Auf die Spitze getrieben

Auf die Spitze getrieben

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Teaserbild-Quelle: zvg
Das bedeutendste verkehrsraumprägende Kunstwerk der Schweiz ist vollendet. Zwei Objekte auf benachbarten Kreiseln werden über ein 140 Meter langes Stahlseil miteinander verbunden. Der Entwurf stammt vom griechischen Künstler Costas Varotsos und bildet den Auftakt zur Region «Future Valley Lucerne».
 
 
 
Die Lage könnte nicht besser sein: Zwischen dem Steuerparadies Zug und der Leuchtenstadt Luzern befindet sich das Rontal mit seinen acht Gemeinden Buchrain, Dierikon, Ebikon, Gisikon, Honau, Root, Udligenswil und Inwil. Und trotzdem fehlt der Gegend östlich des Rootsees, was die beiden Nachbarn so attraktiv macht – der landschaftliche Reiz eines idyllischen Gewässers in Kombination mit der nahen Alpenkette. So erstaunt es nicht, dass beispielsweise die Gemeinde Ebikon seit 1990 nur wenige Neuzuzüger – rund 800 – begrüssen konnte.

Vom Rontal zum Future Valley Lucerne

Das Tal steckt tief in einem strukturellen Wandel und die Verantwortlichen versuchen, diesen mit einem zukunftsgerichteten Leitbild zu bewältigen. Nicht Wachstum um jeden Preis heisst das Motto, sondern eine qualitativ hochstehende Entwicklung wird angestrebt. Ausdruck dafür sind das D4 Business Center Luzern sowie der Technopark Luzern, die seit bald vier Jahren in Betrieb sind und bereits über 80 Firmen einen vielseitigen Standort bieten. Wirtschaftliches Rückgrat bilden aber nach wie vor die alteingesessenen Firmen Schindler, Migros und die Perlen Papier. Seit 2003 vernetzt der Verein Chance Rontal wirtschaftliche und politische Kräfte über die Gemeinde- und Parteigrenzen hinweg und macht seine Vision mit dem Logo «Future Valley Lucerne» deutlich.
Mit dem Kreiselkunstwerk erhält die Gegend eine auffällige Landmarke, die Ankömmlinge auf den Beginn des Rontals respektive des Future Valley Lucerne aufmerksam macht. Die Initianten, der Verein Kunst im Rontal, lancierten bereits 2006 die Idee mit einem optischen Zeichen auf die Entwicklung der Gegend aufmerksam zu machen. Den nachfolgenden internationalen Wettbewerb gewann der griechische Künstler Costas Varotsos mit seinem Vorschlag «Tension-Energy». Ihm war es als einzigem Teilnehmer gelungen, zwei Kreisel nicht nur virtuell, sondern physisch miteinander zu verbinden.
 
Während im grösseren Rondell eine 25 Meter hohe Stahlnadel steht – Ausdruck für Zukunft und Dynamik –, befindet sich im benachbarten Rund die 4,5 Meter messende Betonschale «Hemisphäre». Sie soll die Tradition und Verbundenheit mit der Scholle dieser Gegend signalisieren. Beide Objekte werden über ein 140 Meter langes Stahlseil miteinander verbunden. «Erst wenn die beiden Pole des Fortschritts und der Tradition miteinander verbunden sind, dann entsteht Spannung und Energie – eben Tension Energy», so der Urheber des Werks, Costas Varotsos. Der Künstler aus Griechenland ist in der Schweiz kein Unbekannter. In Bützberg und Steffisburg stehen öffentliche Arbeiten von ihm, während das renommierte Lausanner Museum Mu.dac ein Werk in der Sammlung hat. Zudem stehen seine Objekte in verschiedenen Schweizer Privatsammlungen.
 
 

Die Kunst als Teamwork

Die Idee mit der Nadel, dem Seil und der Schale hatte der Künstler bereits zu Beginn: «Schon am ersten Tag im Rontal sah ich die Idee vor mir. Es war mein Ziel, diesen Zugang zu einem eigentlichen Ort zu machen, denn er ist für die Arbeit am ehrlichsten, am wahrhaftigsten.» Durch seine lange Erfahrung mit Kunstwerken dieser Art, stand für Varotsos schnell fest, was konstruktiv überhaupt möglich ist.
 
