Aufstand der Architekten

Aufstand der Architekten

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Teaserbild-Quelle: Florencia Figueroa
Vorschriften und Standards, die der Nachhaltigkeit dienen, gelten im Allgemeinen als sinnvoll. Das sehen die ETH-Professoren des Departements Architektur ganz anders. Sie fühlen sich in ihrer gestalterischen Freiheit eingeschränkt und meinen, dass es heutzutage viel bessere Möglichkeiten gibt, um der CO2-Problematik zu begegnen. An einer Tagung Mitte November an der ETH Zürich stellten sie ihre Ansichten vor.
Florencia Figueroa
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Florencia Figueroa
Einer Meinung: An der ETH-Tagung fanden die Referenten klare Worte gegen den Minergie-Standard (von links) Annette Gigon, Gion Caminada, Moderator Hans-Rudolf Schalcher, Hansjürg Leibundgut, Andrea Deplazes und Werner Sobek.
 
Des Architekten liebste Farbe ist erfahrungsgemäss schwarz. Zur Fachtagung «Towards Zero-Emission Architecture» kamen denn auch die meisten dunkel gekleidet. Das veranlasste Moderator Hans-Rudolf Schalcher zur spontanen Frage, ob denn heute die Beerdigung von Minergie sei. So spassig der Witz auch klang, er konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wie ernst es den Referenten mit ihrem Anliegen war. Allen voran Hansjürg Leibundgut. Der ETH-Professor für Gebäudetechnik galt einst als wichtiger Verfechter der Minergie. Heute, zwölf Jahre später, nachdem sich das Label schweizweit als bedeutendster Standard durchgesetzt hat, versucht er die Bedeutung der Minergie abzuschwächen. Der Sinneswandel kommt nicht von ungefähr: Seit einiger Zeit schon glauben ETH-Professoren, dass das Label immer mehr zu einem Korsett verkommt, das architektonische Kreativität einschränkt. Ins Visier der Hochschule ist aber nicht nur die Minergie geraten, sondern bauliche Richtlinien wie beispielsweise die 2000-Watt-Gesellschaft oder die Gesetzgebung zur Begrenzung der CO2-Emissionen – sie alle behindern die Planer in ihrer Arbeit, ist man sich auf dem Hönggerberg gewiss. Aus diesem Grund haben Leibundgut und namhafte Architekten angefangen, sich gegen die immer strenger werdenden Vorschriften zu wehren.
 
Minergie, insbesondere der noch schärfere Standard P, der durch seine dicke Wärmedämmung laut den «Aufständischen» besonders einschränkend ist, diente vor allem zur Veranschaulichung des Problems. Deshalb musste das Label an der Fachtagung immer wieder als Beispiel für übertriebene Vorschriften herhalten. Marc Angélil, Vorsteher des Departements Architektur, ging sogar soweit und sprach in seinem Einführungsreferat von der Wärmedämmung als eine Art Verpackung, die die Struktur der Bauten, also das Essenzielle der Architektur, verstecke. «Davon müssen wir uns befreien, weil das zu einer universalen, normierten Architektur führt.» Auch Referent Gion Caminada, Architekt und ausserordentlicher ETH-Professor teilte diese Ansicht. Die zentrale Aussage seines Vortrags lautete denn auch: «Starre Regeln führen zu einer Verminderung der baulichen Vielfalt.» Unterstützung erhielt Caminada von namhaften Architekten wie Christian Kerez, Annette Gigon, Reto Pfenninger und David Leuthold. Sie betonten zudem, dass durch die «überdimensionierte Hülle» sehr viel Substanz verloren geht.

