Die Pfahlbauer waren zuerst da

Die Pfahlbauer waren zuerst da

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Mit dem Rasiermesser schneidet der Dendrochronologe Niels Bleicher eine hauchdünne Probe von einem Pfahlbau-Rundling ab, um sie nachher unter dem Mikroskop zu untersuchen.
Im Alpenblick-Quartier in Cham ZG und in Zürich beim Opernhaus finden sich Spuren von steinzeitlichen Siedlungen im Boden. Darum darf nicht gebaut werden. Der Dendrochronologe Niels Bleicher ist auf beiden Plätzen aktiv. Während die Bagger ruhen, hat er Hochbetrieb.
Mit dem Rasiermesser schneidet der Dendrochronologe Niels Bleicher eine hauchdünne Probe von einem Pfahlbau-Rundling ab, um sie nachher unter dem Mikroskop zu untersuchen.
Auf den ersten Blick sieht die Baustelle beim Wohnquartier Alpenblick in Cham nicht ungewöhnlich aus. Kibag-Sichtblenden umspannen ein Gelände, auf dem offenbar gerade der Aushub begonnen hat. Dass hier aber nicht Bauarbeiter, sondern Archäologen am Werk sind, verraten das Fehlen schwerer Maschinen und die Tatsache, dass Zelte und ungewöhnlich viele Baucontainer stehen. In einem dieser Container arbeitet Niels Bleicher. Der Dendrochronologe geniesst im Team der Wissenschaftler und Grabungstechniker das Privileg, von der Witterung geschützt arbeiten zu dürfen. Seine Kollegen gruben im Februar im pickelhart gefrorenen Boden und schlämmten mit klammen Fingern die Reste einer Pfahlbauersiedlung aus. Bleicher befasst sich mit dem Hauptbaumaterial der Pfahlbauer: Holz. Er erkennt an der Textur einer Probe, ob es sich um eine Tanne, Esche oder Eiche handelt, kann auf das Jahr genau ermitteln, wann der Baum gefällt wurde und wie ihn die Menschen jener Zeit bearbeiteten. Die Forschung der Dendrochronologen liefert in der Archäologie, aber auch bei bauanalytischen Untersuchungen mit der Entnahme von Holzproben in Gebäuden Erkenntnisse zur Baugeschichte, Siedlungsdynamik, Waldnutzung und Klimageschichte.
 
Reichhaltige Fundstellen
Der Baustelle zur Überbauung Alpenblick in Cham, wo in Zukunft neue Wohnhäuser stehen werden, und die Grube für das Parkhaus Opéra in Zürich weisen bei genauerem Hinschauen einige Parallelen auf, die erklären, warum Spezialisten wie Niels Bleicher zum Einsatz kommen. In Cham wie in Zürich sind Reste einer Pfahlbauersiedlung vorhanden. Beide Grabungsorte lagen zur Zeit der Pfahlbauer vor Tausenden von Jahren direkt am Zürich- respektive am Zugersee. Funde in Feuchtböden sind wegen des Sauerstoffmangels besonders wertvoll und aufschlussreich, weil sie unvergleichlich besser erhalten sind als solche in trockenen Böden. Hölzer, Geweihe, Knochen, Pflanzen, Speisereste und gar Textilien sind bestens konserviert. Die materiellen Spuren der Menschen jener Zeit sind so gut und reichhaltig erhalten, dass sie aus denkmalpflegerischen und wissenschaftlichen Gründen nicht zerstört werden dürfen, sondern per Gesetz zumindest erfasst und dokumentiert werden müssen, bevor die Bagger das Erdreich fortschaffen. Die Fundstellen wären potenzielles Unseco-Welterbe, sogenannte Rettungsgrabungen sind nötig.
In Cham war dank Sondiergrabungen schon vor Baubeginn bekannt, dass nur rund 1,5 Meter unter Boden reichhaltige Funde zu erwarten sind. Das Keller- respektive Tiefgaragengeschoss der geplanten Wohnüberbauung «Alpenblick II» hat die vollständige Zerstörung der Fundschichten zur Folge. Von Juli 2009 bis November 2010, mit einer Winterpause von November 2009 bis Februar 2010, werden die Schätze der Pfahlbauersiedlung gehoben.
Das Hochbaudepartement der Stadt Zürich gab Mitte März bekannt, dass Fachleute der Archäologie bei Sondierungen auf der Baustelle für das Parkhaus Opéra auf wertvolle, 5000 Jahre alte Kulturschichten von internationaler Bedeutung stiessen. Darum wurde ein Baustopp von neun Monaten verfügt. Die Eröffnung des Parkhauses verschiebt sich um ein Jahr auf den Sommer 2012. Die eigentlichen archäologischen Grabungsarbeiten beginnen im Mai.
 
