Die öffentliche Hand ist die wichtigste Auftraggeberin

Die öffentliche Hand ist die wichtigste Auftraggeberin

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Teaserbild-Quelle: Sylvia Senz
Das Baugeschehen in der Ostschweiz wird zurzeit deutlich von öffentlichen Bauvorhaben geprägt: Die SBB und das Bundesamt für Strassen sind bei weitem die bedeutendsten Bauherren in der Region, gefolgt von den Kantonen St. Gallen und Thurgau. Der Wohnbau ist dagegen rückläufig.
 
Sylvia Senz
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Sylvia Senz
Infrastrukturprojekte beleben das Baugeschehen in der Ostschweiz
 
Der grösste Bauplatz der Ostschweiz befindet sich seit Ostern im Raum Sargans-Mels-Bad Ragaz. In der Ebene zwischen Rhein- und Seeztal wird nach über 35 Jahren Betriebszeit die Verzweigung Sarganserland der A3 und A13 auf einer Gesamtlänge von 15 Kilometern einer Gesamtsanierung unterzogen. Dabei werden nicht nur die Fahrbahn erneuert, sondern auch alle Brücken sowie Lärmschutz, Entwässerung und Signalisation. Das Vorhaben umfasst die Strecken Kantonsgrenze Graubünden/St.Gallen bis zum Anschluss Trübbach SG der A13 sowie Mels/Heiligkreuz bis zur Verzweigung Sarganserland der A3. Laut Informationen des Bundesamtes für Strassen (Astra) belaufen sich die Projektkosten auf voraussichtlich 250 Millionen Franken.
 
Kaum einen Kilometer weiter westlich haben die Bauarbeiten zur Erneuerung und Leistungssteigerung des Bahnhofs Sargans begonnen. Der Bund, die SBB und die Gemeinde Sargans wollen bis Ende 2012 26 Millionen Franken in den wichtigsten Ostschweizer Bahnknoten nach St. Gallen investieren. Dieses Vorhaben ist nur ein kleiner Teil eines grösseren Projekts, das im Rahmen des Anschlusses der Schweiz an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz realisiert wird: Der gesamte Bahnkorridor zwischen St. Margrethen und Sargans wird bis 2013 für total 70 Millionen Franken ausgebaut. Zu diesem Vorhaben gehören die Verbesserung des Bahntrassees für höhere Geschwindigkeiten zwischen Neugrüt SG und Rüthi SG mit einem Aufwand von 37 Millionen Franken sowie der Ausbau des Bahnhofs Au SG zur Kreuzungsstation für 13 Millionen Franken. Diese Bauvorhaben beginnen allerdings erst im nächsten Jahr.
 

Infrastrukturbau im Aufwind

Vom Anschluss an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz profitiert die Baubranche nicht nur im Sarganserland, sondern auch am Bodensee: Für 80 Millionen Franken wird die Bahnstrecke zwischen St. Gallen und St. Margrethen ausgebaut: Der Teilabschnitt St. Finden – Engwil wird auf Doppelspur erweitert und im Rosenbergtunnel, östlich des Bahnhofs St. Gallen, ein Spurwechsel eingebaut, während zwischen Goldach, Rorschach und Staad die Leistungsfähigkeit des Trassees erhöht wird. Gleichzeitig wird bis 2015 die so genannte Seelinie zwischen St. Gallen, Romanshorn und Konstanz für 60 Millionen Franken so ausgebaut, dass künftig nicht nur Regionalzüge, sondern auch Schnellzüge auf ihr verkehren können. Als Teil dieses Projekts wird zurzeit der Bruggwaldtunnel bei St. Gallen ausgebaut und von seinem Südportal zur neuen Doppelspur St. Finden – Engwil eine 300 Meter lange Verbindungslinie erstellt.
 
Allein mit diesen Projekten realisieren das Astra und die SBB in den nächsten zwei bis drei Jahren in der Ostschweiz ein Bauvolumen von 460 Millionen Franken. Zu den Bundesbauten zählt übrigens auch der Neubau des Bundesverwaltungsgerichts, der Anfang Januar 2012 eröffnet wird und mit einer Bausumme von rund 100 Millionen Franken zu Buche schlägt.
 

Gewichtige öffentliche Bauten

Nicht nur der Bund, sondern auch die Kantone St. Gallen und Thurgau profilieren sich als grosse Auftraggeber für Infrastrukturen und öffentliche Bauten. Vor allem in der Stadt St. Gallen hat die Realisierung mehrerer öffentlicher Gebäude begonnen oder steht kurz bevor: Das neue kantonale Verwaltungszentrum Oberer Graben für rund 60 Millionen Franken ist in Bau und der Aushub für die Fachhochschule beim Bahnhof ist bereits abgeschlossen. Noch dieses Jahr soll zudem der Grundstein für das Logistikgebäude des Kantonsspitals gelegt werden, das mit 220 Millionen Franken veranschlagt ist. Auch für das Kulturzentrum Lokremise, ein Projekt für fast 24 Millionen Franken, fällt der Startschuss noch in dieser Bausaison.
 
