«Beissen Sie mal die Hand, die Sie füttert»

«Beissen Sie mal die Hand, die Sie füttert»

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Teaserbild-Quelle: Florencia Figueroa
Seit zwei Jahren ist die überarbeitete Bauarbeitenverordnung in Kraft. Diese regelt den Umgang mit Asbest. Die Praxis zeigt, dass das Dekret seine Unstimmigkeiten hat. Im Gespräch mit dem Fachmann Roger Achermann werden diese aufgezeigt.
 
Asbest galt lange Zeit als ausgezeichneter Baustoff. Das natürliche und leicht abbaubare Mineral wurde wegen seiner guten thermischen Eigenschaften als Isolationsmaterial verwendet oder verschiedenen Materialien beigemischt (zum Beispiel Gips, Zement, Kunststoff). Das im Bau am häufigsten vorkommende asbesthaltige Produkt ist Faserzement. Weiter findet man das Material in Rohrisolationen, Deckenplatten, Asbest-Pappen und diversen Bodenbelägen. Als Resultat der vielfältigen Verwendung schlummert heute vor allem in technischen Installationen und Anlagen eine Gefahrenquelle. Tatsächlich stellt Asbest, einmal verbaut, kein Problem dar. Werden solche Bauteile und Materialien jedoch mechanische bearbeitet, wie zum Beispiel bei einer Sanierung, können die lungengängigen Asbestfasern freigesetzt werden und Arbeiter sowie Bewohner gesundheitlich gefährden. Aus diesem Grund wurde Asbest 1990 in der Schweiz verboten. Viele Gebäude aus den 1950er- bis 1980er-Jahren und die Asbest enthalten, müssen aber in naher Zukunft Neubauten weichen, oder sie werden umgebaut und saniert.
 
Seit 2009 wird in die vom Bundesrat überarbeitete Bauarbeitenverordnung das Thema «Asbest» geregelt (Art. 3 Abs. 1) – neu gilt die Ermittlungspflicht. Wenn der Verdacht besteht, dass im Bau gesundheitsgefährdende Stoffe wie Asbest oder polychlorierte Biphenyle (PCB wurde bis in die 1980er-Jahre für Isoliermittel und Kunststoffen verwendet) auftreten können, muss der Arbeitgeber, sprich Unternehmer die Gefahren ermitteln und die damit verbundenen Risiken bewerten. Darauf abgestützt sind die nötigen Massnahmen einzuleiten. Wird ein gesundheitsgefährdender Stoff während der Bauarbeiten unerwartet vorgefunden, sind die Arbeiten sofort einzustellen und der Bauherr zu benachrichtigen.
 
Der Verordnungstext hat sich in der Praxis jedoch als problematisch erwiesen. In der ersten Passage, weil sie besagt, dass nur bei Verdacht gehandelt werden muss. In den Gebäuden, die vor 1990 gebaut wurden, ist das Vorhandensein von Asbest aber die Regel und nicht die Ausnahme. Diese Bauten sollten von daher bei Umbauten und Rückbauen nicht nur bei Verdacht, sondern immer auf Asbest untersucht werden. Auch die zweite Passage hat ihre Tücken: Dort wird betont, dass bei unerwartetem Asbest-Auftreten der Unternehmer und nicht etwa der Bauherr die Risiken zu tragen hat. Das ist insofern problematisch, weil zwischen Bauherr, Unternehmer und Baubehörde ein Dreiecksverhältnis mit unterschiedlichen Beziehungen und Interessen besteht. So will der Bauherr kostengünstig, ohne Verzögerungen und mit Kostentransparenz bauen. Der Unternehmer dagegen ist am Auftrag interessiert, steht unter Preis- sowie Zeitdruck und unterbreitet der Bauherrschaft daher eine optimierte Offerte. Gleichzeitig muss der Unternehmer aber die Verantwortung für die Gesundheit und Arbeitssicherheit seiner Mitarbeiter tragen. Die Baubehörde ihrerseits ist primär für den Vollzug der Bauvorschriften zuständig, möchte aufgrund von politischem Druck möglichst viel Verantwortung delegieren und fühlt sich oft für den Gesundheitsschutz der Bauarbeiter nicht zuständig. Fazit: Das Vorkommen von gesundheitsgefährdenden Stoffen stört die verschiedenen Interessen regelmässig. Asbestvorkommen verteuern das Bau-, Umbau- oder Rückbauvorhaben und werden deshalb von allen Beteiligten oft ignoriert. Im Interview erklärt Roger Achermann, der eine Firma für die Entfernung von Asbest und anderen gefährlichen Materialien leitet, welche Auswirkungen das in der Praxis haben kann. Florencia Figueroa