An beiden Fundorten tätig
Der Mitarbeiter des Labors für Dendrochronologie der Stadt Zürich wurde quasi als «Leihgabe» in Cham tätig, weil die Kantonsarchäologie Zug über keine eigenen Dendrochronologen verfügt. Seine Anwesenheit auf der Grabungsstelle beschleunigt den Verlauf der Untersuchungen. Der Dendrochronologe kann nämlich bestimmen, ob sich eine genauere Untersuchung eines gefundenen hölzernen Artefakts lohnt, und mit welcher Methodik dies vonstattengehen soll.
In Cham leistet Niels Bleicher derzeit «Fliessbandarbeit». Er untersucht Proben von Holzpfählen, auf denen die Pfahlbauer ihre Plattformen und Häuser über dem Feuchtboden errichteten. 16 000 Proben innerhalb von 15 Monaten werden es schätzungsgemäss werden. Von jedem Rundling schabt er mit einer Rasierklinge eine hauchdünne Probe ab, die anschliessend unters Mikroskop gelegt wird. Dort bestimmt Niels Bleicher einerseits die Holzart und erkennt andererseits, welche Proben sich für eine spätere Untersuchung am ehesten lohnen. «Eine daumendicke Erle mit drei Jahrringen liefert mir weniger Informationen als eine 30 Zentimeter dicke Eiche mit 250 Jahrringen.» Die bei der Triage gewonnenen Daten trägt Niels Bleicher in eine Datenbank ein. Die Holzproben sortiert er gemäss ihrem wissenschaftlichen Potenzial aus. Das ist notwendig, damit später speditiv und budgetschonend das Maximum an Informationen gewonnen werden kann. Wie ein privatwirtschaftliches Unternehmen müssen auch die von der öffentlichen Hand finanzierten Archäologen die zur Verfügung stehenden Geldmittel minutiös einteilen. «Bei jedem Projekt sind Kostendach und Zeitplan vorbestimmt, die nicht überschritten werden sollten», so der Dendrochronologe.
Der Arbeitsalltag des Dendrochronologen hängt von der Projektphase ab, in der sich eine Ausgrabung befindet. Der manchmal monotonen Triage folgt die Aufbereitung der Daten. «Es geht darum, den Archäologen bereits erste Erkenntnisse liefern zu können.» Erst dann beginnt die eigentliche dendrochronologische Phase. Niels Bleicher vermisst die Jahrringe, vergleicht die Jahrringmuster und betrachtet anatomische Details. So kann er unter anderem das Fälldatum der Bäume bestimmen. Bei manchen Projekten findet anschliessend eine Projektdokumentation statt. Eine Arbeit, für die er während Monaten am Computer sitzt und Texte tippt.
Die Rettungsgrabung in Zürich steht unter grösserem zeitlichen Druck als jene in Cham. Niels Bleicher bereitet die Aussicht auf die bevorstehenden stressigen Monate aber keine schlaflosen Nächte. «Ich muss mich sicherlich darauf einstellen, dass einiges auf mich zukommt. Aber das stellt einen Grund mehr dar, gut zu schlafen.» Der Baustopp von neun Monaten sei zwar eine «sportlich bemessene» Frist. «Die an der Grabung Beteiligten werden aber alles tun, um rechtzeitig fertig zu werden. Wir wollen niemanden vom Bau des Parkhauses abhalten.»
 
Nicht für die Ewigkeit gebaut
Viele Pfähle, die Niels Bleicher unter die Lupe nimmt, erscheinen ungewöhnlich dünn, wenn man in Betracht zieht, dass sie einst Plattformen mit Häusern darauf stützten. Der Dendrochronologe nimmt den Rundling einer Tanne zur Hand, der nur neuneinhalb Zentimeter Durchmesser aufweist. «Die Pfahlbauer hatten eine andere Vorstellung von Häusern und vom Wohnen als wir. Niemand wollte, dass sein Haus 100 Jahre steht. Viele der Häuser, die aus dünnem Leichtholz gebaut wurden, standen fünf bis zehn Jahre, bis die Menschen weiterzogen. Nach einigen Jahren kehrten sie unter Umständen wieder zum Siedlungsplatz zurück. Darum finden sich an den Seeufern Schichten von Siedlungsphasen, die sich während 2000 bis 3000 Jahren angesammelt haben.» Thomas Kümin