Blick über die Grenze: Havannas architektonische Fifties

Blick über die Grenze: Havannas architektonische Fifties

Teaserbild-Quelle: Stefan Breitenmoser
Havannas Architektur

Viele pilgern wegen den Autos aus den 50ern nach Havanna. Dabei gibt es auch viele interessante Bauten aus dieser Zeit zu besichtigen. Denn die Revolution selbst hat keine grossartige Architektur hervorgebracht – mit wenigen spektakulären Ausnahmen aus ihren Anfängen.

Die Kunsthochschule ist das architektonische Highlight von Havanna. Wer sie betreten will, muss aber einen bürokratischen Spiessrutenlauf auf sich nehmen.
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Stefan Breitenmoser

Die Kunsthochschule ist das architektonische Highlight von Havanna. Wer sie betreten will, muss aber einen bürokratischen Spiessrutenlauf auf sich nehmen.

Es schwingt Wehmut mit, wenn man in den Westen Havannas fährt, um die Architektur der 50er zu bewundern. Denn einerseits sieht man den Ideenreichtum, mit welchem die kubanischen Modernisten Mitte des letzten Jahrhunderts einiges wagten. Andererseits mussten sie aber alle fliehen und kamen grösstenteils danach kaum mehr zum Bauen. Ausserdem ist ein Grossteil ihrer Gebäude dem Verfall ausgeliefert und wird von der Regierung kaum beachtet, obwohl Fidel Castro die Architektur einst als «Leitmotiv der kubanischen Geschichte» bezeichnete.

Dies gilt leider auch für das absolute Architektur-Highlight von Havanna, die Kunsthochschule in Cubanacan. Eigentlich als Prestigeobjekt für die Revolution vorgesehen, erobert heute die Natur grosse Teile der Anlage zurück. Dabei sprüht das «Instituto superior de arte» nur so von Kreativität, und der ausführende Architekt Ricardo Porro, welcher damals mit den Ideen Castros sympathisierte, hatte sich auch einiges überlegt. Denn eigentlich sollte die Kunsthochschule das Paradebeispiel für eine adäquate architektonische Umsetzung des kulturellen Optimismus im sozialistischen Kuba werden. Deshalb wurde erst einmal der Golfklub, auf dessen Gelände die Kunsthochschule steht, verstaatlicht. Denn im Stadtteil Cubanacan, der damals noch Country Club Park hiess und der Wohnort der Reichsten war, sollte Grosses entstehen.

Als das Focsa-Gebäude 1956 eröffnet wurde, war es die beste Adresse der Stadt. Das ist heute nicht mehr so.
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Stefan Breitenmoser

Als das Focsa-Gebäude 1956 eröffnet wurde, war es die beste Adresse der Stadt. Das ist heute nicht mehr so.

Das war auch Porro bewusst, weshalb er die zwei italienischen Architekten Roberto Gottardi und Vittorio Garatti beizog, welche ebenfalls mit den Ideen Castros sympathisierten. Sie entschieden sich, die fünf Kunstdisziplinen Musik, Schauspiel, Ballett, moderner Tanz und bildende Kunst in fünf separaten, übers Gelände verstreuten Gebäudekomplexen unterzubringen. Porro selbst entwarf zwei der fünf Schulen, denen er jeweils eine dominierende Metapher zugrunde legte. So sollte die Schule für modernen Tanz in Form einer zersprungenen Glasscheibe als Symbol für die explosive Kraft der Revolution stehen, während die Schule für bildende Kunst eher an ein afrikanisches Dorf erinnert. Gottardis Schauspielschule hingegen war als dreiteilige Anlage geplant, und Garatti antwortete mit seinen zwei Schulen eher auf die Topographie des Geländes.

Gemeinsam ist den einzelnen Schulen aber die Einheit von Struktur und Form. Denn der Anlage legten die drei Architekten drei Prinzipien zugrunde: Die Rücksicht auf das Gelände, der Gebrauch von traditionellen Baumaterialien wie Backstein und Ziegel und die Verwendung der katalanischen Ziegelschale, da sich mit ihr grosse Spannweiten überbrücken lassen. Letztere entfaltet insbesondere in der Ballettschule von Garatti ihre Wirkung.

Die Schule für bildende Kunst ist immer noch in Betrieb und soll an ein afrikanisches Dorf erinnern.
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Stefan Breitenmoser

Die Schule für bildende Kunst ist immer noch in Betrieb und soll an ein afrikanisches Dorf erinnern.

Tod der kubanischen Moderne

Doch leider stand die Verwirklichung der Kunsthochschule unter keinem guten Stern. Castros Ziel, die Arbeiten 1961 knapp zwölf Monate nach deren Start zu beenden, erwies sich nämlich als unerreichbar. Gegen Ende 1962 begann man, Arbeiter vom Projekt abzuziehen, weshalb nur Porro seine zwei Schulen fertigstellen konnte. Diese sind heute noch in Betrieb. Gottardis Schauspielschule und Garattis Musikschule waren jedoch nicht ansatzweise vollendet, als die Regierung die Arbeiten 1965 für beendet erklärte. Und Garattis Ballettschule – eigentlich der Höhepunkt des Ensembles – ging nie in Betrieb, weil die designierte Leiterin und grosse Ballerina Alicia Alonso den Bau kurz vor seiner Eröffnung abgelehnt hatte. Deshalb schlängeln sich heute Pflanzen durch das Meisterwerk.

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