich Flussaufweitungen (1,6 Mal die aktuelle Breite) mit Absenkungen, dort wo die Auswirkungen auf das Grundwasser es erlauben. Im Rahmen einer öffentlichen Information hatte die ADSA verlangt, anstelle des in die Vernehmlassung gegebenen Projekts sei die Lösung der systematischen Absenkung der Flusssohle, mit totalem Schutz der Ebene vor extremen Hochwassern, zu realisieren. Die Vereinigung stützte ihre Forderung auf Resultate aus technischen Studien, die sie selbst in Auftrag gegeben hatte. Der Staatsrat beschloss am 3. Dezember 2008, zwei Experten für die Analyse dieser Studie zu ernennen. Hans-Erwin Minor, ehemaliger Direktor der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie (VAW) der ETH Zürich wurde für die Fragen des Wasserbaus zugezogen und François Zwahlen, Direktor des Centre d’hydrogéologie (CHYN) (Zentrum für Hydrogeologie) der Universität Neuenburg für Fragen zum Grundwasser.

Laut Hans-Erwin Minor kann unter dem alleinigen Aspekt des Wasserbaus der gewünschte Schutz durch Absenkung oder Aufweitung erreicht werden. Er kommt in seiner Analyse zum Schluss, die gewählte Lösung mit den Massnahmen zur Begrenzung der Restrisiken entspreche der gängigen Praxis in der Schweiz. Er verweist auf die Notwendigkeit des sorgfältigen Umgangs mit Materialien und betont, einer generellen Absenkung könne nicht zugestimmt werden. Bezüglich der hydrogeologischen Aspekte verweist er auf François Zwahlen. Der Rapport Zwahlen stützt sich, was die Sicherheit und den Wasserbau betrifft, auf die grossen Hochwasser der letzten Jahrzehnte. Dieses Know-how ermöglichte das Erstellen von Schutzdirektiven, welche die Methoden definieren, mit denen Personen und Güter nachhaltig geschützt werden sollen und die auflisten, welche Fehler nicht mehr begangen werden sollten. Der Expertenbericht zeigt auf, dass mit einer systematischen Absenkung genau diese Richtlinien für den Schutz vor Hochwassern nicht erfüllt werden können, während Aufweitungen heute in der ganzen Schweiz bei grossen Schutzprojekten gegen Hochwasser erfolgreich angewandt werden.

Der Bundesrat hat sich kürzlich auf Grund einer parlamentarischen Intervention zur Frage der Absenkung geäussert. Seine Antwort ist eindeutig: Die systematische Absenkung stellt bezüglich Sicherheit keine nachhaltige Lösung dar. Sie hat zu grosse Auswirkungen auf das Grundwasser und verbessert den natürlichen Zustand des Flusses nicht. Folglich ist sie nicht gesetzeskonform.

Die vorrangigen Arbeiten ergeben sich aus dem Generellen Projekt und den in der Vernehmlassung gewünschten Anpassungen, die vom Walliser Staatsrat als dringlich beurteilt wurden. Ein Überblick über die wichtigsten Vorhaben entlang des Flusses in den nächsten zwölf Jahren.Eine Flugaufnahme über den gesamten Flusslauf der Rhone illustriert die fünf wichtigsten Sektoren. Parallel zu diesen prioritären Baustellen sind auch punktuell Arbeiten in Ausführung (Obergesteln, St-Maurice). Weitere Massnahmen sollen die Sicherheit verbessern im Sektor von Chesteholz (Gemeinden Filet/bister) und in den Gemeinden von Sierre (Granges und die Iles Falcon), St-Léonard, Sion (Vissigen), Nendaz (Aproz), Massongex, Monthey, Collombey-Muraz, Aigle, Vouvry und Port-Valais (Le Bouveret). Es handelt sich um Dammverstärkungen, die im Projekt GP-R3 vorgesehen sind, um die Bauzonen zu schützen.

