Colossus leistet Millimeterarbeit

Colossus leistet Millimeterarbeit

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Teaserbild-Quelle: Florencia Figueroa
Die Juvent SA hat ihren Windpark für 52 Millionen Franken um acht Turbinen erweitert. Installiert wurden die Windkraftanlagen vor rund drei Monaten und mithilfe des weltstärksten Teleskopmobilkrans. Insgesamt dauerten die Bauarbeiten zwei Monate lang.
 
Der rund fünf Kilometer lange Erlebnispfad zwischen Mont-Soleil und Mont-Crosin wird jährlich von mehr als 50 000 Menschen besucht. Aus gutem Grund: Auf dem Mont-Soleil befindet sich das in der Schweiz bedeutendste Sonnenkraftwerk und auf dem Mont-Crosin der schweizweit grösste Windpark. Damit beherbergt der Berner Jura eines der bedeutendsten Zentren Europas für erneuerbare Energien, das jährlich Zehntausende Touristen aus der Schweiz und aller Welt anlockt. Vor rund drei Monaten erhöhte sich die Besucherzahl um einige tausend Schaulustige mehr. Der Anlass: Auf dem Mont-Crosin wurde der Windpark um acht neue Turbinen erweitert (siehe «Hintergrund»).
 
Für die Beobachter spektakulär war vor allem der Einsatz des weltstärksten Teleskopmobilkrans Colossus (siehe «baublatt» 15/2010), der für die Bauarbeiten auf den Berg gefahren wurde. Seine maximale Hakenhöhe beträgt 188 Meter; heben kann er bis zu 1200 Tonnen. Für das Montieren der Windräder bedurfte er dennoch der Hilfe eines kleineren Krans. Nicht weil die Bauelemente zu schwer waren, sondern weil der Teleskopmobilkran die Mastteile der Windkraftanlagen aus ihrer waagrechten Position auf dem Lastwagen nicht allein senkrecht aufstellen konnte. Die Aufgabe des kleineren Krans bestand deshalb darin, die Mastteile von der linken Seite aus zu halten, währenddessen der Teleskopmobilkran sie von der rechten Seite aus hochhob. Einmal senkrecht aufgestellt, liess der kleine Kran das Mastteil los, sodass der Kranführer das Element Richtung Fundament manövrieren konnte.
 

Schwergewichte auf Reisen

Insgesamt bestehen die in Mont-Crosin installierten Windkraftanlagen aus vier Mastteilen, die zusammen eine Höhe von 95 Metern ergeben. Am Mastende montiert ist jeweils ein 76 Tonnen schweres Maschinenhaus, an das die sogenannte Nase befestigt wird. Diese trägt die drei 45 Meter langen Rotorblätter. Zusammengesetzt wiegt eine Windturbine wegen der massiven Stahlkonstruktion rund 300 Tonnen. «Die grösste Herausforderung bestand darin, die Einzelstücke auf den Mont-Crosin zu transportieren», sagt Projektleiter Kurt Maegli. Die Turbinenbestandteile kamen teils aus Spanien, teils aus Deutschland und Dänemark. Diese wurden per Schiff von Rotterdam nach Basel gebracht und auf einen Lastwagen verladen. Die über 20 Meter langen, über vier Meter breite und bis zu 65 Tonnen schweren Mastteile konnten aufgrund ihrer Masse nicht über die Autobahn transportiert werden. Deswegen dauerte der Transport von Basel auf den Mont-Crosin auch zwei Nächte. Das Maschinenhaus, die Nase und die Rotorblätter hingegen konnten auf direktem Weg auf den Mont-Crosin gebracht werden.
 

