Die Suche nach der blauen Blume

Die Suche nach der blauen Blume

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Teaserbild-Quelle: zvg
Über den Dächern der Stadt die Aussicht zu zweit geniessen – so stellt man sich eine romantische Nacht vor. Dass alles noch viel schöner sein kann, zeigt eine Expedition der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Gezielt sucht sie Dächer, die durch ihre Begrünung besondere Romantik ausstrahlen.
 
Ein süsser Duft, stark und betäubend, steigt aus den zahllosen Blüten der Orchideen. Bienen summen im Chor ein brausendes Lied. Ein lauer Wind weht über die Gräser, warmes Sonnenlicht fällt auf das Gesicht. Die Wiese könnte romantischer nicht sein. Sie befindet sich jedoch nicht in einem Park oder in einem Wald, sondern mitten in der Stadt, auf dem Dach eines Hauses. So schön wie dieses Beispiel sind jedoch nur die wenigsten Dachbegrünungen. Der Boom der letzten Jahre hat in der Schweiz nämlich nicht wie erwünscht qualitative, sondern vor allem quantitative Fortschritte gebracht. Mit anderen Worten: Oft findet sich auf den Dächern nur ein minimaler Bewuchs mit Moos und Sedum-Arten, ergänzt mit ein paar wenigen robusten Kräutern (siehe «baublatt» 15/2010). Wie aber erhält man eine schöne Begrünung? Am meisten Erfolg versprechen die von Fachleuten eingeforderten Substrat-Mindestschichtdicken, die in Abhängigkeit der Niederschlagsregion definiert werden. Einige gute Beispiele hierfür gibt es in den Kantonen Zürich und Basel-Stadt: Sie verankerten die extensive Dachbegrünung in ihren Baugesetzen bereits in den Jahren 1991 (Zürich) und 2000 (Basel-Stadt). In einer von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) durchgeführten Exkursion stellte Stephan Brenneisen, Leiter der Fachstelle Dachbegrünung, einige dieser Musterbeispiele vor.
 

Ein Weltwunder

Mitten in Zürich Wollishofen versteckt sich hinter einer dicken Mauer eine kleine Oase: die Seewasserwerke Moos aus dem Jahr 1914. Grün ist die Anlage nicht nur wegen ihrer schönen Rasenflächen zwischen den Gebäuden, sondern vor allem wegen der Flachdächer der Filterhallen, die die vermutlich zur Tarnung (die Erstellung war kurz vor dem Ersten Weltkrieg) begrünt worden sind. Heute gelten diese Dächer als bauökologisches Weltwunder, weil sich auf ihrer Gesamtfläche von drei Hektaren eine Flora erhalten hat, wie es sie hierzulande vor rund hundert Jahren gab: 175 verschiedene Pflanzenarten gedeihen hier, von denen nicht wenige als selten oder gar als gefährdet eingestuft werden. Dazu gehören auch zehn Orchideen-Arten. Dass sich die Pflanzen ausbreiten konnten, verdanken sie vor allem der Tatsache, dass die begrünten Flachdächer weitgehend sich selbst überlassen und nur einmal jährlich gemäht worden sind. Das Seewasserwerk Moos gilt heute als vorbildliches Beispiel dafür, wie Dachbegrünungen zur Erhaltung der Biodiversität beitragen können.
 
Das Substrat weist eine Drainageschicht von fünf Zentimetern auf. Die Dicke des Oberbodens beträgt 15 bis 20 Zentimeter. Es kann angenommen werden, dass dieses Oberbodensubstrat aus der näheren Umgebung stammt. Nach 90 Jahren haben sich die zwei Substratschichten vermischt, ohne negative Auswirkungen auf die Dachabdichtung und den Bewuchs. Im Verlauf der Zeit mussten jedoch an den Rändern Ausbesserungen vorgenommen werden. Diese betrafen die Dachabdichtung, die neu gemacht wurden. Ansonsten ist sie immer noch im Originalzustand und voll funktionsfähig. Insgesamt 400 Kilo Traglast müssen die Dächer aushalten. Die Statik des Gebäudes wurde entsprechend robust konstruiert.
 

Die Erdhäuser

Über eine grüne Rarität verfügt Dietikon: Dort hat der Architekt Peter Vetsch neun seiner insgesamt 40 Erdhäuser gebaut: Drei Drei- bis Dreieinhalb-Zimmerhäuser, ein Viereinhalb-Zimmerhaus sowie ein Fünfeinhalb-Zimmerhaus, drei Sechseinhalb-Zimmerhäuser und ein Siebeneinhalb-Zimmerhaus. Das Untergeschoss und die Tiefgarage wurden konventionell erstellt. Das Erdgeschoss hingegen besteht aus einer Spritzbetonkonstruktion. Dabei wird auf ein feinmaschiges Streckmetallnetz, das an Tragarmierungen geschweisst und der beabsichtigten Hausform entsprechend gebogen und geformt ist, Spritzbeton aufgetragen.
 
