Ein Hauch von Brasilien

Ein Hauch von Brasilien

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Sylvia Senz
Eine Mini-Ausgabe des Pantanal, des riesigen Feuchtgebiets in Südamerika, entsteht zurzeit im Zürcher Zoo. Ein kleiner See mit Inselchen und Anlagen bringt etlichen Tierarten wie Flamingos, Affen und Säugern mehr Auslauf und verspricht den Besuchern mehr Erlebnis.
 
 
 
Auf die gewohnten Spazierwege beim Kiosk und Picknickplatz, bei den Bisons und Sumpfwallabys müssen die Besucher des Zürcher Zoos schon seit einiger Zeit verzichten. Als Ersatz wurde ihnen gleich als Erstes eine Passerelle angeboten, von der sich für einmal die Pinguine von oben beobachten lassen; gleichzeitig erhält man einen Teileinblick in die neue Anlage «Pantana», die sich zurzeit im Bau befindet. Im Frühling 2012 soll sie fertig sein (siehe «baublatt» 9/2010).
 
Das Zürcher Pantanal ist mit etwa 10 000 Quadratmetern Fläche eine Miniaturausgabe seines brasilianischen rund 100 000 Quadratkilometer grossen Pendants. Es handelt sich um ein Feuchtgebiet, das zum Unesco-Welterbe gehört. Im Zürcher Zoo erhalten in dieser neuen Anlage mit See und Inseln die südamerikanischen Tapire, Ameisenbären und Wasserschweine (Capybaras) sowie Flamingos, zwei Affenarten und Schildkröten eine naturnahere Umgebung und mehr Auslauf als bisher. Die beiden Neubauten, das Primatengebäude und der Flamingounterstand sind zurückhaltend in die Topografie des Geländes integriert. Der Entwurf ist interdisziplinär im zooerfahrenen Team aus Landschaftsarchitekten, Architekten und Fachplanern entstanden, wobei die Gesamtleitung bei vetschpartner Landschaftsarchitekten Zürich liegt. Mario Leu von vetschpartner Landschaftsarchitekten AG sagt: «Bei vielen Projekten liegt die Gesamtleitung beim Architekten, aber weil hier die Landschaftsgestaltung im Vordergrund steht, leitet der Landschaftsarchitekt das Planerteam. Ausserdem hat vetschpartner im Zürcher Zoo schon die Anlagen für die Brillenbären, Wasservögel, Tiger, Löwen und Dscheladas sowie den Kinder- und Streichelzoo gestaltet. Die Architekten Gautschi Storrer ihrerseits realisierten die Masoalahalle für den Zoo.»
 

Die passende Farbe

Die Farbe spielt in der neuen Anlage eine zentrale Rolle. Der monolithische Körper des Primatengebäudes aus pigmentiertem Beton, eingebunden ins Terrain, wird mit der Zeit durch die Fassadenbepflanzung wie ein bewachsener Felsen aussehen. Der Kalksandstein der Innenwände blitzt bisher noch aus dem 100 Quadratmeter grossen Innengehege hervor, das vom Besucher durch eine grosse Scheibe abgetrennt wird. Im Innern werden die Wände lediglich verputzt und durch Schwammauftrag mit Farbnuancen gestaltet.
 
Mehrere in die Decke eingelassene Oberlichter bringen Tageslicht ins Gebäude. Neben Rückzugsgehegen beidseitig des Innengeheges befinden sich im hinteren Gebäudeteil vor allem die technischen Räume für die Wasseraufbereitung der Seenanlage. Allerdings wird man die Tiere nicht immer im Gebäude antreffen; sie können über kleine Brücken in Form von Holzstämmen auf die Inseln im See gelangen. Auf einer der Inseln sollen sich Mensch und Tier sogar noch näher kommen können. Damit die Affen nachts nicht ausbüchsen, wird die Besucherbrücke analog eines «Viehhüters» unter Strom gesetzt, was in anderen Zoos bereits problemlos funktioniert.
 
