Die Italiener haben die Nase vorn

Die Italiener haben die Nase vorn

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Teaserbild-Quelle: Europan Schweiz
Zum zehnten Mal wurde 2009 ein Europanwettbewerb durchgeführt. Teilnahmeberechtigt sind Architekten und Planer, die noch nicht 40 Jahre alt sind. Fünf Schweizer Städte haben sich daran beteiligt. Die Sieger wurden am 18. Januar öffentlich bekannt gegeben.


Wir wollen an der Entwicklung und Erneuerung der Architektur mitwirken, indem wir jungen Architekten die Möglichkeit bieten, ihre Vorstellungen und neuen Ideen in Projekten auszudrücken, und indem wir sie bei der baulichen Verwirklichung dieser Ideen unterstützen.» So steht es in der Europan-Charta geschrieben. Europan will aber auch den Städten und privaten Investoren, die Standorte anbieten, dabei helfen, innovative Ansätze in Architektur und Städtebau zu finden. Damit sollen in den rund 20 europäischen Teilnehmerländern der experimentelle Wohnungsbau und neue städtebauliche Verfahren gefördert werden. Seit 20 Jahren wird alle zwei Jahre ein Europan-Wettbewerb durchgeführt. Dabei geht es bei der Aufgabenstellung jeweils um zukünftige Wohnformen und Fragen der Stadtentwicklung.

«Europäische Urbanität – Nachhaltige Stadt und Wohnumfeld» hiess das übergeordnete Thema von Europan 10. Innerhalb dieser weit gefassten komplexen Thematik stellten sich bei den ausgeschriebenen Standorten ganz unterschiedliche Problematiken, entsprechend lautete eine weitere Differenzierung: Regeneration, Wiederbelebung und Ansiedlung. Bei drei von fünf Schweizer Standorten – Dietikon ZH, La Chaux-de-Fonds NE und Montreux VD – ging es um Ansiedlung, das heisst es handelt sich um noch unbebaute Gelände am Stadtrand. Auch innerhalb dieser drei Areale waren Problematik und Anforderungen sehr unterschiedlich. Für den 36,5 Hektaren umfassenden Studienperimeter auf dem Niderfeld entlang den Geleisen in Dietikon bestand bereits eine politisch genehmigte, feste Unterteilung in vier Zonen: Wohnnutzung, Mischnutzung, Arbeitsgebiet und Erholungszone Stadtpark. Insofern entspricht dieser Standort nicht ganz den Vorstellungen von Europan nach einer völlig freien Gestaltung. Die Jury beschloss deshalb, auch Arbeiten zuzulassen, die gewisse Verschiebungen der Zonenaufteilung vorschlugen, zumal die Projekte aufzeigten, dass sich daraus auch Vorteile ergeben können. Das eigentlich zu projektierende Gebiet beträgt 13 Hektaren.

La Chaux-de-Fonds, das sich 2009 erfolgreich um die Aufnahme ins Unesco-Weltkulturerbe beworben hat, beteiligte sich mit einem 1,5 Hektaren grossen Grundstück im Westen der Stadt. Das Gelände am Hang neigt sich in nordwestlicher Richtung und schliesst an die Wohnsiedlung Esplanade an, die Anfang der 90er-Jahre realisiert wurde. Die Stadt will an diesem Standort Wohnungen für eher gehobene Ansprüche realisieren. Gleichzeitig musste an der im Südosten angrenzenden Eisenbahnlinie eine neue Haltestelle geplant werden, die das Quartier über eine direkte Verbindung mit dem Hauptbahnhof verbinden soll. Die Herausforderungen an das zu planende Quartier waren auch sozialer Natur, da eine gewisse Durchmischung erwünscht ist. Infolge der Krise in den 90-er Jahren hat dies in der Siedlung Esplanade nicht im gewünschten Mass funktioniert.

Der Name Montreux ist wohl für viele gekoppelt mit dem Bild des atemberaubenden Ausblicks auf den Genfersee. Insofern ist das 2,5 Hektaren grosse Europan-Gelände nicht typisch für die Gemeinde, da es oberhalb von Clarens an einem dem See abgewendeten Hügel liegt. Dafür ist das Gebiet Les Grands Prés vom öffentlichen Verkehr sehr gut erschlossen und liegt nur 500 Meter vom Autobahnanschluss entfernt. Den optischen Horizont bilden die umgebenden Bergketten. Im Gegensatz zu La-Chaux-de-Fonds sollen in Montreux, das vorwiegend über teuren Wohnraum verfügt, Wohnungen entstehen, die sich auch weniger begüterte Einzelpersonen und Familien leisten können. Die Behörden wünschen sich eine Überbauung, die an der westlichen Stadteinfahrt ein eigenständiges kleines «Zentrum» bildet, ähnlich den umliegenden Dörfern, mit verschiedenen Nutzungen und Wohndichten.

Um Regeneration ging es beim Standort Les Plantaz in Nyon, einem heterogenen Gebiet im Norden der Stadt, an der Bahnlinie, die Nyon mit La Cure verbindet. Innerhalb des Wettbewerbsperimeters von vier Hektaren befinden sich alte Industriebauten, kleinere Wohnbauten und Einfamilienhäuser, die mit grossen Wohnblöcken auf angrenzenden Grundstücken kontrastieren. Es gibt auf dem Gelände auch Familiengärten, Kinderkrippen und einen kleinen Park mit Überresten eines römischen Aquädukts. Die Gemeinde wünschte sich einen Vorschlag, der die Komplexität des Ortes mit seiner Vielschichtigkeit widerspiegelt.

In die Kategorie Wiederbelebung fallen die Jeunes-Rives in Neuenburg. Auf diesem 15 Hektaren umfassenden Gelände am See befanden sich 2002 die Anlagen der Expo. Von den Wettbewerbsteilnehmern wurden Vorschläge erwartet, die eine direktere Beziehung zwischen Stadt und See ermöglichen. Es sollte ein Park entstehen, der das Potenzial dieses Ortes besser ausschöpft und den unterschiedlichen Nutzungsbedürfnissen von Bewohnern und Touristen gerecht wird. Die Bausubstanz steht hier nicht im Vordergrund. Die von der Jury prämierten Arbeiten sind Beiträge, die möglichst klare, eindeutige Positionen einnehmen. So hat die Jurypräsidentin denn auch betont: «Die zweitplatzierten Projekte sind nicht ähnlich wie das Siegerprojekt, aber etwas weniger überzeugend, sondern sie zeigen andere Lösungsansätze auf.»

Insgesamt wurden zu den fünf Schweizer Standorten 158 Arbeiten eingereicht, oft von international gemischten Teams. Eingeschrieben hatten sich ursprünglich 255 Teilnehmer, davon 49 aus der Schweiz und 206 aus dem Ausland. Unter den Preisträgern in der Schweiz figurieren überraschend viele Teams aus Italien. Europaweit haben sich 62 Städte an der Europan-10-Session beteiligt, 2429 Projekte wurden eingereicht. Das Durchschnittsalter der Teammitglieder beträgt 31 Jahre. Dieses Mal wird die Preisübergabe mit dem Forum der Resultate in der Schweiz stattfinden. Neuenburg rüstet sich bereits für den Empfang der jungen Planerteams und der Städtevertreter aus ganz Europa Ende Mai. (Virginia Rabitsch)