Der Strassen- und Tunnelbau schenkt ein

Der Strassen- und Tunnelbau schenkt ein

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Das Kernstück der 380 Millionen Franken teuren Umfahrung von Roveredo ist ein 2,4 Kilometer langer Tunnel.
In Graubünden und Glarus kann das Baugewerbe mit vollen Auftragsbüchern rechnen. Der Arbeitsvorrat ist hoch. Imposant sind unter anderem die Investitionen in Umfahrungsstrassen und in die Energieversorgung.
 
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Im Kanton Graubünden investieren Bund, Kanton und Gemeinden momentan massiv ins Strassennetz. Mehrere Bauprojekte mit Summen von jeweils zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe sind budgetiert. Bei Küblis an der Nationalstrasse A28 starteten im Juni dieses Jahres, nach intensiver einjähriger Vorbereitungsarbeit, die Sprengarbeiten für den 2,2 Kilometer langen Tunnel mit Sicherheitsstollen. Im Moment klafft dort eine 35 Meter tiefe Baugrube. Die Dorfumfahrung von 3,4 Kilometern kostet insgesamt 210 Millionen Franken. Davon entfallen 160 Millionen Franken auf den Küblisertunnel. Die Umfahrung wird gemäss Plan im November dem Verkehr übergeben. Sie ist Teil der Nationalstrasse A28 Landquart-Klosters und dient der Entlastung von Küblis. Die sogenannte Prättigauerstrasse wurde 2002 ins Nationalstrassennetz aufgenommen. 


Verkehrsentlastungen

Voraussichtlich 2016 soll auch das bündnerische Roveredo an der Passroute San Bernardino (A13) vom Verkehr befreit sein. Die Verkehrsentlastung wird den Dorfbewohnern wieder mehr Lebensqualität bringen. 2009 begannen die Bauarbeiten der 380 Millionen Franken teuren Umfahrung, deren Kernstück der 2,4 Kilometer lange Tunnel San Fedele ist. Die Umfahrung führt von Grono GR bis nach Castione TI und misst 6,5 Kilometer. An der A13 werden dieses Jahr zudem die Arbeiten beim Cassanawald Süd-Anschluss Nufenen in der Höhe von 38 Millionen Franken beendet.

Eine weitere Umfahrung mit Tunnel ist nach langer politischer Debatte mitte dieses Jahres bei Silvaplana in Angriff genommen worden. Die Dorfstrasse mit ihren unübersichtlichen Kurven und ihrem Engpass im historischen Kern soll entlastet werden. Die Umfahrung von 1,5 Kilometern, die voraussichtlich 2016 fertiggestellt ist, kostet 70 Millionen Franken. Sie umfasst unter anderem den 750-Meter-Tunnel Clavanövs, der die Engadinerstrasse mit der Julierstrasse verbindet. Weiter erhält Trans GR für 16 Millionen Franken eine neue, 1,7 Kilometer lange Kantonsstrasse, die das hochgelegene Dorf mit dem Talboden verbindet. Sie ersetzt die um 1880 gebaute steile Strasse Paspels–Trans, die künftig noch der Land- und Waldwirtschaft dienen wird. Schliesslich steht am Südrand von Chur die Sanierung der Schanfiggerstrasse nach Arosa an. Doch vorerst müssen Bund, Stadt und Gemeinden noch den Kostenschlüssel des 58-Millionen-Projekts definitiv erklären.

Im Kanton Glarus werden von 2011 bis 2020 für insgesamt 67 Millionen Franken mehrere Kantonsstrassen saniert oder neu gebaut. Im Mai hat die Landgemeinde einem entsprechenden Bauprogramm zugestimmt. Eine gigantische Baustelle befindet sich seit Herbst 2009 am Fuss des Klausenpass bei Thierfeld, wo der Kanton Glarus zusammen mit dem Energiekonzern Axpo die Kraftwerke Linth-Limmern (KLL) ausbaut. Das Auftragsvolumen des Projekts beträgt 2,1 Milliarden Franken. Bis 2015 wird an allen Wochentagen rund um die Uhr an verschiedenen Baustellen gearbeitet. Der Ausbau des Kraftwerks umfasst unter anderem die 600 Meter tief im Berg liegende Kavernenzentrale des Pumpspeicherwerks und die Vergrösserung des Muttseebeckens auf fast 2500 Metern. Die bisherige Energieleistung des KLL wird um 1000 auf 1450 Megawatt erhöht.

Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) investiert ebenfalls in seine Infrastruktur. Für den Stausee Solis im bündnerischen Tiefencastel baut es in den nächsten zwei Jahren für 38 Millionen Franken einen Stollen. Er soll das angeschwemmte Geröll abführen und den Stausee vor drohender Verlandung bewahren. Mit diesem Verfahren betritt das EWZ technologisches Neuland.  