Köpfe ragen aus der Luke

Vor Ort spitzten die Bauarbeiter als erstes pro Windkraftanlage je eine drei Meter tiefe und 14 Meter breite Grube in den Fels. «Den Bauschutt, pro Grube 465 Kubikmeter, haben wir für die Erschliessung der Baustellen verwendet», sagt Maegli. Nach den Bauarbeiten wurden diese Zufahrtsstrassen ausgebessert, sodass Wanderer sie heute nutzen können. Um die Windkraftanlagen zu stabilisieren, brachten die Bauarbeiter in die Grube 52 Tonnen Armierungen ein. Danach füllten sie das Loch mit 400 Tonnen Kubikmeter Beton zu. Auf dieses Fundament kam das erste Mastteil zu stehen. Der gesamte Mast ist im Innern hohl. Dort befinden sich ein Lift und eine Leiter. Nachdem die Monteure das erste Teilstück auf dem Fundament installiert hatten, kletterten sie die Leiter hoch und warteten darauf, dass der Teleskopmobilkran das nächste hochhob. Von unten konnte man die kleinen Köpfe sehen, die aus der Luke ragten. Gespannt warteten sie auf das nächste Mastteil warteten, das der Kran in die Höhe hob. Kaum in ihrer Griffnähe, zogen die Monteure dieses zu sich und befestigten es von innen an das bereits stehende Mastteil. Während der Installation konnte der Kranführer vom Boden aus nichts sehen. Er wurde deshalb von zwei Monteuren – einer vom Boden aus, einer von oben aus – per Funk dirigiert.
 

Risse machen Flügel kaputt

Nach dem Aufstellen des Mastes kamen das Maschinenhaus und die Nase, an der später die Rotorblätter montiert wurden, an die Reihe. Hierfür bedurfte es die Dienste des kleinen Krans nicht mehr. Technisch gesehen stellte diese Aufgabe deshalb keine so grosse Herausforderung dar. Bei den Rotorblättern sah die ganze Sache etwas anders aus: Für diese mussten die Monteure auf das Dach des Maschinenhauses steigen. Die Rotorblätter selber können zwar von der Nase, also vom Innern der Windkraftanlage aus, montiert werden. Aber die Hebevorrichtung, mit welcher der Teleskopmobilkran die Rotorblätter in die Höhe hebt, kann man nur vom Dach aus ablösen. «Die Blätter sind hohl und deshalb besonders empfindlich. Man muss sie wie rohe Eier behandeln. Deshalb kommt als Hebevorrichtung ein Trapez zur Anwendung», erklärt Maegli. Kaum war ein Rotorblatt montiert, galt es, das Trapez vorsichtig von ihm abzulösen. Und zwar so, dass das Trapez das Blatt nicht zerkratzte. In die Risse kann nämlich Wasser gelangen, das im Winter zu Eis gefriert. Das verursacht Löcher. Damit das nicht passierte, banden die Monteure Seile an das Trapez. Als der Kran die Hebevorrichtung langsam wegzog, konnten sie es dank den Seilen so manövrieren, dass es nicht an das Rotorblatt geriet. Voraussetzung für diese Aufgabe war, dass die Monteure mindestens 50 Meter Weitsicht hatten, weil ein Rotorblatt 45 Meter misst. Bei Nebel musste diese Arbeit deshalb eingestellt werden.
 
Tatsächlich standen die Bauarbeiten wegen des aufkommenden Nebels bis zum Schluss auf der Kippe. Tagsüber wechselte das Wetter zwischen Sonne, Regen und Nebel. Die Monteure arbeiteten deshalb unter höchstem Druck, weil sie sich das Ziel gesetzt hatten, die letzte Windkraftanlage an einem einzigen Tag aufzustellen. Kurz vor acht, trotz des Nebels, und bevor ein Sturm loslegte, gelang es schliesslich, das letzte Rotorblatt zu montieren. Es sollte jedoch noch zwei Monate dauern, bevor die neuen Windkraftanlagen in Betrieb gesetzt wurden. Der Grund: Die Stromversorgung erfolgte erst im September. «Das Maschinenhaus, in dem sich der Computer befindet, braucht Strom, damit er die Gondel in Richtung Wind drehen kann», sagt Maegli. Zu glauben, die Windkraftanlagen könnten sich selbst mit Strom versorgen, sei ein weit verbreiteter Irrtum. «Das Perpetuum mobile gibt es nicht. Das ist physikalisch ein Ding der Unmöglichkeit.» Florencia Figueroa