Archäologische Grabungen in Santa Maria

Archäologische Grabungen in Santa Maria

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Am Ortsrand von Santa Maria Val Müstair wurden die Überreste einer mittelalterlichen Kapelle freigelegt. (Alle Fotos: Archäol. Dienst Graubünden)

In Santa Maria Val Müstair wurden in diesem Sommer bei Grabungen die Überreste einer mittelalterlichen Kapelle freigelegt.

Ärchäologische Fundstellen sind immer eine kleine Sensation. Doch sie werden nicht immer positiv aufgenommen, besonders Bauherren sind selten erfreut. Denn stossen Bauarbeiter bei der Erschliessung eines Baugeländes auf Fundstücke, sind sie nach dem Gesetz verpflichtet, diese zu melden. Für ein Bauvorhaben bedeutet das Verzögerung oder, das allerdings sehr selten, gar die Einstellung oder Modifikation des Projektes. Auch in Santa Maria mussten sich die privaten Häuschenbauer etwas gedulden, bevor der erste Spatenstich erfolgen konnte. Doch inzwischen wird gebaut.

Viele Details über die mögliche Position von archäologisch bedeutsamem Gebäuden oder Zonen sind bekannt. «Wir können uns auf gut 150 Jahre Erfahrungen stützen. Besonders geschichtliche Details, Namen, aber auch Dokumente und frühere Fundstücke geben Hinweise auf mögliche Lageorte», berichtet der Graubündner Kantonsarchäologe Thomas Reitmaier. Die Kenntnisse sind in Zonenplänen festgehalten, in die neue Funde laufend integriert werden. Doch oft entsprechen Beschreibungen und frühere Landaufteilungen nicht mehr den heutigen Parzellen. Sie bilden dennoch weiter eine wichtige Grundlage für die Arbeit der Archäologen.

Im Falle Santa Maria waren es der Flurname der Bauparzelle «Sonch Antöni» und alte Urkunden, die als Quelle dienten. Diese belegen, dass der Priester Johannes de Grava aus Müstair im Jahr 1228 an dieser Stelle ein Grundstück erworben hat. Darauf liess er eine Kapelle errichten  und eröffnete ein Hospiz für die Aufnahme von Reisenden und Armen sowie für die Pflege Kranken. Nach wenigen Jahren schon wurde das Hospiz aufgegeben. Letztmals wird es 1239 erwähnt.  Mehrere Jahrhunderte überdauerte hingegen die kleine Kapelle. Ende des 14. Jahrhunderts gehörte ein Kirchlein mit dem Namen «Sancta Maria Magdalena» zum Kloster Müstair. Ende des 15. Jahrhunderts soll eine Einsiedlerin dort gelebt haben. Im 17. Jahrhundert, wahrscheinlich im Jahr 1635, wurde die Kapelle im Laufe der Bündner Unruhen von Soldaten zerstört, nicht wieder aufgebaut und verfiel. Nach und nach verschwanden die Zeichen, die Mauern stürzten ein, Material wurde für den Bau anderer Gebäude abtransportiert. Ablagerungen versteckten noch vorhandene, intakte Gebäudeteile. Schon immer wurde in diesem Gebiet der Standort eines mittelalterlichen Sakralbaus vermutet.

Erste wichtige Anhaltspunkte

Der geplante Bau eines Privathauses mit Atelier brachte erste Fundstücke zutage. Die Bauherren, ein Künstlerpaar, reagierten sehr aufgeschlossen  und interessiert auf die Funde. Die Gemeinde und der zuständige Archäologischen Dienst Graubünden (ADG) wurden informiert, der Kontakt zwischen Archäologen und Bauherrschaft aufgenommen. Mehrere Mitarbeiter des AGD sind in unmittelbarer Nähe, im Benediktinerkloster St. Johann im Müstair stationiert. Sie begleiten seit den 60er-Jahren die fortwährenden Restaurierungsarbeiten in der Anlage aus der Karolingerzeit, die 1983 von der Unesco in die Liste als Weltkulturerbe aufgenommen wurde. Auch Bauarbeiten in Santa Maria wurden von Beginn an von Experten des Archäologischen Dienstes GR überwacht.

