Bau strebt nach Rekordhöhe

Bau strebt nach Rekordhöhe

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2010 war für die Bauwirtschaft ein Spitzenjahr und auch 2011 soll die Dynamik anhalten. Steigende Zinsen für langjährige Anleihen deuten darauf hin, dass die Konjunktur global an Schwung gewinnen könnte. Doch dann wäre mit Billigst-Hypotheken Schluss.
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Zahl der Baugesuche in den Jahren 2000 bis 2010.
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Die Weltwirtschaft erholt sich. Das Wachstum ist in den westlichen Industriestaaten aber noch fragil. Immerhin verzeichnen die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen in den USA und anderen Staaten seit kurzem einen ungewöhnlich starken Schub nach oben. So stieg der Zins für einen zehnjährigen Eidgenossen seit August um mehr als 1 Prozent auf 1,8; in zwölf Monaten soll er gemäss Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich auf 2,1 Prozent ansteigen. Bisher galt eine anziehende Zinskurve als zuverlässiger Indikator für eine positive Entwicklung der Wirtschaft. Doch angesichts der gravierenden Schulden vieler Länder ringen die Auguren heute um eine solche Gewissheit. Denn steigende Zinskosten erhöhen in diesen Ländern den Druck auf das Budgetdefizit.   

Starker Franken bremst den Export

Die Staatsbilanz der Schweiz ist hingegen kerngesund, da unser Land im Vorfeld der Krise als eines der wenigen nicht über seine Verhältnisse gelebt hat. Bereits die Rezession fiel deutlich schwächer aus als in den meisten westlichen Industrieländern. Allerdings zeichnet sich ab, dass der Aufschwung seit dem zweiten Halbjahr an Kraft verliert, wie die jüngsten Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) belegen. Der starke Franken drückt auf den Export, mit dem sich die Schweiz jeden zweiten Franken verdient. Zwar stieg im zweiten Quartal 2010 das inflationsbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch um 3,4 Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Das ist für schweizerische Verhältnisse beachtlich. Doch im dritten Quartal ging die Wachstumsrate auf 3 Prozent zurück.

Das Wachstum wird momentan hauptsächlich durch die Inlandnachfrage getragen, während der Aussenhandel, und hier insbesondere die Dienstleistungen, einen starken Dämpfer erhalten haben. Für das gesamte Jahr prognostizieren die Experten des Bundes ein BIP-Wachstum von 2,7 Prozent. 2011 soll es sich zunächst auf 1,5 Prozent verlangsamen, um dann 2012 mit 1,9 Prozent wieder an Schwung zu gewinnen. Die KOF indessen erwartet ein stärkeres Wachstum von 1,9 Prozent für 2011 und 2 Prozent für 2012. Die meisten Konjunkturanalysten liegen auf dieser optimistischeren Linie.

Für Prognostiker ein Platz in der Hölle

Einmal mehr irrten anfangs 2010 alle Konjunkturinstitute. Im Verlauf des Jahres korrigierten sie ihre Prognosen, die im Januar noch bei durchschnittlich 1,2 Prozent gelegen hatten, deutlich nach oben. Das aber scheint in der Natur der
Sache zu liegen: «Die Prognosen hinken leider hinter der Realität nach», sagt Jan-Egbert Sturm, Leiter der Konjunkturforschungsstelle KOF. Dazu verweist er auf eine internationale Studie, welche die Treffsicherheit von rund 100 renommierten Prognoseinstituten untersucht hat. Das Fazit zur vergangenen Rezession: Die Konjunkturforscher verpassten den Kriseneinbruch, deuteten den Wachstumseinbruch dramatischer als er war und hinkten hinter der anziehenden Konjunktur nach. Das Prognosegeschäft ist, so kann man positiv vermerken, für wirtschaftlich turbulente Phasen ein äusserst heikles Unterfangen. Weniger gnädig urteilte der mittelalterliche Dichter Dante in seiner «Göttlichen Komödie»: Er reservierte für die Vorhersager der Zukunft ein eigenes Abteil in der Hölle.

Zweitbestes Baujahr des Jahrzehnts

Die Daten des «baublatt»-Bauinfo-Centers sind eng gekoppelt an das tatsächliche Baugeschehen. Entsprechend verdeutlichen die Baugesuche, Baubewilligungen und Submissionen, die unter anderem erhobenen werden, eine reale, mittelfristige Entwicklung. Im Oktober und November 2010 ging die Zahl der Baugesuche zurück, ganz im Einklang mit der saisonalen Abkühlung der Bauwirtschaft im Winter. Die «baublatt»-Monatsstatistik zeigt aber auch, dass dieser Rückgang auf einem hohen Niveau erfolgt ist: Nachdem die Bauwirtschaft das Krisenjahr 2009 mit 52 700 Gesuchen respektive einem Rückgang von 2 Prozent fast unbeschadet überbrückt hatte, legten diese 2010, hochgerechnet bis Ende Jahr, um 5 Prozent auf 55 300 zu. Im Rückblick auf zehn Jahre wurden nur 2004 um 1,5 Prozent mehr Gesuche, nämlich 56 100, eingereicht. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase dümpelten diese von 2000 bis 2002 noch zwischen 42 000 und 44 400. Mit der anziehenden Konjunktur schnellten sie sodann um fast 15 Prozent auf 50 800 hoch. Ein zweiter Schub von 10,5 Prozent folgte unmittelbar danach im Spitzenjahr 2004.

