Giftige Tapeten: Der grüne Hauch des Todes

Giftige Tapeten: Der grüne Hauch des Todes

Teaserbild-Quelle: The National Archives, London, England, 2016
Tödliches Grün

Besonders farbenprächtige Tapeten enthielten im 19. Jarhhundert in der Regel Arsen. Begonnen hatte der unselige Trend mit "Scheeles Grün" vor mehr als 200 Jahren. Die Kunsthistorikerin Lucinda Hawksley erzählt in ihrem Sachbuch "Gefährlich schön" die spannende Geschichte der tödlichen Wandverkleidungen.

 

Tapete
Quelle: 
The National Archives, London, England, 2016

Auch Tapetenblumen können giftig sein: arsenhaltige Tapete aus dem 19. Jahrhundert.

"Ihre Brust begann in fliegender Hast zu atmen. Die Zunge hing ihr aus dem Mund heraus. Ihre Augen drehten sich im Kreise und wurden blass wie die Glocken zweier erlöschender Lampen, so dass man sie schon für tot hätte halten können, wenn nicht diese so erschreckend rasche Bewegung der Brust und der Seiten gewesen wäre, die von einem wilden Keuchen geschüttelt wurden, wie wenn die Seele Sprünge gemacht hätte, um sie zu befreien." Gustave Flaubert beschreibt das Ende der unglücklich verheirateten Emma Bovary, die mit Arsen aus dem Leben scheidet, in seinem Roman "Madame Bovary" realistisch als einen qualvollen Todeskampf.

Als Flauberts Werk Mitte des 19. Jahrhunderts erschien, war Arsen nicht nur relativ leicht in Apotheken erhältlich. Es wurde auch für alles Mögliche verwendet, etwa für Tinkturen, die für eine modisch blasse Haut sorgten, oder für Medikamente gegen Kopfschmerzen. Das Gift fand auch Anwendung als Putzmittel und es war ein bewährtes Mittel gegen Schädlinge (Bild unten). Hin und wieder soll es vorgekommen sein, dass Hausmädchen das Arsenpulver gegen die Mäuseplage mit Mehl verwechselten. Überdies war Arsen in jener Zeit wie Jahrhunderte zuvor ein beliebtes Mordmittel. Der Grund: Es ist bereits in kleinen Mengen tödlich. Und es liess sich damals, wenn überhaupt, nur mit grossem Aufwand nachweisen. Denn  die Symptome einer Arsenvergiftung - Erbrechen und Durchfall - ähneln jenen einer Lebensmittelvergiftung, der Cholera oder der Ruhr. Ein Mord war somit oft nicht auf den ersten Blick ersichtlich.

 

Quelle: 
The National Archives, London, England, 2016

Dieses Mittel machte Schädlingen mit Arsen den Garaus.

Eines der bekanntesten mutmasslichen Arsen-Opfer dürfte Napoleon Bonaparte sein: Als er 1821 auf St. Helena sein Leben aushauchte, lag er in einem Zimmer, das mit einer grüngoldenen Tapete ausgekleidet war. "Ich sterbe vor der Zeit, gemeuchelt von der britischen Oligarchie", klagte er wenige Wochen vor seinem Tod. Dies befeuerte später die Vermutung, dass der einstige Kaiser Frankreichs nicht auf natürliche Weise aus dem Leben geschieden ist. Zirka 20 Jahre später exhumierte man seine Leiche: Auch wenn für seine Einbalsamierung wie seinerzeit üblich Arsen verwendet worden war, hielt man es für möglich, das ihn die Briten vergiftet hatten. Allerdings: Napoleon linderte seine Magenbeschwerden mit einem arsenhaltigen Medikament. Ob er mit der regelmässigen Einnahme der Medizin eine Überdosis der tödlichen Chemikalie erwischt hatte, steht nicht fest. Heute wird vermutet, dass er an Magenkrebs gestorben ist.

Oder hatten doch die Tapeten Napoleons Ende vorangetrieben? Diese Frage stellte die britische Presse, als in den 1850er-Jahren die Gefahren arsenhaltiger Tapeten ein Thema wurden. Immerhin fand man rund 130 Jahre später, als man ein Stück der Tapete aus Napoleons Schlafzimmer untersuchte, tatsächlich Arsen. Allerdings dürften die giftigen Farbpigmente kaum bewusste Absicht gewesen sein. Denn er war längst nicht der einzige, der zwischen vergifteten Wänden hauste.

"Scheeles Grün" machte den Anfang

Im schwedischen Köping hatte alles begonnen: Als der Apotheker Carl Wilhelm Scheele 1775 mit Arsen und Kupfer experimentierte, entdeckte er intensiv grüne Rückstände. Oder vielmehr Farbpigmente von grosser Leuchtkraft. Damit war "Scheeles Grün" geboren. Es löste einen regelrechten Hype aus und avancierte in der Tapeten- und Stoffproduktion zum beliebten Färbemittel. Mit Öl gemischt liess es sich auch als Anstrich verwenden. Dass solcher Wandschmuck und derartige Kleiderstoffe der Gesundheit schaden, war zwar bekannt. Bereits Scheele hatte bezüglich der Verträglichkeit der Farben Bedenken geäussert. Doch dies tat der allgemeinen Begeisterung für das besondere Grün keinen Abbruch. Es half auch nichts, dass Fachleute immer öfter vor den Folgen arsenhaltiger Farben warnten. In Deutschland wies der Heidelberger Chemiker Leopold Gmelin darauf hin, dass von "gewissen grünen Tapeten und Anstrichen" wegen ihres "bedeutenden Arsenikgehalts" eine Gefahr für die Gesundheit ausgeht. Er hatte festgestellt, dass ein feuchtes Raumklima dafür sorgt, dass beim Zersetzungsprozess der Tapete Arsengas entweicht.

