Bibliothek für die Hände

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Teaserbild-Quelle: Ben Kron
Wie sieht Marmor aus, was macht man aus Kokosfasern, wie fühlt sich Gips an? Das Materialarchiv, ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer Hochschulen, sammelt nicht nur Fotos und Infos über einzelne Stoffe, sondern auch Muster derselben. In der Baubibliothek der ETH befindet sich eine der dezentralen Sammlungen des Archivs.
 
Wer ein Haus baut, muss sich nebst ­vielem anderen auch die Materialien dazu aussuchen. Doch welches Material verfügt über welche Eigenschaften? Welcher Stoff ist für einen bestimmten Teil des Hauses der richtigte? Das Materialarchiv, ein vom Bund unterstütztes Gemeinschaftswerk mehrerer ­kultureller Einrichtungen (siehe Info), will genau diese Informationen bereitstellen.
 
Ein Partner dieses Projektes ist die Materialsammlung der Baubibliothek der ETH Zürich. «Das Departement Architektur besass kleinere verteilte Sammlungen», erzählt Markus Joachim, der Leiter der Baubibliothek. «Annette Spiro, Professorin für Architektur und Konstruktion, und ich haben die Materialsammlung aufgegleist, um diese zusammenzufassen und einem breiteren Nutzerkreis zur Verfügung zu stellen.»
 
Materialproben im Regal
2010 erhielt die ETH-Materialsammlung ihren Platz in der Baubibliothek (siehe unten). Diese hatte man nach einem Wasserschaden des leckgeschlagenen Flachdachs von Grund auf reno­viert und neu gestaltet. Nun stehen dort ­umfangreiche Materialproben wie ganz normale Bücher in den Regalen, können in die Hand ­genommen und im wahrsten Sinne des Wortes begriffen werden. Die Stücke erhalten wie ­Bücher eine Erfassungsnummer und exakte Standort­bezeichnung, werden in einer speziell eingerichteten, online zugänglichen Datenbank erfasst. In Zukunft sind sie auch im ­Informationsportal der ETH, abrufbar. In dieser Datenbank erhält jedes Material einen eigenen Eintrag mit Informationen über Gewinnung, Herstellung, Eigenschaften, Beständigkeit, Ökobilanz, Verarbeitung und verschiedene physikalische Kennwerte, ergänzt durch Anwendungsfotos.
 
«Im Moment sind wir noch in der experimen­tellen Phase», schildert Andreas Reimann, der Leiter der Materialsammlung und Mitarbeiter am Lehrstuhl von Professor Spiro, den Stand der Arbeit. «Wir etablieren gerade eine grundsätzliche ­Ordnung der Materialien.» Im Moment liegt eine kreisrunde Auslegeordnung von Einzelstücken am Boden vor den Regalen, um diesen Prozess zu ­illustrieren. Bereits fixiert haben die Macher ein Grundgerüst von zwölf Hauptgruppen, die zum Teil noch im Aufbau sind: Farben, Fasern und Textilien, Gips, Glas, Holz, Keramik, Kunststoff, Lösungsmittel, Metall, Papier, Stein, tierische Werkstoffe. «Im Einzelnen wollen wir das Material in seiner Qualität und Charakteristik sowie seinen Eigenschaften zeigen.»
 
Kein Produktkatalog
Markus Joachim fügt hinzu: «Wir bieten keinen technischen Produktkatalog an, in dem man sich wie im Baumarkt eine Holzart oder einen Ziegel aussucht. Wir wollen Wissen vermitteln darüber, was das für Materialien sind, wie sie entstehen und wie man sie einsetzen kann.» Mithilfe der Sammlung lässt sich also das Basiswissen ­recherchieren, um eine Produktwahl fundierter treffen zu können.
 
Seit letztem September befindet sich die Material­sammlung der Baubibliothek im Aufbau. Gehen alle Arbeiten wie geplant vor, eröffnet sie im Laufe dieses Sommers. Dann werden auch eigene ­Computer-Arbeitsplätze und weitere Infrastruktur bereitstehen.
Obwohl sie bisher nur eingeschränkt nutzbar ist, fällt die Sammlung schon jetzt auf. Olivier Gygi, der als Teamleiter der Baubibliothek die Ausleihe betreut, berichtet erfreut über dieses frühe Feedback: «Die Neugier der Benutzer ist spürbar: Man geht hin, stöbert durch die Regale und stellt fest, dass hier jetzt nebst Büchern auch Steine stehen. Einige der Studierenden haben auch schon gefragt, ob sie das eine oder ­andere Stück ausleihen können.» (bk)