Die Häuser ordnete der Architekt Vetsch so an, dass sie zusammen ein «U» ergeben. Auf diese Anlage schüttete er dann eine 40 bis 80 Zentimeter hohe Aushubmaterialschicht, auf der nun eine extensive bis semi-intensive Dachbegrünung wächst. Die Häuser sehen aus, als seien sie in den Hügel hinein gebaut worden. Um sie vor Feuchtigkeit zu schützen, wurde eine Wassersperre bestehend aus einer wurzelfesten Polymer-Bitumen-Schicht eingebaut. Diese ist direkt auf dem Feinüberzug des Spritzbetons aufgetragen. Die Wassersperre wird mit einer Filtervliesmatte geschützt. Den idealen Feuchtigkeitsausgleich ermöglichen jedoch die Innenwände des jeweiligen Erdhauses. Diese sind nämlich mit einem Lehmputz versehen, der abschliessend mit Naturkalkfarbe gestrichen wurde. Die im U-förmigen Hügel liegenden Erdhäuser gruppieren sich um einen Innenhof mit Weiher und Feuchtbiotop. Sie durchdringen den Hügel zumeist in Nordsüdrichtung, wobei der Wohnteil nach Süden orientiert ist und der Schlafteil nach Norden.
 

Der Hühnerstall

Wie man ein Dach optimal in seine Umgebung anpassen kann, zeigt ein Beispiel in Rothenfluh: Dort hat ein Bauer auf dem Dach seines Legehennen-Stalls eine Dachbegrünung angebracht. Ziel war dabei eine natürliche Klimatisierung des Stalls, damit sich die Hühner wohlfühlen und produktiv bleiben.
 
Wie Brenneisen erklärt, kontrolliert die Dachbegrünung die Temperatur und Belüftung innerhalb des Stalls: Im Sommer wird die Hitze durch den abkühlenden Effekt der Verdunstung und der dämmenden Wirkung der Begrünung im Vergleich zur Aussentemperatur um circa drei bis fünf Grad Celsius gesenkt. Im Winter hilft die verbesserte Wärmedämmung, das Gebäude zu belüften. Um das Gebäude optimal in seine Umgebung anzupassen, hat man sich entschieden, auf dem 1000 Quadratmeter grossen Dach landschaftstypisches Material für die Dachbegrünung zu verwenden. So besteht die Oberschicht aus einem fünf Zentimeter dicken Oberboden aus dem umliegenden Obstgarten. Die Traglast des Daches war jedoch begrenzt (100 Kilogramm pro Quadratmeter), weshalb für die Unterschicht der Dachbegrünung leichtes und gehacktes Chinaschilf eingesetzt wurde. Weil das Dach eine Neigung von elf Grad aufweist, bestand die Gefahr der Erosion. Deshalb musste ein Systemaufbau mit hoher Wasserspeicherkapazität und mit guten vegetationstechnischen Eigenschaften eingeplant werden, um einen deckenden Bewuchs erzielen zu können. Nach sieben Jahren hat sich das Chinaschilf weitgehend kompostiert und liegt nun in lockerer, humoser Form als unterer Bestandteil der Substratschicht vor. Die Gesamtschichtstärke des Substrats beträgt nun 10 bis 15 Zentimeter.
 

Die Photovoltaik-Anlage

Die Messehallen in Basel machen zurzeit vor allem wegen ihres Umbaus von sich reden. Weniger bekannt ist jedoch die Tatsache, dass die von Theo Hotz konstruierte Messehalle 1 die grösste Dachbegrünung der Schweiz mit Photovoltaik aufweist. Der Bau ist 210 Meter lang, 90 Meter tief und 20 Meter hoch. Die 16 000 Quadratmeter grosse Dachfläche ist extensiv begrünt. In den Randbereichen ist sie jeweils mit einer Photovoltaik-Anlage ausgestattet. Insgesamt 1850 Quadratmeter beträgt ihre Gesamtpanelfläche.
 
Die Messehalle erhielt 2001 den Preis der Europäischen Konvention für Stahlbau für ausserordentliche Bauten bezüglich Leistungsfähigkeit, Wirtschaftlichkeit und Ästhetik. Die besondere Leistung bei diesem grossen Gebäude liegt jedoch in der Projektzeit von nur zehn Monaten. Ermöglicht wurde die Realisierung nur durch optimale Planung und Projektleitung. Speziell an diesem Gebäude ist ausserdem, dass auf dem Dach neben der Begrünung und der Photovoltaik-Anlage ein Kunstprojekt installiert worden ist. Das Projekt, bestehend aus Holz, Heu und Dachgartenerde, bietet zahlreichen Tieren einen naturnahen Lebensraum in der Grösse eines Fussballfelds. Das Ziel des Kunstprojekts ist eine ökologische Aufwertung. Florencia Figueroa