Ein Herz aus Stein für die Stufen zum Glück

Ein Herz aus Stein für die Stufen zum Glück

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Teaserbild-Quelle: rechts
Rainer Hardegger träumte von einer schlanken Treppe aus Naturstein und erfand die Keilstufen, die mittlerweile in Lizenz produziert werden . Die Idee sorgte auch an der Erfindermesse in Genf für Aufsehen.
 
Wie bei einem Zimmermann, der sein Zuhause mit einem aufwendigen Dachstuhl austattet, lässt auch das Haus von Rainer Hardegger unweit der Solitüde in St.Gallen auf die Berufsgattung des Eigentümers schliessen. Sichtbacksteine aus regionalem Lehm wurden in ein Doppelschalenmauerwerk verbaut, und Pflastersteine zieren den Flurboden. Das Prunkstück bildet aber eine gewendelte Geschosstreppe in Geissfussbauweise, die Stufen hat Rainer Hardegger selber gehauen. Auf das millimetergenaue Werk ist der pensionierte Steinmetzmeister im Baubereich und Gewerbeschullehrer, der rund 30 Jahre lang Steinberufsleute unterrichtete, zu recht stolz. Die Treppe geriet zur Inspiration für eine Idee, welche 2007 patentiert und an der Swissbau vorgestellt wurde: ein neuartiges, modulares Treppenkonzept, das Rainer Hardegger zusammen mit seinen Kindern Urs und Vanessa sowie Bauingenieur Hansruedi Germann mit der Firma Tritt und Schritt vermarktet. Mit ihrer Erfindung respektive deren Präsentation gewann die Tritt und Schritt GmbH dieses Jahr an der Erfindermesse in Genf eine Goldmedaille für den attraktivsten Stand in der Abeilung Bau. Rainer Hardegger war bei der Preisübergabe nicht dabei: Wegen der Aschewolke aus Islands Vulkan Eyjafjallajökull konnte er nicht aus Übersee zurückkehren, seine Tochter und sein Sohn nahmen an seiner Stelle die Auszeichnung entgegen.
Das modulare Treppensystem besteht aus Keilstufen, deren Form von Rainer Hardegger schrittweise entwickelt wurde. Die einzelnen Elemente stützen sich dank der schrägen Keilrichtung beim Bau gegenseitig, wobei jeweils das Gewicht der obenliegenden Stufe hilft, die untere Stufe festzuklemmen. Die Vorteile gegenüber Blockstufen liegt in der besonderen Form der Elemente: Sie ermöglicht, Treppen mit unterschiedlichem Steigungswinkel zu bauen, und dabei 25 Prozent Material gegenüber einer Blockstufe zu sparen. Wegen der erhöhten Fuge kann auch bei Absenkungen kein Wasser in den Treppenkörper eindringen.
Die zwei Steigungen und ein Aufritt ergeben zusammen gemessen immer 63 Zentimeter. In einer Wendeltreppe lässt sich das System bis jetzt nicht verbauen, sondern nur in geraden Läufen. Die Elemente lassen sich auf diverse Arten setzen, eingespannt oder mit Unterzug, auf Betonfundamenten oder vorbetonierten Bauteilen.
 

Produzent gesucht

Ausgangslage für Rainer Hardeggers Tüftelei war, einen Block Naturstein so zu zerschneiden, dass sich gleichmässige Keilstufen ergeben. Er baute zuerst das Holzmodell einer sogenannten Sambatreppe, die aus gleichseitigen Dreiecken besteht, verwarf diese Konstruktion aber wieder. Danach probte der Erfinder mit einem rechteckigen Holzklötzchen, aus dem er drei Winkel schnitt: «Es zeigte sich, dass nur einer dieser drei Schnitte wertvoll war. Wir nannten ihn Z-Schnitt und gingen dazu über, ihn statt aus einem Rechteck aus einem Trapez zu schneiden. Daraus ergab sich schliesslich die heutige Form der Keilstufen.»
Rainer Hardeggers Herz schlägt für Stein. Sein Treppensystem entwickelte er, damit in Zukunft wieder vermehrt Natursteintreppen gebaut werden. Bis heute fanden er und seine Tritt und Schritt GmbH aber keinen Steinmetz, der zur Produktion bereit ist. Das Hauen respektive Schneiden der Elemente ist nämlich wegen der Schrägschnitte kein einfaches Unterfangen und erfordert Präzisionswerkzeug – beispielsweise eine moderne Fräsanlage oder eine Diamantseilsäge. «Vertikal lässt sich heute Naturstein auf den Zehntelmillimeter genau schneiden. Bei schrägen Schnitten ergeben sich durch das Wenden der Fräsanlage Probleme. Das Einfahren der Maschine in einen Winkel mit zuviel Vortrieb kann das Blatt abdrücken, und das ergibt Ungenauigkeiten.» Den eigenen Betrieb gab der Steinmetzmeister 2001 an einen Nachfolger ab, eine Eigenproduktion will er nach seiner Pensionierung nicht mehr angehen.
 

Ziel: europaweit expandieren

Die Suche nach einem Unternehmen, dass gewillt war, die Erfindung der Tritt und Schritt GmbH zu produzieren, war aber trotzdem von Erfolg gekrönt: Mit der Idee konnten nämlich im April 2008 die Betonfachleute von Creaboten überzeugt werden. Es zeigte sich, dass das Giessen der Stufen mit Beton trotz aufwendiger Schalung weniger kompliziert ist als das Schneiden aus Naturstein. Zudem macht sich die Materialersparnis bei grossen Stückzahlen auch bei Betonprodukten bezahlt. Heute wird das Treppenkonzept von Creabeton als Lizenznehmer produziert: Im Gartenbaukatalog wird es als «Galileo Treppe» verkauft. Die Zusammenarbeit bedeutete für die Firma ein riesiger Schritt nach vorne, denn so ist ihre Idee in der ganzen Schweiz als Stufen für den Innen- und Aussenbereich erhältlich.
Die Natursteintreppe mit Keilstufen will Rainer Hardegger nach wie vor realisieren. Doch der Erfolg der Betontreppe zeigt, dass sich das System auf diverse Materialien anwenden lässt, zum Beispiel auch Holz. Die Firma hat ihre Idee mittlerweile auf europäischer Ebene zum Patent angemeldet. Ziel ist die Vermarktung des Treppensystems im Ausland. «Wir sind der Meinung, dass unser System den Treppenbau in gewissem Mass revolutionieren kann», sagt Rainer Hardegger und zeigt auf die Weltkarte, die hinter seinem Schreibtisch im Homeoffice hängt: «Europaweit und vielleicht noch ein bisschen weiter wollen wir in Zukunft einige Fähnchen setzen.» Thomas Kümin