Aussichten gut, Erträge schlecht

Der Bauwirtschaft steht ein starkes 2011 bevor.Gemäss dem KOF-«baublatt»-Indikator, der von der Konjunkturforschungsstelle Zürich unter Beizug von Docu Media-Daten ausgearbeitet wird, schwächt sich der Wohnbau zwar zunächst um 5 und die gesamte Bautätigkeit um 10 Prozent ab. Doch bereits in den ersten beiden Quartalen 2011soll der Wohnbau um je 18 Prozent und der Gesamtbau zuerst um 14, dann um 21 Prozent zulegen.

Trotz voller Auftragsbücher und hohen Cashflows schaut jedoch manche Baufirma mit Unbehagen in die Zukunft. «In den vergangenen Jahren hat sich im Bauhauptgewerbe ein teilweise ruinöser Preiswettbewerb entwickelt», sagt Alfonso Tedeschi, der beim Schweizerischen Baumeisterverband (SBV) die Wirtschaftspolitik leitet. Eine Umfrage des SBV bei den Mitgliedern ergab, dass 20 Prozent der Unternehmen für ihre Dienstleitungen einen Verlust hinnehmen und weitere 40 Prozent praktisch keinen Ertrag generieren. Nur gerade 14 Prozent erwirtschaften einen genügenden und 4 Prozent einen erfreulichen Gewinn. Der Tiefbau, der zu 80 Prozent von der öffentlichen Hand getragen ist, dürfte trotz Auslaufen der Konjunkturprogramme und Sparmassnahmen bei Bund und Kantonen nur wenig gebremst werden. Der Wirtschaftsbau, der als einziges Segment des Baus im Krisenjahr 2009 abflachte, dürfte 2011 wieder zulegen. Der Wohnbau mit einem Volumenanteil von über 50 Prozent bleibt die treibende Kraft der Branche. Die tiefen Hypothekarzinsen und die Immigration tragen hauptsächlich dazu bei.

Trotz Exzess kühlen Kopf bewahren

Platzt in der Schweiz bald eine Immobilienblase? Diese Frage beschäftigt Experten seit dem Immobiliendebakel in den USA, wo zwischen 2006 und 2008 die realen Immobilienpreise um 80 Prozent einbrachen. Tatsächlich sind in gewissen Regionen der Schweiz die Preise in den vergangenen fünf Jahren gewaltig emporgeschnellt, so beispielsweise am Genferseeufer um 30 bis 64 Prozent oder in der Stadt Zürich um 31 Prozent. «Wir erachten in einzelnen Segmenten und Regionen – namentlich etwa in Genf, einigen Zuger Gemeinden und solchen am Zürichsee sowie in bekannten Tourist Spots das erreichte Preisniveau nicht mehr als nachhaltig», hält die Credit Suisse in ihrem Immobilienmonitoring zum 4. Quartal fest. Zugleich doppelt sie aber nach, es gelte gegenüber den Schlagzeilen in den Medien kühlen Kopf zu bewahren und einiges zu relativieren. Der Hauseigentümerverband befragte zudem 80 Immobilienprofis. Die Umfrage ergab: 49 Prozent rechnen bei den Einfamilienhäusern mit stabilen und 42 mit steigenden Preisen. Weiterhin begehrt sollen die Mehrfamilienhäuser bleiben. Hier erwarten die Immobilienhändler zu 57 Prozent moderate und weitere zwölf sogar stark steigende Preise.  

2010 warnte die Schweizerische Nationalbank (SNB) mehrmals vor einer Immobilienblase und kritisierte die zu lasche Hypothekarvergabe der Banken. Vorsicht ist in ihrer Funktion eine unumstössliche Tugend. Um «eklatante Defizite» zu beheben und dem gesetzlichen Auftrag der Finanzstabilität Nachdruck zu verschaffen, strebt die SNB den Ausbau ihrer Kompetenzen in drei Bereichen an: Sie arbeitet erstens an einem Informationssystem, das die Vergabepraxis der Banken abbildet. Zweitens will sie eine verbesserte Regulierung der Hypothekenvergabe in den Weg leiten. Dazu fordert die SNB drittens, beispielsweise bei den Belehnungs- und Tragbarkeitsgrenzen der Hypothekarkredite mitentscheiden zu können.

Demgegenüber halten KOF-Leiter Jan-Egbert Sturm und Donato Scognamiglio, CEO des Immobilienberatungsunternehmens Iazi, den Banken zugute, dass sie Käufer von Wohneigentum vernünftig prüfen. Die Bauherren selbst treten gegenüber den Banken zunehmend kritisch und selbstbewusst auf. Mittels Comparis und anderen Internetplattformen informieren sie sich über den Hypothekenmarkt, um möglichst günstige Kreditbedingungen auszuhandeln. Doch hat der Trend der ausserordentlich tiefen Zinsen bereits gewendet. Jetzt sollte es zunehmend darum geht, die erreichten Vorteile ins Trockene zu bringen.
 
Urs Rüttimann