 

Tapetenmuster aus dem 19. Jarhhundert.
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The National Archives, London, England, 2016

Englische Tapeten aus den 1850er-Jahren: Ihr strahlendes Grün verdanken sie Arsen.

Allen Unkenrufen zum Trotz wurden die leuchtkräftigen Arsenfarben weiter perfektioniert. So entstand etwa das sogenannte Schweinfurter Grün: Farbfabrikant Wilhelm Sattler übertrumpfte 1841 mit seiner Kreation Scheeles Grün und schuf einen noch strahlenderen Farbton mit Hilfe von Grünspan und Arsen. Derweil wurde auch die Tapetenherstellung immer ausgefeilter. Die einzelnen Bogen wurden nicht mehr im traditionellen Blockdruck gefertigt, sondern mittels Walzendruck. Mit dieser Methode brauchte man Papier oder Stoff nicht mehr für jede Farbe separat einzufärben, sondern konnte es in einem Durchgang mit unterschiedlich bunten Mustern bedrucken. So liessen sich während eines einzigen Tages Tausende von Tapetenmetern produzieren. Weil die Tapetenherstellung damit billiger wurde, stieg die Nachfrage. Jedoch änderte die neue Technik kaum etwas an den Ingredienzien der Farben.Das Nachsehen hatten die Fabrikarbeiter. Sie litten unter den chemischen Dämpfen, die teils massive Lungenbeschwerden, sowie Augen- und Hautprobleme verursachten. In Fabriken, in welchen Arsen für die Herstellung der Farbe eingesetzt wurde, riskierten die mit dem Malen der Pigmente betrauten Angestellten stets eine Arsenvergiftung.

Tapetendruck
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The National Archives, London, England, 2016

Arbeiter bedrucken an einer Walzendruckmaschine Baumwollstoff, sogenannten Kaliko, für Tapeten.

Die Ironie an der Geschichte: Rund die Hälfte des weltweit gewonnen Arsens kam in den 1870er-Jahren aus der "Devon Great Consols"-Kupfermine im Südwesten Englands, deren Mitbesitzer und zeitweiliger Direktor der britische Designer und Philanthrop William Morris war. Mit seiner "Arts and Crafts"-Bewegung engagierte er sich unter anderem für den Erhalt der durch die Industrialisierung bedrohten Handwerkskünste, zudem machte er sich für faire Arbeitsbedingungen von Arbeitern stark. Seinen Reichtum verdankte er nicht in erster Linie seinen mittelalterlich inspirierten Entwürfen für Stoffe, Tapeten und Möbel, sondern seiner Mine. Diese soll er nie besucht haben. Ebenso sind die Bergleute, die dort schufteten, für ihn offenbar kein Thema gewesen.

Ungefährlich schön

Es sollte rund hundert Jahre dauern, bis das Arsen von Wänden und Stoffen verschwand. Möglich wurde dies, weil die Gefährlichkeit des Giftes zunehmend nicht mehr nur in den Zeitungen diskutiert wurde. Mediziner berichteten von Patienten, die sich in den Ferien erholt hatten und die, kaum waren sie wieder in ihrem arsentapezierten Heim, mit denselben Symptomen wie vor dem Urlaub kämpften. In England, wo William Morris‘ legendäre Tapeten produziert wurden, zeichnete sich das Ende des Arsens relativ spät ab. Während hier in den 1860er-Jahren noch 700 Tonnen Arsengrün hergestellt wurden, war man auf dem Festland weiter: So waren etwa in Preussen ein arsenhaltige Farben in Innenräumen verboten. Sie durften weder als Anstrich noch auf Tapeten verwendet werden. Entdeckte man sie dennoch bei Händlern, wurde die Ware konfisziert und der Händler gebüsst oder mit Gefängnis bestraft.

Man kann sich der Faszination der oft leuchtenden, arsenhaltigen Farbenpracht und den verspielten Mustern der Tapeten jener Zeit nur schwer entziehen. Die Jahre scheinen beinahe spurlos an ihnen vorbeigegangen zu sein.  Zudem  tut sich auf ihnen eine vielgestaltige Welt auf: fantastische Architekturelemente, dschungelartige Blumenranken, exotische Vögel, Landschaften ferner Länder und geometrische Muster. Davon erzählt Lucinda Hawksley im Band "Gefährlich schön – Giftige Tapeten des 19. Jahrhunderts", der besonders eindrückliche Beispiele arsenhaltiger Tapeten versammelt.

Das aufwendig gestaltete Buch erinnert an einen Block mit Tapetenmustern. Die einzelnen Beispiele sind wie Musterblätter nach Farben und Sujets geordnet. Dazwischen erzählt Hawksley in sieben Kapiteln die Geschichte der arsenhaltigen Tapeten, ihrer Herstellung und ihrer Designer. Dabei streift sie weitere Themen: Es geht um Rechtsmedizin, Mörder und ihre Opfer, um Schönheitswahn und um den Trend, im Sommer in die Kur zu fahren. Das unterhaltsam geschriebene Sachbuch ist spannend wie ein Kriminalroman. Und wie ein Krimi, bei dem der Fall gelöst wird und damit alles zu einem mehr oder weniger guten Ende kommt, hört auch "Gefährlich schön" auf: Das letzte Kapitel hat Hawksley arsenfreien Tapeten gewidmet.

 

Buchcover«Gefährlich schön – Giftige Tapeten im 19. Jahrhundert»,
Lucinda Hawksley, 256 Seiten, gebunden, Verlag Gerstenberg,
ISBN 978-3-8369-2138-1,
61 Franken 50

Autoren

Chefredaktorin Baublatt

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