«City West» belebt Hochbau

Seit Frühjahr 2010 ist nach mehrmonatiger Vorbereitungsarbeit mit dem Bau der 74 Meter hohen Zwillingstürme in Chur begonnen worden. Sie sollen bis 2012 fertiggestellt sein. Die Kosten des neuen Einkaufs- und Gewerbezentrums «City-West», in das die beiden Türme integriert sind, belaufen sich auf 125 Millionen Franken. Weitere grosse Projekte, die bald realisiert werden könnten, sind unter anderem das Hilton Garden Inn in Davos (50 Millionen Franken), der Umbau des Kantonsspitals Chur (80 Millionen Franken) und das neue Verwaltungszentrum Chur (88 Millionen Franken). Während sich das Kantonsspital in fortgeschrittener Planungsphase befindet, kommt das Verwaltungszentrum nächstes Jahr an die Urne.
 

Bauwirtschaft wirkt stabilisierend

Bereits im Krisenjahr 2009 verzeichnete die Bündner Bauwirtschaft ein deutliches Wertschöpfungsplus und wirkte stabilisierend auf die Gesamtwirtschaft ein. Das geht aus der Studie «Immobilienmarkt 2010» der Credit Suisse hervor. Zur positiven Entwicklung trugen vor allem grosse Tiefbauprojekte der öffentlichen Hand bei, die für 2009 um 15 Prozent höher lagen als im Vorjahr. Mit Blick auf die gesamte Bündner Bauwirtschaft erreichten die Aufträge mit einem Volumen von 877 Millionen Franken den zweithöchsten Stand seit acht Jahren. Nur 2008 lagen diese noch um 8,5 Prozent höher. Vor allem schlug sich die kostenintensive Umfahrung Roveredo zu Buche. Die Gesamtausgaben im Bau stiegen im 2. Quartal 2010, verglichen mit demselben Quartal 2009, um 4,2 Prozent von 278,9 auf 290,5 Millionen Franken. Das zeigt die Statistik des Schweizerischen Baumeisterverbands.

Im Kanton Glarus war das Wachstum der Bauwirtschaft noch rasanter. Die Ausgaben für den Hoch- und Tiefbau legten im 2. Quartal 2010 gegenüber demselben Quartal 2009 um 25,9 Prozent von 64,4 auf 51,2 Millionen Franken zu.


Solide Arbeitsvorräte

Zusätzlich hat sich in beiden Kantonen der Arbeitsvorrat erfreulich entwickelt. Gemessen bis Ende Juni 2010 nahm er in Graubünden für die gesamte Bauwirtschaft gegenüber dem Vorjahr um 8,2 Prozent zu. Der Durchschnitt der Kantone liegt schweizweit bei 10,8 Prozent. In Glarus lag das Wachstum des Arbeitsvorrats sogar bei 34,3 Prozent.  Der Auftragseingang im 2. Quartal 2010 im Vergleich zu demselben Quartal des Vorjahres legte in Graubünden auf hohem Niveau nochmals um 1 Prozent zu. Verantwortlich dafür ist der Hochbau  mit einem Zuwachs von 19,8 Prozent. Der Tiefbau hingegen sank um 16,4 Prozent.

In Glarus sank der Auftragseingang für die Gesamtwirtschaft im 2. Quartal 2010 gegenüber dem Vorjahr um 21,3 Prozent. Während die Aufträge des Hochbaus ein Minus von 28 Prozent verzeichneten, war der Tiefbau mit einem Minus von 4,9 Prozent weniger stark betroffen.

Insgesamt kann in Graubünden gemäss einer Studie von BakBasel die Bauwirtschaft bis 2014 mit einer robusten Auftragslage rechnen. Die vom Graubündnerischen Baumeisterverband veranlasste Studie geht von einer wachsenden Baunachfrage von jährlich 0,2 Prozent aus. Darin nicht berücksichtigt sind verschiedene Grossbauprojekte wie die NEAT-Baustelle in Chur, mehrere Umfahrungsstrassen und der Umbau des Kantonsspitals in Chur. 

Die Arbeitsvorräte werden auf 282 Millionen Franken beziffert und liegen damit 2,2 Prozent unter dem Vorjahr. Viele Aufträge sind in den wenig witterungsabhängigen Sparten Hochbau und Untertagbau zu erwarten. Demgegenüber schwächelt der Tiefbau im Vergleich zum starken 2008 etwas. Für den Kanton Glarus fehlt eine solche langfristige Prognose. 


