Die Bahn rollt unter den Büros

Die Bahn rollt unter den Büros

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Teaserbild-Quelle: zvg
Aarau erhält ein grosszügiges neues Bahnhofsgebäude mit umfassender Mantelnutzung. Neben Büros und einem Ärztezentrum in den Obergeschossen entstehen 20 Läden und Gastronomiebetriebe. Nach einer Vorgeschichte mit Rückschlägen ist das Projekt nun auf Kurs – Ende 2009 fanden die Rohbauarbeiten fahrplangemäss ihren Abschluss.


Noch ist es verhüllt, das neue Bahnhofsgebäude in Aarau. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass die Arbeiten am Grossprojekt zügig vorangehen. Nach dem Spatenstich im März 2008 konnten die Rohbauarbeiten am fünfstöckigen Neubau nun plangemäss abgeschlossen werden.

Seit November ist auch das Perron von Gleis 1 wieder ordnungsgemäss in Betrieb. «Für uns ist das ein wichtiger Meilenstein», erklärt der SBB-Projektleiter Urs Spichtig, «nun stehen den 45 000 Pendlern, die den Bahnhof Aarau täglich nutzen, wieder alle Perrons vor dem Bahnhofgebäude offen.» Zurzeit laufen die letzten Arbeiten an den Fassaden- und Innenverglasungen. Begonnen haben dafür die Installationsarbeiten für die Haustechnik. Ausserdem werden die Innenwände der Mietflächen erstellt.

Das Projekt hat eine bewegte Vorgeschichte. Seiner Bedeutung wurde das bestehende, fast 150-jährige Gebäude schon lange nicht mehr gerecht. Bereits 1991 hatten die SBB deshalb einen Projektwettbewerb initiiert, den das Büro Theo Hotz AG zusammen mit Suisseplan Ingenieuren (damals unter dem Namen Wewo) für sich entscheiden konnte. Der Umsetzung kam in den Weg, dass die geplante Einrichtung der Fachhochschule Nordwestschweiz im Jahre 2001 politisch abgeblockt wurde, weshalb die SBB neue Nutzungen für das Gebäude suchen mussten.

Diese wurden gefunden durch den Verkauf der Geschosse eins bis fünf im Stockwerkeigentum. Als dann auch die Aargauer Stimmbürger das Projekt mit deutlicher Mehrheit guthiessen, konnte es im März 2008 endlich losgehen. Gestaffelt wurde seither auf vier Baufeldern parallel gearbeitet (siehe «baublatt» 17/2008 und 8/2009).

Mit einer Länge von 300 Metern und einer totalen Nutzfläche von 30 000 Quadratmetern verfügt der neue Bahnhof über ein stattliches Volumen. Einer der Vorzüge von Theo Hotz’ Siegerprojekt besteht darin, dass das Gebäude trotz seiner Dimensionen nicht zu wuchtig daherkommt. Die architektonische Idee: Das Gebäude besteht aus zwei Teilen, die an einer zum Grundriss diagonal verlaufenden Linie zueinander versetzt angeordnet sind. Der differenziert gestaltete, lang gestreckte Bau erstreckt sich über die gesamte Länge des Bahnhofplatzes, womit die Gebäude um diesen herum ein Gegenüber erhalten. Durch die beidseitige Transparenz der Fassaden aus Glas und Stahl wird zudem ein Bezug zu den Gleisen hergestellt.

Im Innern ergeben sich spannende Durch- und Aussichten, so etwa zur Bahnhofshalle hin, die sich über drei Geschosse erstreckt. Die Halle stellt das Herz des Neubaus dar. Hierhin gelangt man durch den Haupteingang, über dem die Bahnhofsuhr mit einem Durchmesser von neun Metern angeordnet ist – eine Spezialanfertigung, die trotz ihrer Grösse wie kleinere Bahnhofsuhren über einen springenden Sekundenzeiger verfügt.

Läden, Büros und ein Ärztezentrum

Von der Halle aus gelangt man nicht nur zum Bahnreisezentrum im ersten Untergeschoss. 20 auf dieser Ebene und im Erdgeschoss angeordnete Läden und Restaurants sind ebenfalls von hier aus erschlossen. «Die Kunden finden entsprechend unserem Konzept ‹Mehr Bahnhof› vom Blumenladen über eine Apotheke bis hin zum Supermarkt alles unter einem Dach», führt SBB-Gesamtprojektleiter Ulrich Günthard aus. Alle Mietverträge seien bereits unter Dach und Fach. Im zweiten Untergeschoss befindet sich eine Parkgarage mit 150 Plätzen plus 40 Kurzzeit-Abstellplätzen. Auch die Zufahrt für Private wurde unter den Boden verbannt. Nur Taxis dürfen fortan noch oberirdisch zum Bahnhof vorfahren. Dabei wurde nicht nur an die vier-, sondern auch die zweirädrigen Gefährten gedacht, entstehen doch – im Erdgeschoss – total 500 Velo- und 100 Roller-Abstellplätze.

Während die Flächen im Erd- und ersten Untergeschoss im Besitz der SBB verbleiben, wurden die fünf Obergeschosse im Stockwerkeigentum verkauft. Im ersten Obergeschoss entsteht ein Ärztezentrum des Kantonsspitals. Darüber beziehen der Kanton, die Kantonalbank, die IV-Stelle und die Sozialversicherungsanstalt neue Büros. Erschlossen sind diese Räumlichkeiten unabhängig vom Bahnhof über vier Gebäudekerne.Die Gesamtinvestitionen ohne Mieterausbau belaufen sich auf rund 114 Millionen Franken. Mit rund zehn Millionen beteiligen sich die Stadt Aarau und der Kanton Aargau an diesen Kosten.

Sobald die Fassadenarbeiten abgeschlossen sind, kann auch der letzte Feinschliff am Perron von Gleis 1 erfolgen. Die übrigen Perrons bleiben übrigens von den Arbeiten verschont, wie Urs Spichtig erklärt: «Die weiteren Perrons waren schon vor gut zehn Jahren saniert worden, weshalb sie nun bis auf die Signalisierungen keine Anpassungen erfahren.»Ende Januar 2010 wird – mit Ausnahme der Kastenfassade im Erdgeschoss auf der Nordwestseite – die gesamte Aussenhülle fertiggestellt sein. Die Bauteams können dann das Fassadengerüst demontierten und mit den Umgebungsarbeiten beginnen. Ab Frühjahr wird die Instandsetzung der Personenunterführungen Ost und West angegangen.

Eine nächste Bauphase wird im Mai mit dem Start des Innenausbaus eingeläutet. Bereits im Sommer können dann voraussichtlich die ersten Mieter einziehen. Ein eigentliches Einweihungsfest für die Bevölkerung wird dann im Herbst über die Bühne gehen. Das Areal wird dabei aber nicht lange baustellenfrei bleiben: Fürs nächste Jahr steht die Umgestaltung des Bahnhofplatzes auf dem Programm. (Luca Rehsche)