Bereits im vergangenen Herbst wurde Meldung erstattet. Dennoch wurde dann nicht sofort gegraben. «Wir haben zunächst die Baugenehmigung abgewartet. Die Arbeiten werden erst aufgenommen, wenn ein Baugesuch definitiv bewilligt wird.», erläutert der verantwortliche Grabungsleiter Christoph Walser. «Archäologische Befunde und Strukturen, die unangetastet im Boden bleiben können, sind am besten geschützt.» Im Fall Santa Maria im Münstertal bedeutet dies, sich bis zum Frühjahr zu gedulden. Mit der wärmeren Jahreszeit beginnt auch die Hochsaison für die Archäologen. Dann kann im frostfreien Gelände losgelegt, gegraben, gepinselt, staubgesaugt und Fundstücke gesichert werden.

In Santa Maria wurde am 15. April das Grundstück abhumusiert, hierbei kamen die ersten Mauerzüge zum Vorschein. Fünf Tage später begannen die Ausgrabungsarbeiten. «Es war vereinbart worden, dass die Arbeiten von Anfang an von uns begleitet werden. Dabei sollte möglichst schnell verfahren und das obere Erdreich abgetragen werden», berichtet Christoph Walser. Innerhalb sieben Wochen musste das Gelände wieder dem Bauherrn übergeben werden. Die Experten waren bereits anwesend, als der Bagger nach Ostern für den maschinellen Abtrag der Grasnarben aufrollte. Sofort kamen erste Mauerreste zum Vorschein.

Archäologen haben dank ihrer Erfahrungen und Aufzeichnungen einen guten Instinkt, was sie im Boden vorfinden könnten. Doch in diesem Fall gab es einige Überraschungen. Teilweise war das Mauerwerk eingestürzt. Dies war einerseits auf Zerstörung durch Menschenhand, aber auch durch die Bewegungen des hangseitigen Erdreichs in den vergangenen Jahrhunderten zurückzuführen. Doch die Archäologen stiessen auch auf intaktes Mauerwerk bis zu einer Höhe von 1,80 Meter, zudem auf ein vermauertes Portal. «Bemerkenswert ist vor allem die zweiräumige Gliederung der Kapelle mit dem erhaltenen Altar im Osten. Zudem wurden Münzen und Freskenfragmente entdeckt, die auf die Ausstattung des Kirchleins schliessen lassen.» Die Kapelle nahm eine Grundfläche von 11 x 6 Metern ein. Die Fundstücke ermöglichen es, die Baugeschichte der Anlage genauer nachzuvollziehen. So ist bereits ersichtlich, dass die Kapelle im Laufe ihrer Geschichte mindestens einmal renoviert wurde.

Dann eine weitere Überraschung: Im Aussenbereich wurde ein kleiner Friedhof freigelegt. 31 komplette Skelette von Kindern, Frauen und Männern legten die Archäologen frei, zudem unzählige nicht genau zuordenbare Knochen und Skelettteile.

Tausende Fotos wurden gemacht und Detailpläne erstellt, die dabei helfen werden, die neuen Erkenntnisse für spätere Zeiten zu dokumentieren, zudem alle beweglichen Fundstücke gesammelt und abtransportiert. Sie werden in den kommenden Monaten am Sitz des Archäologischen Dienstes Graubünden in Chur von Restauratoren untersucht, ausgewertet, katalogisiert und für die Konservierung aufbereitet. Diese Arbeiten der Spezialisten im Labor und Büro haben mindestens die gleiche Bedeutung und Dauer der Grabungen im Feld.


Schwere Entscheidung

Die archäologischen Ergebnisse und die Bedeutung der Funde entscheiden über die weitere Vorgehensweise vor Ort. In Santa Maria waren die Grabungen wie vorgesehen nach genau sieben Wochen beendet. Die unerwarteten Skelettfunde hatten die Archäologen noch zu rekordverdächtiger Eile getrieben. Erst nachdem alle Funde gesichert waren, konnte das Gelände freigegeben werden. Nur die Grundmauern blieben stehen. «Unsere Ergebnisse und Funde sind sozusagen ein Ersatz für das zerstörte Denkmal. Das Beste für ihren Erhalt wäre allerdings, sie nur zu sondieren und möglichst unberührt im Boden zu belassen», betont Christoph Walser. Dort haben sie Jahrhunderte oder Jahrtausende überdauert. Jeder Eingriff in dieses homogene Gefüge birgt die Gefahr der Zerstörung unwiederbringlicher archäologischer Schätze.

