Das Kreuz mit dem Kreuz

Das Kreuz mit dem Kreuz

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Die meisten Bauarbeiter leiden regelmässig unter Rückenschmerzen. Das gehöre halt dazu, sagen sie. Tut es aber nicht – wenn Arbeitgeber bessere Rahmenbedingungen schaffen und Arbeitnehmer ihren Körper ernster nehmen würden.
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Viele Bauarbeiter arbeiten mit starken Rückenschmerzen. Vor allem das Kreuz und der Lendenwirbelbereich machen zu schaffen. Dies auch, weil Erkenntnisse aus Ergonomie, Physiotherapie und Arbeitspsychologie in der Praxis noch zu wenig zum Tragen kommen.
 
Ein schöner Rücken kann entzücken», sagt der Volksmund. Er kann aber auch schmerzen und das tut er oft. 80 Prozent der Bevölkerung haben schon einmal Rückenschmerzen gehabt, bei zehn Prozent der Betroffenen tauchen die Rückenschmerzen immer wieder auf oder werden gar chronisch. Menschen, die im Beruf starken körperlichen Belastungen ausgesetzt sind, klagen überdurchschnittlich oft über Rückenschmerzen.
 
In einer deutschen Studie aus dem Jahr 2001 gaben 34 Prozent der befragten Bauleute an, in den letzten vier Wochen an Rückenschmerzen gelitten zu haben, gut 20 Prozent klagten am Tag der Befragung über Kreuzschmerzen. Das Baunebengewerbe scheint besonders betroffen zu sein. Aus derselben Studie geht nämlich hervor, dass Heizungsmonteure (50 Prozent) am stärksten betroffen sind, gefolgt von Installateuren, Fliesen- und Plattenlegern. Unter den Maurern leiden 38 Prozent an Rückenschmerzen, unter den Bauingenieuren, die ihre Tätigkeit vorwiegend im Sitzen ausüben können, sind es 27 Prozent.
 
Die Wirbelsäule gilt als «Hauptachse» unseres Körpers. Sie ist Basis des Skeletts und mit dem Becken und unzähligen Nerven, Muskeln und Bändern verwoben. Tritt hier ein Schaden auf, sind unangenehme Konsequenzen die Folge. Der Schmerz am Rücken ist ein Symptom, dessen Ursache schwierig herauszufinden ist. «Am häufigsten schmerzt der Rücken im Lendenwirbelsäulenbereich», weiss Barbara Zindel, Physiotherapeutin und Ergonomiespezialistin bei der Rheumaliga Schweiz. Aber auch Hals- und Brustwirbelbereiche quälen oft. Laut Urs Kaufmann, Arbeitshygieniker bei der Suva, spielen bei Bauarbeitern Kreuzschmerzen die grösste Rolle. Das Auftreten von Rückenbeschwerden korreliert stark mit dem Alter: Je älter der Mensch, desto grösser sind die Schmerzen und desto häufiger tauchen sie auf. Dies hat mit der Akkumulation von kleineren und grösseren Schäden über die Zeit zu tun. Und mit dem Alterungsprozess des Stütz- und Bewegungsapparates, denn die körperliche Belastbarkeit nimmt mit dem Alter ab.
 
Schlimm für den Rücken von Bauarbeitern sind falsches Heben und Tragen, zu grosse Lasten, Vibrationen und wiederholt gleichartige Bewegungen. «Ich staune immer wieder, wie wenig bewusst die Leute mit ihrem Rücken umgehen», sagt Zindel. Die Rückenexpertin besucht regelmässig Betriebe, klärt diese über ergonomische Optimierungen auf und schult die Mitarbeitenden im Umgang mit ihrem Rücken. «Die grössten Fehler passieren beim Tragen und Heben von Lasten», erklärt sie. Ganz wichtig: Nie mit geraden Beinen und gebeugtem Rücken eine Last heben. Die Last wird dadurch nicht nur schwerer, sondern belastet die verletzlichen Bandscheiben einseitig. Wird der Oberkörper während des Hebens und/oder Tragens zusätzlich gedreht, ist das für die Wirbelsäule eine enorme Belastung. Manchmal ist auf dem Bau eine Drehbewegung jedoch unvermeidbar. «Wenn es wirklich nicht anders geht, dann ist es ratsam, einen zweiten Arbeiter zu holen und anschliessend unbedingt eine Gegendehnübung auszuführen,» sagt Zindel. Wie gesund und sicher Lasten getragen und gehoben werden, thematisieren diverse Broschüren der Suva und der Rheumaliga (siehe Kasten «Hintergrund»). Die erlaubten Richtwerte für zumutbare Lastgewichte betragen übrigens 25 Kilogramm für Männer und 15 Kilogramm für Frauen. Bei regelmässigem Heben und Tragen ist ab Lasten von zwölf Kilogramm für Männer und sieben Kilogramm für Frauen eine Gefährdungsermittlung vorzunehmen.
 