Die Dämme der Rhone sind alt und geschwächt. Sie lassen der Rhone nicht genügend Platz, um die Hochwasser sicher abzuleiten. Es besteht die Gefahr von Überschwemmungen und Dammbrüchen. Es ist nicht so, wie oft gehört, dass das Überschwemmungsrisiko genügend reduziert werden könnte durch das Eliminieren der gesamten Vegetation entlang den Ufern. Dies würde nicht nur ein Defizit für die Landschaft und den Erholungswert bedeuten, es würde die Dämme zusätzlich schwächen. Wie die Illustration links zeigt, bringt eine Sicherheitsausweitung sowohl für die biologischen als auch die ökonomischen und sozialen Funktionen des Flusses Verbesserungen. Der durch die Ausweitung entstandene Verlust von Landwirtschaftsflächen wird dank Integralmeliorationen kompensiert. Dort, wo diese Art Verbreiterung nicht möglich ist, innerhalb einer Stadt zum Beispiel, wird die Flusssohle abgesenkt oder die Dämme werden konsolidiert. Auf den beiden Illustrationen zeigen die roten Linien das Wasserniveau im Falle eines Hochwassers wie jenes vom Oktober 2000. Dank der Ausweitung kann dieses Niveau deutlich gesenkt werden.

Das Ausbaukonzept für den Fluss – das Standardausweitungen mit punktuell grösseren Verbreiterungen kombiniert und Absenkungen auf einer Fläche von gesamthaft an die 870 Hektaren vorsieht (691 Hektaren im Wallis, davon 340 Hektaren Landwirtschaftsfläche) – wurde im April vom Kantonsrat angenommen. Er will die vordringlichen Massnahmen schnell realisieren, in Kombination mit Integralmeliorationen, um die Auswirkungen auf die Landwirtschaftsflächen durch höhere Qualität zu kompensieren. Ein weiteres wichtiges Element dieses politischen Entscheids: Bei den Anpassungen im Generellen Projekt müssen die Flächen und Interessen der Landwirtschaft in der Ebene so gut wie irgend möglich erhalten werden. Die Landankäufe werden fortgesetzt, um die Realisierung des Projekts und die Integralmeliorationen zu erleichtern. Heute ist der Kanton bereits Eigentümer von 97,5 Hektaren Land, das in gütlichem Einvernehmen gekauft wurde und für Kompensationen verwendet wird. Dieser Entscheid wird als Basis dienen bei der Behandlung der diversen Wünsche aus der Vernehmlassung des Generellen Projekts (GP-R3) von Mai bis September 2008. Er ermöglicht die Aktualisierung des GP-R3, im Hinblick auf die definitive Annahme 2010 durch den Walliser Staatsrat – und für das Chablais - durch den Waadtländer Staatsrat.

Am 19. Januar wurden in Visp grosse Arbeiten in Angriff genommen. Sie werden acht Jahre dauern, auf einem acht Kilometer langen Abschnitt zwischen Brigerbad und Baltschieder. Die Kosten sind auf 120 Millionen Franken veranschlagt. In erster Linie geht es darum, den Industriestandort der Lonza/DSM, den die Rhone durchfliesst, zu schützen und Schäden zu verhindern, die zwei bis drei Milliarden Franken kosten könnten, dies abgesehen von den Verlusten an Menschenleben und Umweltschäden. Da es verhältnismässig wenig Einsprachen gab, konnte dieses Verfahren relativ schnell abgewickelt werden. Diese Arbeiten sind die Fortsetzung von grossen, bereits realisierten Massnahmen in Fully und im Unterwallis. Die Baustelle in Visp markiert jedoch den eigentlichen Beginn der grossen Baustellen der Flusskorrektion, die sich über 160 Kilometer hinweg zieht, von Gletsch bis an den Genfersee, und länger als bis 2030 dauern wird. Bald werden dem Fluss entlang weitere äusserst wichtige Baustellen eröffnet werden. In Sierre/Chippis, wo der Standort von Alcan, eine der grössten Industrien im Wallis, von der Rhone stark bedroht ist, werden die Arbeiten Ende 2010 beginnen. Sie erstrecken sich über drei Kilometer und werden 80 Millionen Franken kosten. (bmg/com/Übersetzung: Virginia Rabitsch)