Auch im Fall der kleinen Kapelle in Santa Maria mussten die Graubündner Archäologen eine Entscheidung treffen. Das fällt ihnen nie einfach, denn ein geschichtliches Zeugnis wird unwiederbringlich zerstört. Eine Verlegung des Neubaus war nicht möglich. In gemeinsamen Gesprächen wurde versucht, die Kubatur und Dimension des Neubaus zugunsten des archäologischen Denkmals zu verändern. Die Möglichkeiten waren allerdings sehr limitiert. Der westliche Teil des historischen Gebäudekomplexes sowie das Friedhofsareal durften daher zerstört werden, jedoch unter der Bedingung, dass vorher archäologische Ausgrabungsarbeiten stattfinden. Der Chorbereich sowie der Altar blieben erhalten und werden nach Beendigung der Bauarbeiten wieder zugeschüttet. Dort sind sie am besten geschützt und kommen vielleicht irgendwann in Jahrzehnten oder Jahrhunderten wieder zum Vorschein. Doch dann reicht ein Blick in die Datenbank, um die vermeintliche Sensation sofort aufzuklären.

Es besteht Meldepflicht

In Santa Maria handelten die Bauherren präzise und pflichtbewusst. Doch das ist nicht immer so. «Oft haben wir Vorkenntnisse und überwachen Grabungsarbeiten und Bautätigkeiten in diesen Zonen. Doch stösst jemand zufällig auf Überreste, ist der Finder per Gesetz verpflichtet, dies zu melden. Unterlassung ist eine Straftat», betont der Kantonsarchäologe. Die Grundlage dafür bildet das kantonale Natur- und Heimatschutzgesetz. Alle historischen Funde sind kollektiver Besitz. Sie dienen dem ethischen Verständnis der eigenen Geschichte. Doch nicht jeder Fund ist auch von historischem Wert. Deshalb sollten die Experten sofort konsultiert werden. Nach einer ersten Sondierung können sie sehr schnell Auskunft erteilen. «Wir haben keinen Röntgenblick, aber es lässt sich relativ schnell und sicher und damit auch zeitlich klar definieren, ob und wie lange gegraben werden muss», so Thomas Reitmaier.

Nach der Meldung eines Fundes ist der Ablauf quasi automatisiert. Die Archäologen begeben sich vor Ort, um die Lage zu sondieren. «Natürlich haben wir auch Verständnis für die Bauherren, die drängen. Auch wir sind bemüht, die Baustelle möglichst schnell wieder freigeben zu können», erklärt Reitmaier. Die Kontrollen sind obligatorisch. Erwiesen sich die Fundstücke als nicht bedeutungsvoll, könne der Bauherr sofort die Arbeiten wieder aufnehmen. Doch werden archäologisch wichtige Fundstücke diagnostiziert, besteht eine «Duldungspflicht». Der Grundstückseigentümer oder Bauherr muss weitere Grabungen und Forschungen zulassen. Gegebenenfalls wäre auch eine Entschädigung vorgesehen, falls durch den Baustopp enorme finanzielle Beeinträchtigungen entstehen. Auch eine Enteignung wäre möglich, erweisen sich die Funde als Objekte von herausragender Bedeutung.

Rund 1000 archäologische Standorte sind allein in Graubünden bekannt, ungefähr die gleiche Anzahl wird noch verborgen unter Geröll und Erdreich vermutet. Oft spielt der Zufall mit, besonders bei Funden aus prähistorischer Zeit, wie die gefundenen Überreste von Höhensiedlungen. Sie kommen erst jetzt zutage, nachdem Standorte ab 2000 Meter über dem Meeresspiegel ein immer interessanteres touristisches Bauterrain werden. Schon vor Jahrtausenden dienten alpine Hochflächen zur Rast bei der Alpenüberquerung oder als Siedlungsort. Meistens handelt es sich bei den Funden um Lagerorte mittelsteinzeitlicher Jäger. Die Graubündner Archäologen werden also auch in Zukunft alle Hände voll zu tun haben.(cb)


Der Artikel erschien im Baublatt, Ausgabe 35,  vom 28. August 2015.