Der Klotz des Anstosses

Der Klotz des Anstosses

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Teaserbild-Quelle: zvg
Auf der Allmend in Luzern wird an allen Ecken und Enden gebaut. Die Stadt veranstaltete einen Kunst-am-Bau-Wettbewerb, den der Luzerner Künstler Felix Kuhn gewann. Seine Skulptur «Der Klotz» thematisiert das Verhältnis der gesamten Bausumme zum Beitrag an die Kunst im öffentlichen Raum. Nicht ganz ohne Kontroverse.
 
 
 
Es wird geklotzt auf der Allmend in Luzern, und zwar in doppeltem Sinne. Da entstehen für rund 250 Millionen Franken die Swisspor-Arena, das neue Zuhause des FC Luzern, ein 88 Meter und ein 77 Meter hohes Hochhaus mit 286 Wohnungen, Sportanlagen, Messegebäude und ein Erholungsraum. Doch das grösste Aufsehen erregt im Moment ein verhältnismässig kleiner Würfel, der hier neben den grossen Bauten zu stehen kommen soll. «Der Klotz» von Künstler Felix Kuhn hat den Ideenwettbewerb der Stadt Luzern für den Vorplatz gewonnen. Dieser 450 Meter lange und 60 Meter breite Platz wird zum grossen Teil mit Bäumen begrünt, und eine S-Bahn hält hier vor Stadion und Messehallen – die ganze Allmend ist ein bedeutendes Projekt für die Öffentlichkeit, hauptsächlich finanziert von privaten Investoren wie der Credit Suisse.
 
«Bei wichtigen Bauvorhaben sieht ein Stadtratsbeschluss vor, dass ein Budget für die Kunst am Bau in der Höhe von 0,5 bis 1 Prozent der Bausumme zur Verfügung gestellt wird», sagt Mathis Meyer, Gesamtprojektleiter Allmend der Baudirektion Luzern. Anfänglich sei vorgesehen gewesen, einen Brunnen auf der Vorzone zu errichten. Dann entschied sich die Stadt, den Perimeter zu öffnen, und stellte den Künstlern für den Wettbewerb den ganzen Platz für eine künstlerische Intervention zur Verfügung. «Unser Hauptanliegen war, dass das Werk Bestand und einen Bezug zum Ort hat», sagt Meyer.
 

Quadratischer Gewinner

Das Kunstprojekt «Der Klotz» hat sich gegen 12 Mitbewerber durchgesetzt. Felix Kuhn hatte die Idee, Zahlen und Fakten, die für das Bau- und Kunstvorhaben relevant sind, miteinander zu verbinden und die materiellen Zusammenhänge sichtbar zu machen. Geplant ist ein dreidimensionaler massiver Quader mit je sechs Meter Kantenlänge. Dieser Monolith wird aus Stahl, Beton und Glas bestehen, wie die Bauten, die auf der Allmend aus dem Boden spriessen. Die Materialien des Klotzes sollen im Verhältnis zu den verwendeten Baustoffen dieser Neubauten stehen: Bei einer geschätzten Gesamtmenge von 400 000 Kubikmetern Baumaterial entspricht die Masse des Klotzes einem Anteil von 0,056 Prozent. Dieser Prozentsatz errechnet sich aus der Bausumme von 250 Millionen Franken und dem Betrag für die Kunst von 140 000 Franken.
 
«Mir ging es darum, eine leise Kritik an der Umgestaltung der Allmend zu üben. Hätte ich die Höhe des einen Wohnturms von 88 Metern und den Beitrag an die Kunst als Vergleichsgrössen herangezogen, so hätte ich eine fünf Zentimeter grosse Skulptur erhalten», sagt Felix Kuhn und fügt an: «Das schien mir dann doch nicht umsetzbar, und so entschied ich mich für das Verhältnis der verwendeten Materialien und dasjenige der Investitionen.»
 
Mit diesen Referenzen zur Allmend und der zeitlichen Beständigkeit, die die Materialien Beton, Glas und Stahl mit sich brächten, erfülle das Projekt die Auflagen des Wettbewerbs, so Meyer. «Der Klotz soll die Leute nicht nur zum Sehen, sondern auch zum Denken veranlassen.» Und das tat dieser bereits kurz nach Bekanntgabe des Gewinns: Die «Neue Luzerner Zeitung» warf der Jury Dilettantismus vor, weil der FC Luzern und die Messe Luzern AG als Direktbetroffene bei der Entscheidungsfindung nichts zu melden gehabt hätten. Der Klotz sei ein Affront, wurde Markus Lauber, Geschäftsführer der Messe Luzern, zitiert. Die Skulptur sei zu gross und verstelle die Sicht auf das Messegebäude. Wochenlang füllten kontroverse Kommentare das Leserbriefforum.
 

In der Schusslinie der Presse

«Anfänglich standen wir in der Schusslinie der lokalen Presse. Mit solchen Reaktionen haben wir aber gerechnet», sagt Meyer. Nun hätte sich der Diskurs verändert, und man spräche allgemein über Kunst im öffentlichen Raum, was er sehr begrüsse. Auch der Künstler freut sich, dass dermassen debattiert wird. «Kunst darf dort kratzen, wo es uns morgen beisst», sagt Kuhn. «Ich bin überrascht, dass man mit Kunst noch eine solche Kontroverse auslösen kann.» Es sei wichtig, dass sich die Bevölkerung Gedanken um ihren öffentlichen Raum mache. In den Tagesmedien erhalte die Reflexion darüber einen bedenklich kleinen Platz. «Im Vergleich zu Lifestyle-Themen hat die Raumplanung normalerweise leider kaum einen Stellenwert», bedauert er.
 

Keine Frage des Gefallens

Die Messe Luzern AG liess verlauten, dass sie, falls das Projekt eine Baubewilligung benötige, Einsprache erheben werde. Normalerweise brauchts für Kunst am Bau keine Baubewilligung, weiss Mathis Meyer. Das Siegerprojekt müsse nun konkretisiert und präzisiert werden. Der Stadtrat beurteilt es abschliessend. «Sobald das Projekt überarbeitet ist, das heisst, die genaue Lage und Grössenverhältnisse bekannt sind, kann entschieden werden, ob es ein Baugesuch benötigt.» Ob das Kunstwerk den Leuten gefalle oder nicht, sei aber kein Kriterium.
 
Bis der Klotz gebaut wird, dauert es noch eine Weile: Er wird erst in der letzten Etappe realisiert, die Ende 2013, Anfang 2014 anbricht. «Die Planung müssen wir aber jetzt schon in Angriff nehmen, um sicher zu sein, dass man beim Bau nicht anderen Arbeiten in die Quere kommt», sagt Meyer. Und wie zur Beschwichtigung der Kritiker: «Natürlich kann sich in diesem Prozess noch einiges am Klotz verändern», sagt Felix Kuhn.
Von Michael Hunziker