Energiegesetz heizt ein

Der Bündner Hochbau profitiert künftig vom neuen kantonalen Energiegesetz. Mit diesem soll der Verbrauch fossiler Energien reduziert und das Fernziel einer ökologischen 2000-Watt-Gesellschaft angestrebt werden. Entsprechend werden die Vorschriften bei Neubauten gegenüber 2008 schrittweise verschärft, um 2011 den Verbrauch fossiler Energien um 40 Prozent zu senken, 2025 um 60 Prozent (Minergie-P-Standard) und 2035 schliesslich um 80 Prozent. Zusätzlich sollen Förderbeiträgen vermehrt zu energetischen Haussanierungen anregen. Die vom Graubündnerischen Baumeisterverband beauftragte Studie geht davon aus, dass Hausbesitzer jährlich rund 250 Millionen Franken in die Substanz und Werterhaltung von Gebäuden investieren.
 
Urs Rüttimann
 
 
Detailliertere Informationen: «baublatt»-Bauinfo-Center, 044 724 77 33 oder www.bauinfocenter.ch
Für Rückfragen zur SBV-Quartalserhebung:
Alfonso Tedeschi, Schweizerischer Baumeisterverband (SBV), Zürich, 044 258 82 62,
atedeschi@baumeister.ch
 
 

Nachgefragt bei Stefan Engler,

Regierungsrat und Baudirektor des Kantons Graubünden:
 
Was ist charakteristisch für das Bauen und die Bauwirtschaft Graubündens?
Die Bauwirtschaft unseres Kantons profitiert von einer vielfältigen Baunachfrage. Ist es im Bündner Rheintal vor allem der private Wohnungs- und Industriebau, so sind es über den ganzen Kanton verteilt öffentliche Infrastrukturen des Tiefbaus wie der Strassenbau, die Substanzerhaltung der Eisenbahn, Schutzwerke gegen Hochwasser, Lawinen und Steinschlag sowie kleinere und mittelgrosse Kraftwerksanlagen. Momentan ist unsere Bauwirtschaft gut ausgelastet.

Wo sehen Sie die Herausforderungen für die bündnerische Bauwirtschaft?
Ich will vier zukünftige Herausforderungen skizzieren: Die Industrialisierung des Baus wird sich noch beschleunigen. Man realisiert Bauwerke mit immer weniger Personal, immer besseren Materialien und kann mit den Ressourcen schonender umgehen. Dann werden sich die Ansprüche an ökologisches Bauen erhöhen. Drittes werden auch für die Bauunternehmungen Innovationsfreude und die Qualität in der Ausführung noch wichtiger werden. Und zu guter Letzt: Infolge der Kleinstrukturiertheit unserer Baubranche ist Kooperationsfähigkeit bei grossen und technisch anspruchsvollen Vorhaben erforderlich.

Ist die kantonale Standorts- und Wirtschaftspolitik für die Bauwirtschaft wichtig?
Um eine konstante Bevölkerung zu erhalten, setzt die Regierung auf eine Wachstumsstrategie. Wachstum wird angestrebt durch mehr Arbeitsplätze und Innovation dort, wo die spezifischen Potentiale für Tourismus, Industrie und Wasserkraft vorhanden sind. Ein attraktives Steuerklima, die Förderung markttauglicher touristischer Strukturen, aber auch die Gemeindereformen und die Erneuerung von Infrastrukturen dienen dieser Strategie.

Was unternimmt der Kanton Graubünden gegen die schweizweit diskutierte Problematik der Zweitwohnungen?
In der Tat riskiert die überhitzte Baunachfrage die Ansprüche nach Wohlstand und Freizeit ins Negative zu kippen. Entsprechend müssen die wenigen davon betroffenen Gemeinden und notfalls der Kanton Gegensteuer geben mit bedarfsgerechten Einzonungen und Restriktionen für neue Zweitwohnungen.

Kurz noch zum Strassenbau: Wie viele Strassen kann sich Graubünden leisten?

Graubünden verzeichnet im Vergleich zum kantonalen Durchschnitt deutlich höhere Strassenlasten pro Kopf. Die Gründe dafür: Wir sind flächenmässig der grösste Kanton der Schweiz, unsere Besiedlung ist stark dezentral und Passübergänge verbinden unsere Talschaften. Insgesamt sind über 1500 Kilometer Kantonsstrassen zu unterhalten und vor Naturgefahren zu schützen. Dafür setzt der Kanton jährlich rund 150 Millionen Franken ein. Die Kosten des weitläufigen Strassennetzes kann der Kanton allein nicht tragen. Er ist auch in Zukunft auf die Solidarität des Bundes angewiesen.
 
(ur)