Im Gegensatz zum Primatengebäude wird die Konstruktion des Flamingounterstandes aus einer filigranen Stahlkonstruktion, in Assoziation der Flamingobeine, ausgeführt. Dahinterliegend ist die Fassade aus Polycarbonatplatten, die das Licht in das Gebäude streut. Zudem wird an den Ufern der Wasserläufe, im Zentrum der Anlage, zusammen mit der Zooinformation und dem Ausstellungsmacher ein Holzgebäude in Anlehnung an die Bauweise des Pantanals erstellt.
 

Infrastruktur zuerst

Der See mit seinen 1225 Quadratmetern Fläche und knapp 600 000 Litern Wasser wird aus 25 Zentimeter dicken Betonplatten in elf Etappen gebaut, von denen noch drei betoniert werden müssen. «Der lehmige Baugrund im Zoo bedingt, dass für tragende Bauteile zuerst ein Materialersatz vorgenommen werden muss», erklärt Mario Leu. Die Tiefe des Sees variiert. Flamingos mögen es möglichst flach; Tapire lieben tieferes Wasser, weil sie gerne schwimmen. Im Maximum ist der See 180 Zentimeter tief. Leu zeigt, wo zukünftig der Bach in den See fliessen wird. «Auf den zuerst geplanten Pflanzensandfilter zur Wasserreinigung musste verzichtet werden, weil er zu viel Platz gebraucht hätte.» Da stehendes Wasser Algen bildet, muss es ständig in Bewegung bleiben. Es wird neu in einer Kläranlage gereinigt. Leu weist auf die viele Kilometer langen Versorgungsleitungen hin, von denen man nach der Fertigstellung der Anlage nichts mehr sehen wird. «Die Infrastruktur wurde vor dem eigentlichen Baubeginn des Pantanals erstellt. Die zoointernen Werkleitungen mussten geprüft und auf ein neues Niveau, bis zu vier Meter tiefer, gelegt werden.»
 
«Ausgeklügelt sind Baustellenorganisation, Baustellenzufahrt durch den Zoo und die gesamte Logistik. Aufgrund der knappen Platzverhältnisse für die Unternehmer vor Ort muss in Etappen gearbeitet werden», sagt Leu. Deshalb befinden sich einzelne Bauteile in unterschiedlichen Arbeitsphasen. Ein Teilbereich der Böschung wurde im Frühling beispielsweise bereits bepflanzt. «Die Bepflanzung folgt dem ebenfalls von vetschpartner entworfenen Vegetationskonzept des Zoo Zürich. Bei der Verwendung von Pflanzen wurde darauf geachtet, dass sie vom Erscheinungsbild her dem Pantanal nachempfunden sind.»
 
Erkennbar sind bereits die Aussenanlagen für die Tapire, Ameisenbären und Capybaras, die als Winterquartier das heutige Exotarium behalten. Für die Felsen in dieser Landschaft würde man die Verwendung von Naturstein erwarten. Leu winkt ab. «Naturstein passt nicht in die Landschaft des Pantanals und ist nicht ideal, weil im Seenbereich alles wasserdicht sein muss.». Also wird mit Beton gearbeitet, der durch die Bearbeitung wie Nagelfluh-Gestein aussieht und dadurch sehr naturnah wirkt. «Alles geschieht in Handarbeit», betont Leu. «Es wird nicht mit dem Sandstrahler gearbeitet, sondern kurz vor dem Abbinden des Betons wird ausgeschalt und die Oberfläche von Hand gekratzt. Bis maximal 20 Quadratmeter Betonmauer können pro Arbeitsgang realisiert werden. Die dunkelbraune Farbe wird am Schluss mit dem Pinsel aufgetragen.» Alle Kunstfelsen werden nach Modellen aus Plastilin im Massstab 1:20 gebaut. Und weil es wichtig ist, dass sich die Tiere möglichst oft und lange im Freien aufhalten können, erhalten Tapir, Ameisenbär und Capybara auch beheizbare Unterstände. Sylvia Senz