Im Hochbauprogramm 2010-2013 des Kantons Thurgau sind rund 90 Millionen Franken budgetiert, die in Schul- oder Verwaltungsbauten fliessen werden: Einerseits in den Umbau des kantonalen Zeughauses Frauenfeld in ein Staatsarchiv (rund 19,7 Millionen Franken) und anderseits in die Erneuerung des Hauptbaus des Berufsbildungszentrums Arenenberg (rund 16 Millionen Franken), in die Sanierung des Bildungszentrums für Technik in Frauenfeld (19 Millionen Franken) sowie in die Gesamterneuerung des Berufsbildungszentrums Weinfelden (12 Millionen Franken). Die Sanierung des Kantonsspitals Münsterlingen für rund 60 Millionen Franken wird voraussichtlich erst 2012 dem Kantonsparlament unterbreitet. Das Hochbauamt arbeitet zurzeit einen Kostenvoranschlag aus. Der grösste Brocken jedoch, der Neubau des Bettenhauses für das Kantonsspital Frauenfeld für 200 Millionen Franken, taucht im Finanzplan erst im Budget 2013 auf.
 
Im diesjährigen Strassenbauprogramm des Kantons St. Gallen sind 52 Millionen Franken für Neu- und Ausbauten sowie 18 Millionen für den Strassenunterhalt eingestellt. Der Kanton Thurgau hat in seinem Strassenbauprogramm 2010-2013 knapp 60 Millionen Franken budgetiert, mit denen Knoten saniert oder Kreisel und Radwege erstellt werden. In diesem Betrag nicht inbegriffen ist das vorläufig grösste Strassenbauprojekt des Kantons, der Neubau der Kantonsstrasse in Arbon zur Entlastung der Altstadt. Der grösste Teil der dafür vorgesehenen 58 Millionen Franken wird aber erst ab 2013 investiert. Für Unterhaltsarbeiten am Strassennetz wird der Kanton Thurgau 9 Millionen Franken ausgeben.
 

Rückläufiger Wohnungsbau

Die Zahlen des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV) für das 4. Quartal 2009 in den Kantonen St. Gallen und Thurgau bestätigen, dass zurzeit vor allem die öffentliche Hand Bauaufträge vergibt. In beiden Ostschweizer Kantonen verzeichneten die SBV-Mitgliederfirmen Ende letzten Jahres einen rückläufigen Auftragseingang. Nicht ausgenommen von diesem Rückgang war der Wohnungsbau, die bisherige Stütze der Baukonjunktur. Im Gegensatz zum Schweizer Durchschnitt gingen die Aufträge für private Wohnbauten im Kanton St. Gallen um 5 Prozent und im Thurgau sogar um 25 Prozent zurück. Der Auftragseingang im öffentlichen Hoch- und Tiefbau im Kanton St. Gallen nahm hingegen markant zu, was wohl auf die Stabilisierungsmassnahmen des Bundesrats und der Kantone zurückzuführen ist. Im Thurgau gingen hingegen auch die Aufträge für öffentliche Hoch- und Tiefbauprojekte zurück.
 
Ganz unterschiedlich hat sich der Arbeitsvorrat per Ende 2009 in den beiden Kantonen entwickelt: Im Kanton St. Gallen nahm dieser zu, und zwar primär dank öffentlicher Bauaufträge. Der private Wohnbau ging hingegen um 15 Prozent zurück. Im Thurgau war der Arbeitsvorrat hingegen rückläufig, und zwar auch im Wohnungsbau, der eine Abnahme von 15 Prozent verzeichnete. Im (privaten) Wirtschaftsbau stieg der Arbeitsvorrat hingegen markant um 30 Prozent an. Es ist jedoch zu vermuten, dass dies auf ein einziges, grosses Projekt zurückzuführen ist: Bekannt ist, dass Stadler Rail in Erlen TG an der Bahnlinie Winterthur - Romanshorn für 30 Millionen Franken ein neues Inbetriebsetzungszentrum erstellt. Die Werkhalle verfügt über sieben Gleise bei einer Länge von über 160 Metern und einer Breite von 42 Metern. Gleichzeitig investiert Stadler 8 Millionen Franken zur Anpassung der Kapazitäten im Werk Bussnang TG.
 

