Durchaus ein Job für eine Frau

Durchaus ein Job für eine Frau

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Teaserbild-Quelle: Florencia Figueroa
Die Umweltingenieurin Vanessa Albin ist eine der wenigen Frauen, die am Grossprojekt Neat aktiv mitwirken. Ihre Aufgabe ist es, die Arbeiten auf den Baustellen im Ceneri-Basistunnel mit ihrem Fachwissen zu begleiten. Nicht immer einfach, weil sie sich in einer reinen Männerdomäne bewegt.
Florencia Figueroa
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Florencia Figueroa
Die junge Umweltingenieurin Vanessa Albin bespricht sich mit dem Geologen François Ghirlanda.
 
Der klaren, hellen und ruhigen Stimme nach zu urteilen, würde man am anderen Ende des Telefons eine gesetzte, ernste und mindestens 45 Jahre alte Frau erwarten. Vanessa Albin entspricht dieser Vorstellung jedoch kein bisschen. Die quirlige junge Frau mit den schwarzen langen Locken und der Brille ist laut, energisch und alles andere als altbacken. Offen und herzlich geht sie auf die Menschen zu. Gleichzeitig merkt man ihr eine selbstbewusste und zielstrebige Art an: «Das habe ich in meinem Beruf gelernt», sagt die gebürtige Bündnerin, die im Tessin aufgewachsen ist. «Immer wieder muss ich mich gegen Vorurteile und manchmal, wenn auch selten, sogar gegen Anfeindungen wehren.» Der Grund dafür ist, dass die 30-Jährige als Umweltingenieurin in eine typische Männerdomäne eingedrungen ist, in der Frauen nach wie vor selten anzutreffen sind. Bereits in ihren Studienjahren musste sie gegen Widerstände ankämpfen: «Mein Grossvater, der Bauleiter war, konnte nicht verstehen, weshalb ich diesen Beruf wählte. Er meinte, dass dies für eine Frau nicht das Richtige sei.» Trotz dieses Einwandes hielt Albin an ihren Plänen fest und studierte in Zürich an der Fachhochschule Umweltwissenschaften. Danach kehrte sie ins Tessin zurück und suchte sich einen Job. Seit rund zwei Jahren arbeitet sie nun für die AlpTransit Gotthard AG und hat somit als eine der wenigen Frauen das Privileg, am Grossprojekt Neat aktiv mitzuwirken. Der Tunnel-abschnitt Sigirino für den Ceneri-Basistunnel ist Albins Arbeitsplatz. Dort geht der Vortrieb der beiden Einspurröhren ab dem Zwischenangriff Sigirino in Richtung Norden und Süden voran.
 

Sie beaufsichtigt die Baustelle

«Die AlpTransit Gotthard AG ist sich bewusst, dass das Tunnelprojekt die Natur belastet. Der Umweltschutz war ihr deshalb sehr wichtig», sagt Albin. «Aus diesem Grund hat die Firma für jeden Tunnelabschnitt eine sogenannte Umweltbaubegleitungsstelle, kurz UBB, eingerichtet.» Diese erarbeiteten im Vorfeld der Bauphase Umweltschutzmassnahmen, die von den Behörden genehmigt und für verbindlich erklärt werden mussten. Während der Bauarbeiten besteht die Aufgabe der UBB darin, dafür zu sorgen, dass die Massnahmen umgesetzt werden. Hierfür steht sie im ständigen Kontakt mit den kantonalen Fachstellen. Angegliedert ist die UBB der örtlichen Bauleitung, womit der zuständige Umweltingenieur in Sachen Umweltschutz die Aufsicht über die Baustelle hat. Beim Ceneri-Basistunnel ist das die 30-jährige Vanessa Albin. Aber: «Nicht immer goutieren die Bauleiter, dass eine junge Frau ihnen sagt, was sie zu tun haben, vor allem, wenn es altgediente Mitarbeiter sind.» In solchen Fällen müsse sie sich halt durchsetzen und auf ihre Rechte als Vorgesetzte beharren. «Mein grösster Trumpf ist dabei meine Kompetenz. Auf diese Weise kann ich auch die skeptischen Männer überzeugen.» Neben der Aufsicht ist Albin aber auch für die Berichterstattung an ihren Vorgesetzten und für administrative Aufgaben zuständig. So oft bewegt sie sich gar nicht auf der Baustelle. Auch deswegen nicht, weil die Projektleiter ihr berichten müssen und sie nur einzugreifen hat, wenn Umstände unklar sind und Entscheidungen gefällt werden müssen.
 
Beim Umweltschutz stehen die Luft, das Wasser, die Abfälle und der Boden im Vordergrund. So können die Baumaschinen und der Materialtransport Schadstoffemissionen verursachen. Das Berg- und Tunnelwasser könnte durch die Bauarbeiten kontaminiert sein. Wegen den Installationsplätzen ist der Boden ausserdem verbaut. Um die Luft in den engen Tälern möglichst wenig mit Stickoxiden und Staub zu belasten, wird das Material per Förderband und Bahn in und aus dem Tunnel geschafft. Die Baumaschinen sind dieselbetrieben und mit Partikelfiltern ausgestattet. Das Berg- und Tunnelwasser wird, bevor es wieder in die Flüsse fliessen darf, gereinigt und gekühlt. Wenn die Bauarbeiten beendet sind, werden die Installationsplätze wieder zurückgebaut und der Boden in den ursprünglichen Zustand versetzt und wenn möglich sogar verbessert. So zum Beispiel in Sigirino. Dort, wo die Bauarbeiten für den Ceneri-Basistunnel ihren Anfang genommen haben und der Installationsplatz steht, wird der Wald aufgeforstet. Der Grund: «Das ganze Ausbruchsmaterial haben wir auf einer Deponie in der Nähe des Waldes geschaffen. Dort entsteht nun ein künstlicher Berg, der nach den Bauarbeiten mit Humus und einem Oberboden aufgeschüttet wird. Danach pflanzen wir dort Bäume an», erklärt Albin. Die Inbetriebnahme des Ceneri-Basistunnels ist für das Jahr 2019 vorgesehen. Was die junge Umweltingenieurin danach machen wird, ist noch unklar. Über jeden Zweifel erhaben ist jedoch, dass sie den richtigen Beruf gewählt hat und ihn auch nach dem Grossprojekt Neat ausüben will. Vor allem auch, weil ihr Grossvater, nachdem die Enkelin nun auch in der Baubranche tätig ist, inzwischen sehr stolz auf sie ist. Florencia Figueroa