Nachhaltiges Bauen mal anders

Um eins klarzustellen: Der ETH Zürich geht es in keinster Weise darum, das nachhaltige Bauen infrage zu stellen. Im Gegenteil: Hansjürg Leibundgut betont, dass man unbedingt auf erneuerbare Energien umsteigen sollte. Ansonsten würden die CO2-Emissionen nicht eingedämmt und der Klimawandel würde weiter vorangetrieben: «Die Alternative zu den Fossilen ist die Sonne. Sie liefert 10 000 Mal mehr Energie, als die gesamte Erdbevölkerung verbraucht. Die Technologie für die Nutzung dieser Kraft ist längstens vorhanden. Man muss sie nur noch gebrauchen.» Statt aber auf starre Richtlinien und einschränkende Gesetze zu setzen, sollte man die Technik besser dafür verwenden, energetisch sinnvolle Gebäude zu bauen, die der Architektur keine Grenzen setzen. Voraussetzung dafür ist, dass man den Bau in seinem Kontext betrachtet und als ganzheitliches System versteht. Wie das aussehen könnte, veranschaulichte der ETH-Professor für Architektur Andrea Deplazes anhand der neuen Monte-Rosa-Hütte: «Die Ausgangslage für den Neubau war die vorhergehende Analyse der Umgebung. Unsere Fragen lauteten: Welche Energien sind vor Ort vorhanden? Welche Technik gibt es, um sie zu nutzen? Wie kann man die Technologien aufeinander abstimmen, sodass sie optimal und ergänzend zueinander funktionieren? Welche Baumaterialien eignen sich für die Umgebung? Und wie soll das Gebäude in sein Umfeld integriert werden? Wie transportieren wir das Baumaterial hierher?» Das Resultat dieser Analyse ist ein energieautarkes Haus, das null Emissionen verursacht und die Menschen in puncto Architektur und Design weltweit begeistert.
 
Die neue Monta-Rosa-Hütte ist aber nur eine Variante, wie man nachhaltiges Bauen und gute Architektur in Einklang bringen kann. So zeigte Werner Sobek, Professor an der Universität Stuttgart, eine ganze Palette von technischen Erfindungen zur Minderung von Emissionen im Bau. Zum Beispiel poröse Betonwände, die mit 60 Prozent weniger Material auskommen und sich in der Konstruktion an den menschlichen Hüftgelenkknochen orientieren.
 
Hansjürg Leibundgut hingegen stellte sein eigenes System vor (siehe «baublatt» 48/2010 und 32/2010): «Das Prinzip ist einfach und wird am Bürokomplex HPZ auf dem Campus Science City der ETH Zürich eingesetzt.» Mit Sonnenkollektoren wird im Sommer die Wärme eingefangen und in Erdspeichersonden gelagert. Was im Sommer im Boden an Energie gespeichert wird, steht das ganze Jahr über für Warmwasser zur Verfügung – und im Winter auch für die Beheizung. Über Kühlgeräte und Ventilatoren wird die Energie in einen Wasserkreislauf, der mit den Erdspeichersonden verbunden ist, transportiert. Diese fungieren dabei als Wärmetauscher. Dank diesem System muss das Haus nicht mehr stark gedämmt werden, weil die Energie CO2-neutral ausfällt. Egal ist in diesem Fall auch, wenn sie nutzlos verpufft. Das klingt im ersten Moment etwas merkwürdig, geht aber mit der Theorie des Tagungsthemas «Towards Zero-Emissions Architecture» einher.

«Ein-Tonnen-CO2-Gesellschaft» nahe

Die neue Theorie besagt, dass man Energie nicht wie bisher um jeden Preis sparen muss. Stattdessen soll man sie konsumieren, jedoch so, dass keine Verunreinigungen mehr verursacht werden. Mit anderen Worten: Der Energieverbrauch wird von den Emissionen entkoppelt. «Auf diese Weise reduziert sich der CO2-Ausstoss. Pro Kopf würde nur noch eine Tonne benötigt», sagt Hansjürg Leibundgut.
 
Die ETH Zürich spricht seit einiger Zeit deshalb nur noch von der «Ein-Tonnen-CO2-Gesellschaft». Dieser Begriff zeigt, in welche Richtung die technische Hochschule gehen möchte. Der vollzogene Richtungswechsel sieht sie jedoch nicht als Bruch mit den bisherigen Methoden des nachhaltigen Bauens, sondern vielmehr als Weiterentwicklung. Dass es geht, ist nur den erneuerbaren Energien zu verdanken, die erstens keine Verunreinigung verursachen, und zweitens im Überfluss vorhanden sind. Hinzu kommt, dass die neuen Technologien soweit ausgereift sind, dass man die erneuerbaren Energien problemlos nutzen kann. Mit ihnen können sogenannte Null-Emissionen-Häuser gebaut werden.
 
Der Richtungswechsel kann allerdings nur gelingen, wenn er in der Wissenschaft, Politik, Industrie, Handwerk, Standesverbänden, Bewilligungsbehörden und Architektur breit abgestützt wird, so die Meinung der ETH-Professoren. Florencia Figueroa
 
Siehe dazu auch "Minergie antwortet auf ETH-Debatte".