«Der europäische Markt ist die Basis unseres Ertrags»

«Der europäische Markt ist die Basis unseres Ertrags»

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Alfred Rechsteiner an seinem Arbeitsplatz am Sika-Standort Zürich.
Der Bauchemie-Hersteller Sika feiert dieses Jahr sein hundertjähriges Bestehen. Alfred Rechsteiner, Geschäftsführer der Schweizer Gruppe, ortet das Hauptwachs- tum des Unternehmens in Zukunft vor allem in Schwellenländern ausserhalb Europas, ohne den wichtigen Heimmarkt zu vernachlässigen.
Alfred Rechsteiner an seinem Arbeitsplatz am Sika-Standort Zürich.
Welches Jahr der jüngsten Firmengeschichte ist für Sie entscheidend für den heutigen Erfolg?
Alfred Rechsteiner: Ab Ende der 80er-Jahre begannen wir in Südostasien sehr aktiv seine Präsenz aufzubauen. In sehr vielen Ländern wurden Gesellschaften gegründet. Dieser Schritt kommt dem Unternehmen heute zugute, weil die ‹Emerging Markets› in Asien weiterhin schnell wachsen und wir eine grosse wirtschaftliche Entwicklung eher dort als in Europa erwarten. Das heisst aber nicht, dass wir den europäischen Markt vernachlässigen: er bildet die Basis unseres Ertrags.
 
Welchen Anteil am Umsatz erwirtschaften Sie in der Schweiz?
Der Inlandumsatz liegt deutlich unter fünf Prozent. Andererseits verfügen wir in der Schweiz über einen sehr hohen Marktanteil. Vom Geschäftsvolumen her hat die Schweiz an Bedeutung abgenommen. Dafür findet hier nach wie vor die zentrale Forschung und Entwicklung des Unternehmens statt, und der Firmenhauptsitz liegt in Baar. Zudem haben wir in Düdingen in grossem Umfang in neue Produktionsanlagen für Klebstoffe und Dachfolien investiert.
 
Die Baubranche machte in den letzten zehn Jahren einen Sprung nach vorne: Abläufe wurden industrialisiert, ‹schnell und digital› lautet die Devise. Wie haben Sie auf diese Entwicklung reagiert?
Ich teile diese Einschätzung nicht ganz. Der Trend, schneller und wirtschaftlicher zu bauen, ist sicher da. Entsprechend hat auch Sika seine Produkte verbessert. Aber grundsätzlich ist bauen noch immer eine handwerkliche und keine industrielle Aktivität. Das zeigt sich auch in der Tatsache, dass der Anteil baulicher Vorfabrikation in der Schweiz relativ gering ist. Die Bauherren hierzulande wollen individuell bauen und lehnen standardisierte Fabriken und Wohngebäude ab. Diese Einstellung fördert die Industrialisierung nicht unbedingt. Stark gestiegen ist dagegen die Bedeutung der Generalunternehmer, die heute an allen wichtigen Grossprojekten präsent sind. Sie verfügen über sehr gute Produktvergleiche über die Schweiz hinaus. Da sind wir als Lieferanten gefordert, was aber auch unsere Wettbewerbsfähigkeit stärkt. Jederzeit lieferfähig zu sein ist eine Grundvoraussetzung, genauso wie die Fähigkeit, technisch anspruchsvolle Lösungen mit einem guten Preisleistungsverhältnis zu bieten. Wir stehen zunehmend im Wettbewerb mit Anbietern aus dem gesamten europäischen Raum. Die Preisinsel Schweiz mit ihrem abgeschotteten Baumarkt, der sich von Kanton zu Kanton unterscheided, verschwindet zusehends. Bei grossen Projekten sind in der Regel Bewerber aus ganz Europa vertreten.
 
Wie hat sich das Produkteportfolio während der letzten zehn Jahre verändert?
Das Angebot wurde erweitert. Unser Ziel ist eine Palette von bauchemischen Lösungen vom Fundament bis zum Dach. In der Öffentlichkeit weiss man, dass Sika ‹etwas mit Beton zu tun hat›. Das stimmt, aber nicht nur. Wenn eine Baugrube eröffnet wird, bieten wir Abdichtung- genauso wie Betonlösungen an, aber auch Produkte für den ganzen Innenausbau: für Fussböden im Wohn- und Industriebereich, Wände und Dächer.
 
Wie bekannt ist die Marke Sika auf dem internationalen Markt?
Wir gehören zu den führenden Anbietern im Bauchemiemarkt und sind weltweit ein wichtiger Player. Gemäss unseren Zahlen sind wir in vielen unserer Marktfelder Marktführer oder in einer starken zweiten Position.
 
Welches Grossprojekt in der Schweiz würden Sie als Referenz für Ihre Firma nennen?
In der Schweiz sind die Neat-Baustellen für uns in verschiedener Hinsicht sehr wichtig. Beim Ausbruch nützen die Mineure zur Felssicherung Spritzbeton, beim Ausbau wird Innenringbeton verwendet und nicht zuletzt spielen Abdichtungen gegen Wasser im Tunnelbau eine grosse Rolle. Daraus ergeben sich für uns grosse Aufträge.
 