Impulse des Gebäudeprogramms

Trotz des Rückgangs des Wohnungsbaus in den beiden Ostschweizer Kantonen könnte das Gebäudeprogramm des Bundes und der Kantone einen positiven Impuls auslösen, zumindest im Bereich Renovation und energietechnische Sanierung. Der St. Galler Kantonsrat hat für das laufende Jahr 10 Millionen Franken bewilligt, zu dem noch ein Globalbeitrag des Bundes in zurzeit unbekannter Höhe kommt. Der Kanton fördert damit die Installation von Sonnenkollektoren, den Aufbau von Wärmenetzen oder Biogasanlagen sowie die Beratung im Hinblick auf energietechnische Sanierungen. Im Thurgau stehen dieses Jahr zu diesem Zweck 16 Millionen Franken zur Verfügung. Hausbesitzer, die eine Gesamtsanierung planen, erhalten einen zusätzlichen Bonus, wenn ihr Gebäude nach der Erneuerung den Minergiestandard erfüllt oder mindestens die Effizienzklasse C gemäss Gebäudeenergieausweis erreicht. Die Unterstützung von Solaranlagen wird vom Kanton wieder aufgenommen und neu werden auch Biogasanlagen gefördert.
 
Die März-Statistik des «baublatt»-Bauinfo-Centers über die Entwicklung von Baugesuchen, Baubewilligungen und Submissionen geben zu einem vorsichtigen Optimismus Anlass: Sowohl im Kanton St. Gallen, als auch im Thurgau liegen die neusten Zahlen weit über dem Niveau vom März 2009 und weit über dem gesamtschweizerischen Durchschnitt. Im Kanton St. Gallen haben die Baugesuche um 42 Prozent (Schweiz: +20%) und die Baubewilligungen um 5,3 Prozent (Schweiz: +20,5%) zugenommen. Die Submissionen legten um 41 Prozent zu. Im Thurgau wurden 31,6 Prozent mehr Baugesuche als vor Jahresfrist eingereicht und 15,3 Prozent mehr Baubewilligungen erteilt. Die Submissionen nahmen ebenfalls zu.
 

Gesetzgeberische Weichenstellungen

Ein Blick auf die Gesetzgebung in St. Gallen und Thurgau zeigt, dass in beiden Kantonen wichtige Weichenstellungen in Gang sind. Im Kanton St. Gallen wird der Regierungsrat bis Ende Jahr dem Kantonsrat die Totalrevision des Baugesetzes vorlegen, welche bestimmt für Diskussionsstoff sorgen wird. Der Regierungsrat möchte auf der Grundlage umfangreicher Vorarbeiten die Kompetenzen zwischen Kanton und Gemeinden neu regeln und gleichzeitig die kommunalen Bauvorschriften beschränken und vereinfachen. Ziel ist, mit dem neuen Baurecht den Beitritt des Kantons St. Gallen zum Konkordat über die Harmonisierung der Baubegriffe zu ermöglichen. Im Planungsrecht ist die Anpassung der zulässigen Nutzungsarten in den einzelnen Zonen vorgesehen sowie Massnahmen zur «Baulandverflüssigung», sprich, zur Verhinderung von Baulandhortung. Im baupolizeilichen Bereich sollen die Begriffe und Messweisen vereinheitlicht werden. Die Beschleunigung des Baubewilligungsverfahrens vom Einreichen des Baugesuchs bis zum erstinstanzlichen Entscheid ist Teil eines separaten Projekts der St. Galler Regierung. Diese hat dem Kantonsparlament Ende 2009 eine entsprechende Vorlage zur Beschleunigung des Baubewilligungsverfahrens unterbreitet. Der Kanton Thurgau hat sich Mitte Dezember einen überarbeiteten kantonalen Richtplan gegeben (siehe «baublatt» 41/2009), der nun behördenverbindlich ist. Die Bewilligung durch das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) steht noch aus.
 
In beiden Ostschweizer Kantonen wurden mehrere Agglomerationsprogramme aufgegleist, die nun darauf warten, dass der Bund die versprochenen Gelder freigibt. Dieser unterstützt Agglomerationsprojekte mit Zuschüssen von 30 bis 40 Prozent. Wegen des vom Bundesrat für nächstes Jahr vorgesehenen Sparprogramms ist aber noch nicht klar, wie viel Geld effektiv zur Verfügung steht. Im Kanton St. Gallen hat das ARE die Agglomerationsprogramme St. Gallen/Arbon/Rorschach (83 Millionen Franken) und Obersee (86 Millionen) gutgeheissen. Diese beiden Programme sollen nächstes Jahr eine erste Tranche von 74 respektive 11 Millionen Franken vom Bund erhalten. Das Agglomerationsprogramm Will SG wurde hingegen wegen zu geringer Wirksamkeit zurückgestellt. Im Thurgau unterstützt der Bund das Agglomerationsprogramm Frauenfeld nächstes Jahr mit 7,5 Millionen Franken.
 
Anders als im Grossraum Zürich, wo kaum ein Rückgang des Baugeschehens festzustellen ist, hat sich die Wirtschaftskrise im Raum Ostschweiz vor allem im markanten Rückgang des privaten Wohnungsbaus niedergeschlagen. Um so mehr wird sich die Baubranche in dieser Region über die grossen öffentlichen Vorhaben im Infrastrukturbau und im Hochbau freuen. Zudem sollten die Förderprogramme zur energietechnischen Sanierung von Wohnbauten zu einer Belebung des privaten Wohnbaus beitragen.
 
Massimo Diana