 Und so erstaunt es nicht, dass für das realisierte Werk nur eine Änderung bei der Neigung der Nadelspitze vorgenommen wurde. Im Austausch mit dem verantwortlichen Bauingenieur definierte der Künstler diese neu: «Zusammen mit Martin Dietrich entwickelte ich eine etwas andere, spannendere Form, die weniger geneigt, dafür zur Spitze hin mehr gekrümmt war.» Für den Kunstprofessor der Universität Thessaloniki ist es wichtig zu betonen, dass sein Werk Tension-Energy ohne andere Beteiligte in dieser Art gar nicht zustande gekommen wäre. Denn erst im Dialog mit Freunden, Ingenieur und Bekannten hätten sie die ideale Lage definiert. Kein Wunder also, dass Varotsos während der ganzen Aufbauphase anwesend war und sich immer wieder mit den beteiligten Handwerkern besprach. «Die grösste Herausforderung für mich bestand darin, die gestalterischen Ideen des Künstlers mit den Anforderungen der Statik, Dynamik, Verkehrssicherheit und Dauerhaftigkeit unter Berücksichtigung von Ausführbarkeit und Kosten zu kombinieren», bringt Ingenieur Martin Dietrich die Herausforderungen auf den Punkt. So unterteilte er beispielsweise die aus einem Guss erscheinende Riesennadel in 27 Segmente mit variablen Längen.
Der verantwortliche Unternehmer von Niederhäusern AG Metall- und Stahlbau aus Erlenbach i/S lieferte ein Bravourstück ab, denn von aussen scheint die Nadel aus einem Guss zu sein. Doch der Schein trügt: Im Innern der einzelnen Abschnitte befindet sich einem Menschenskelett ähnlich jeweils eine stabilisierende Tragkonstruktion, während die sichtbare «Haut» nur wenige Millimeter Stahlblech dick ist. Allein um die Zugkraft des leicht durchhängenden Seiles abzufangen, krümmt sich die Spitze der Nadel um zusätzlich einen halben Meter.
 
Auch der Seilhersteller, die Jakob AG aus Trubschachen, sah sich vor eine nicht alltägliche Aufgabe gestellt. Weil sich die exakte Länge des Seiles theoretisch nur bedingt ermitteln liess, war das Angelieferte rund 145 Meter lang. Im Lauf der Montage wurde es gespannt und auf die definitive Länge von 139 Metern gekürzt.
 
Die Herstellung der Betonschale war für die Implenia ein eher exotischer Auftrag. Weil der Künstler die Oberflächen so glatt wie nur möglich wünschte, gossen die Spezialisten ein Muster. Dadurch erhielten sie viele Hinweise, wie bei der definitiven Ausführung vorzugehen war. Und das Resultat verblüfft: Keine Unebenheit ist auf der grossen Halbschale «Hemisphäre» zu entdecken, keine raue Stelle. Das 14 Tonnen schwere Objekt wurde in einer Nachtaktion unter Aufbietung einer Polizeieskorte von Rümlang nach Root transportiert und sogleich versetzt. Spezialmörtel und selbstverdichtender SSC-Beton erlaubten eine schnelle Montage, sodass am nächsten Morgen bereits das Verbindungsseil gezogen werden konnte.

Standfest, auch bei einem Unfall

Für Schweizer Strassenverhältnisse wirkt die Verbindung zweier Kreisel mit einem Seil über der Fahrbahn ziemlich gewagt. Was passiert, wenn sich ein Lastwagen mit seinem Aufbau im Seil verheddert, dieses mitschleppt oder sogar zerreisst? Fällt die Nadel, kippt die Betonschale? «Alles im grünen Bereich», beruhigt Martin Dietrich. Tiefster Punkt des Seils sei 4,6 Meter über der Strasse, und weil die grössten Motorfahrzeuge in der Schweiz nicht höher als 4,5 Meter sein dürfen, löse sich dieses Problem quasi von selbst. Die Beton-Hemisphäre wird bei einem Crash also nicht einfach wegrollen: Im Sockel befinden sich Stahlhalterungen, die die Schale auch ohne Seilspannung stabilisieren. Und die Stahlnadel ist auf einem 1,5 Meter hohen Betonpodest platziert, das starke Aufprallkräfte abzufangen vermag. Martin Dietrich hat Erfahrung mit Bauwerken an exponierten Lagen: In Steffisburg realisierte er in demselben Team eine rund 45 Meter lange Stahlschlange, die ebenfalls über eine Strasse gespannt ist, und in der Thunerseeregion wird dieses Jahr noch eine 340 Meter lange Fussgänger-Hängebrücke realisiert. (tst)

Root/LU: Kunstprojekt «Tension-Energy» Costas Varotsos

 
 

Root/LU: Kunstprojekt «Tension-Energy» Costas Varotsos

 
 
Am Bau Beteiligte:
•Auftraggeber
Verein Kunst im Rontal
•Künstler
Prof. Costas Varotsos
•Bauingenieur
Martin Dietrich, Theiler Ingenieure, Thun
•Stahlseil und Montage
Jakob AG, Trubschachen
•Stahlnadel und Montage
von Niederhäusern AG, Erlenbach i/S
•Kreisel und Betonschale
Implenia Bau AG, Zürich
 
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