Wie sieht der typische Arbeitstag von Alfred Rechsteiner aus?
Ich kann Ihnen als Beispiel den heutigen Tag nennen, der nicht untypisch ist: Am Morgen hatte ich den ersten Termin um sieben Uhr. Ein Kunde beklagte sich über eine Sache, mit der er nicht zufrieden war. Ich wollte mir vor Ort ein Bild machen, um eine Antwort zu finden. Danach folgte ein Informations- und Abstimmungsmeeting mit einem Kollegen aus der Geschäftsleitung und einem anderen Kollegen, der für die Region Europa Nord zuständig ist. Anschliessend besuchte ich einen Kunden, um mit ihm unsere Offerte für ein Grossprojekt zu besprechen. Später nahm ich am Baulunch der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich teil, und jetzt bin ich hier. Damit sind die Termine für heute erledigt, aber die administrative Büroarbeit muss auch gemacht werden. Ich werde meine E-Mails und die Post anschauen und die Nachbearbeitung zu den Kundenbesuchen von heute Morgen angehen.
 
Ihr Arbeitstag dauert also etwa zwölf Stunden oder noch länger?
Nein, ich bin kein ‹Workaholiker›. Die Arbeit muss innert nützlicher Frist erledigt werden, was sicher auch eine Frage der Prioritätensetzung ist.
 
Der Baustoff Beton wird intensiv erforscht. Gerade bei den Zusatzmitteln besteht noch grosses Potenzial. Welchen Stellenwert nimmt die Forschung ein?
Einen Hohen! Neben unserer eigenen Forschung und Entwicklung unterhalten wir Kooperationen zum Beispiel mit der ETH oder mit der EMPA. Forschungsgegenstand sind nicht nur die Zusatzmittel. Die grössere Herausforderung kommt aus der Zementindustrie, die CO2-reduziert produzieren soll. Wir müssen unsere Zusatzmittel auf die veränderten Zemente einstellen. In diesem Zusammenhang wird bei uns auch Grundlagenforschung betrieben. Man muss aber sagen, dass es relativ lange dauert, bis neue Forschungserkenntnisse auf breiter Basis in der Baubranche Einzug finden. Ein Beispiel: Wir waren mitführend bei der Entwicklung des selbstverdichtenden Betons, der mit verringertem Arbeitsaufwand eingebracht werden kann. Heute gibt es viele Anbieter, angewendet wird dieser Baustoff aber nicht in der Breite, er ist nach wie vor ein Nischenprodukt. Die Baubranche stützt sich gerne auf Erfahrungswerte, Veränderungen gehen eher langsam vonstatten.
 
Wo sehen Sie Sika in 100 Jahren?
Unsere Firma hat weltweit noch ein sehr grosses Entwicklungspotenzial, in vielen Ländern sind unsere Produkte noch nicht sehr verbreitet, in der Schweiz dagegen steckt in praktisch jedem Beton eines unserer Zusatzmittel. In weniger entwickelten Ländern ist das nicht der Fall, weil die Qualitätsanforderungen noch nicht so hoch sind wie bei uns. Die Standards werden steigen, und daraus ergibt sich eine erhöhte Nachfrage nach bauchemischen Produkten. Der Hauptanteil an Sikas Wachstum wird in den Schwellenländern liegen.
 
Wo sehen Sie Gelegenheiten und Gefahren für die Zukunft?
Zu den Chancen gehört der anhaltende Bauboom weltweit. Der Globus verstädtert, und das bedingt mehr Wohnungen und Verkehrswege. Die Lebensstandards und die Ansprüche an die Bau- und Infrastruktur steigen, auch unter den Aspekten der nachhaltigen Entwicklung. Zu den Gefahren gehören Veränderungen in Europa. Konkret bei der Automobilindustrie, für die wir ja auch Produkte lieferen. Der Markt in Europa könnte in absehbarer Zukunft gesättigt sein, irgendwann sind die Strassen voll. Der Automobilbau in grossem Stil wird sich nach Asien verlagern. Da muss Sika Kontakte knüpfen und neue Märkte erschliessen. Interview Thomas Kümin
 
 

Zur Person

Alfred Rechsteiner (59) ist seit 2007 Vorsitzender der Geschäftsleitung der Sika Schweiz AG. Er ist seit über 30 Jahren für die Gruppe tätig. 2004 bis 2006 war er Bereichsleiter Inland, 2002 bis 2003 Spartenleiter Ausbau Sika Schweiz AG, 1990 bis 2001 Geschäftsführer der Inertol AG, 1985 bis 1989 Verkaufsleiter Export Lechler Chemie (Sika Deutschland) und 1975 bis 1984 Verkaufsleiter Inertol AG. Rechsteiner verfügt über eine Kaufmännische Grundausbildung und ist Betriebswirtschafter HF. küm