Keine guten «Vibes»

Ein weiteres Problem bei Rückenschmerzen sind Vibrationen. Je nach Tätigkeit belasten diese mechanischen Schwingungen den ganzen Körper. Dies beispielsweise wenn man stehend oder sitzend auf einer vibrierenden Maschine zu tun hat. Oft sind einzelne Körperteile betroffen, beispielsweise weil man ein vibrierendes Gerät mit der Hand oder dem Fuss bedient. Ist ein Bauarbeiter regelmässig einer gewissen Vibrationsstärke ausgesetzt, ist das gesundheitsschädigend (Grenzwerte sind in der EU-Richtlinie 2002/44/EG geregelt). Besonders Ganzkörpervibrationen belasten die Wirbelsäule. Die Arbeitsbedingungen können fast nur über technische Massnahmen verbessert werden, zum Beispiel mit geeigneten Sitzen für Fahrzeuge. Laut der Eidgenössischen Koordinationskommission für Arbeitssicherheit (Ekas) taugen nachträgliche Massnahmen an vibrierenden Handwerkszeugen wie Schlagbohrmaschinen nichts. Die Gestaltung müsse auf kleine bewegte Massen, gute Auswuchtungen und ein geringes Spiel ausgerichtet sein. Entweder seien Vibrationsquellen schwingungsorientiert einzubauen oder Handgriffe und Haltepunkte gegen Vibrationen zu entkoppeln. Auch gilt es die Geräte jeweils instand zu halten und abgenutzte Gummiteile zu ersetzen. Regelmässige Arbeitspausen und Jobrotation helfen zudem, den Rücken zu entlasten.
 

Zauberformel: TOP

Damit der Rücken eines schwer arbeitenden Bauarbeiters gesund und stark bleibt, sind Massnahmen nötig, die ineinander greifen. Die Rheumaliga und die Suva setzen auf die Formel TOP. «T» steht für technische Massnahmen, «O» für die Organisation und «P» für persönliches Verhalten. Für die technischen Massnahmen zeichnet vor allem der Arbeitgeber verantwortlich. Er ist auch gesetzlich verpflichtet, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. Dazu gehören geeignete Geräte und Maschinen sowie erforderliche Hilfsmittel. «Es sollen aber nicht einfach irgendwelche, sondern die richtigen Hilfsmittel verfügbar sein», sagt Kaufmann. Zindel betont die Wichtigkeit der Ergonomie: «Ein ergonomisch durchdachter Arbeitsplatz bringt für den Rücken eine grosse Entlastung.» Aber auch die Organisation spielt eine grosse Rolle. Dazu gehört die bewusste Gestaltung von Arbeitsabläufen. «Der Arbeitgeber muss die Abläufe so planen, dass so wenig wie nötig von Hand bewegt werden muss und bei Bedarf genügend Manneskraft verfügbar ist», fordert der Arbeitshygieniker Kaufmann. Darüber hinaus ist der Arbeitgeber verpflichtet die Mitarbeiter in puncto Rückenschonenden Arbeitstechniken zu schulen.
 
Das persönliche Verhalten der Mitarbeiter ist schliesslich das Pünktchen auf dem I. Die erlernten rückenschonenden Arbeitstechniken müssen vor Ort auch angewandt werden. Und das ist laut Kaufmann nicht selbstverständlich: «Viele verzichten auf Hilfsmittel und Arbeitspausen und schlagen bekannte Regeln in den Wind, um Zeit zu sparen. Das wirkt sich über kurz oder lang auf die Schwachstelle des Körpers, das Kreuz, aus», warnt der Arbeitshygieniker. Viele Bauarbeiter verzichten in ihrer Freizeit auf Sport, weil sie ja im Beruf Körpereinsatz geben. Ein körperlicher Ausgleich, etwa durch Schwimmen, zügiges Gehen oder Radfahren, würde den Rücken jedoch stabilisieren. «Oft sind die Muskeln einseitig gebildet oder oberflächlich aufgebaut. Die tiefen und somit nahe an der Wirbelsäule gelegenen Muskeln stabilisieren die Wirbelsäule und kräftigen das Skelett», sagt die Physiotherapeutin Zindel. Insbesondere Pilates bewähre sich gut. «Entscheidet sich jemand auf dem Bau tätig zu sein, sollte er sich auch für die Pflege seines Körpers entscheiden. Und dazu gehört ein bewusstes Muskeltraining». Ein Unternehmen, das seine Mitarbeiter diesbezüglich unterstützt, ist Losinger Construction AG: Es lud Ergonomieexperten auf seine Baustellen ein. Diese studierten die häufigsten Bewegungen der Baustellenmitarbeiter und stellten daraufhin ein zehnminütiges Aufwärmprogramm mit 30 Gymnastikübungen zusammen. Das war vor zwei Jahren. Heute werden von den Polieren auf allen eigenen Rohbaustellen am Morgen als erstes die Übungen geleitet. Laut Patrick Frison, Direktor der Abteilung für Sicherheit-Qualität-Umwelt, konnte die Anzahl Unfälle am Morgen um 250 Prozent gesenkt werden. Dass dank der Morgengymnastik auch der Rücken für den Tag gestärkt wird, versteht sich von selbst.
 

Teurer Schmerz

Unter den chronischen Schmerzen stehen Rückenschmerzen an oberster Stelle. Die Prognosen für Bauarbeiter sind schlechter als bei Arbeitern vieler anderer Branchen. In vielen Fällen könnte den Beschwerden vorgebeugt werden. Dann nämlich, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Sache mit dem Rücken ernster nähmen und entsprechende Verhaltensweisen und Massnahmen umsetzen würden. Und dies nicht nur den geschätzten 2,5 bis 3 Milliarden Franken Kosten zuliebe, die der Schweizer Volkswirtschaft jährlich durch Rückenschmerzen entstehen. Sandra Hallauer
 
www.suva.ch; Lehrmittel, Broschüren, Beratungsangebote zur Hebe- und Tragetechnik
www.rheumaliga.ch; Beratung, Broschüren rund um Rückenschmerzen (viele Sprachen)
www.b-f-a.ch Beratung, Informationsmaterial