«Am Abend fühlt man sich wie eine halblebendige Fliege»

«Am Abend fühlt man sich wie eine halblebendige Fliege»

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Teaserbild-Quelle: Sylvia Senz
Dass es auf Dächern wegen des stetigen Luftzugs kühler sei als an anderen Arbeitsplätzen, ist laut dem Gebäudehüllen-Spezialisten Hans-Peter Steffen ein Gerücht. Das Tragen schwerer Lasten oder die Arbeit mit besonderen Materialien, vor allem im Fassadenbau, erschwert die Arbeit enorm.
 
Sylvia Senz
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Ziegel schleppen ginge ja noch. Dachpappenrollen wiegen zwischen 30 und 40 Kilo.
 
Vom Zahn zum Ziegel – auf die Dächer kam der Obwaldner Hans-Peter Steffen mit Jahrgang 1963 durch Zufall oder Schicksal. Er begann eine Lehre als Zahntechniker. Dann verunglückte sein Lehrmeister, und um einen neuen der damals in diesem Beruf rar gesäten Ausbildungsplätze zu finden, hätte er zwei Jahre warten müssen. Zu lange, meinte sein Vater und organisierte ihm eine Lehrstelle als Dachdecker. «Es hat mir gefallen», sagt Hans-Peter Steffen dazu. Nach vier Jahren am Gymnasium hatte er nämlich festgestellt, dass nur Kopfarbeit nichts für ihn war, weshalb er einen handwerklichen Beruf wählen wollte.
 
«Dachdecker» darf man heutzutage eigentlich nicht mehr sagen. Als Steffen seine Ausbildung begann, habe diese Bezeichnung noch gestimmt. Inzwischen nenne man sich Gebäudehüllen-Spezialist. Während heute nach einem Grundstudium eine Spezialisierung in den Bereichen Steildächer, Flachdächer, Gerüstbauer oder Fassadenbauer stattfindet, «habe ich noch alles gelernt». Steffen, der drei Kinder hat, ist seit elf Jahren selbstständig und führt in Adliswil und Rüschlikon im Kanton Zürich je ein Geschäft mit total acht Angestellten. «Wir können alles abdecken. Acht Leute sind meiner Meinung nach die Grenze, wo man selber auch noch handwerklich tätig sein kann und sich nicht nur um Organisatorisches oder die Kundenbeziehungen kümmern muss. Ich bin gerne im Büro, aber auch sehr gerne draussen», sagt er.
 

Saddam Hussein getroffen

Mit der Wüstenhitze konnte sich der junge Mann in seinem dritten Lehrjahr besonders vertraut machen. Während des Kriegs zwischen dem Irak und Iran Anfang der 80er-Jahre hielt er sich wegen eines Auftrags in Bagdad auf. «Wir haben dort ein Spital gebaut. Früh, als es noch kühl war, arbeiteten wir auf dem Flachdach. Als die Temperatur gegen Mittag auf 35 Grad kletterte, wechselten wir zur Fassade. Diese musste übrigens picobello fertig sein, als Saddam Hussein mit dem Auto daran vorbei fuhr. Ich habe ihn dann auch mal persönlich getroffen.» Das Spital überlebte nicht lange. Es endete als eine Art Garage für Panzer, die die Wände einfach weggewalzt hatten. «Ich erinnere mich vor allem daran, wie schlecht die Arbeiter von ihren eigenen Leuten behandelt wurden.»
 

Wassereimer zum Schere-Kühlen

Mit der Hitze und ihren Schattenseiten machte er kurz nach der Lehre als 19- oder 20-Jähriger schmerzhaft Bekanntschaft. Nach der Arbeit auf einem Kupferdach, «wo es sowieso heiss ist», bekam er einen Sonnenstich, weil er ohne Sonnenbrille und Hut gearbeitet und dazu noch zu wenig getrunken hatte. «Das ist mir eingefahren», sagt er. Und erwähnt nebenbei, dass man auf Kupfer- oder Blechdächern für die Schere unbedingt einen Eimer mit Kühlwasser mitnehmen müsse. Früher habe noch kein solches Bewusstsein beim Arbeiten in Hitze und unter stechender Sonne geherrscht wie heute. «Jetzt tragen die verbreiteten Präventionsanstrengungen Früchte. Immer wieder wird Sonnencreme verteilt.» Die Suva-Kampagnen begrüsst er: «So wissen wir, wie schädlich die Sonne und wie wichtig der Sonnenschutz ist.»
 
«Unser Beruf spielt sich ja hauptsächlich draussen ab, während die Spengler und Zimmerleute auch drinnen tätig sein können.» Im Freien arbeiten zu können findet er gut, «aber es hat auch seine Schattenseiten». Zum Beispiel wenn mit Stein- oder Glaswolle an den Fassaden gearbeitet wird. Das Schwitzen wird zum Problem, wenn Arme und Beine nicht bedeckt sind. Dann bleiben die kleinen Kristalle kleben, und wer ein Jucken verspürt, kratzt sie sich in die Haut ein. «Viele tragen zwar einen Mundschutz, aber man sieht doch oft Arbeiter, deren Körper nicht komplett bedeckt sind. Hüte sind mittlerweile Standard. Ich trage immer lange Hosen, schon wegen der Kunden.» Nicht immer gelingt es, einen Sonnenbrand zu vermeiden. Auch Steffen nicht. «Vor allem wenn die Kleidung durch den Schweiss verrutscht, kann die Haut an den Rändern verbrennen.»
 
Regelmässige Pausen am Schatten sowie eine regelmässige Flüssigkeitsaufnahme sind ein Muss. «Als Pausenmotivation bringe ich hin und wieder mal eine Glace mit.» Fünf bis sechs Liter Wasser braucht man mindestens während der acht bis neun Stunden dauernden Arbeitszeit. «Alkohol ist inzwischen wirklich tabu; das war vor 30 Jahren noch anders», erzählt er. Es ist eine höllisch heisse Arbeit: Von den Blechdächern war schon die Rede, aber auch die Flachdächer mit einer Kunststoffdeckung reflektieren stark. «Schnell einmal wird es 50 Grad heiss. Man denkt vielleicht, dass dort oben immer ein kühler Wind wehe. Aber das ist nicht unbedingt der Fall. Da gibt es oft Stellen, wo sich luftmässig gar nichts bewegt.»
 

Im Sommer mehr arbeiten

Die besten Jahreszeiten für diese Branche sind Frühling und Herbst. «Im Sommer kann die Hitze ein Problem sein, aber dann wissen wir wenigstens, dass es ein paar schöne Tage gibt, an denen man viel erledigen kann. Deshalb arbeiten wir dann mehr als im Winter. Das liegt natürlich auch daran, dass es länger hell ist.» In der Regel beginnt die Arbeit früher und endet auch dementsprechend früher. Bei sehr schlechtem Wetter ist trotz Regenschutz das Arbeiten oft unmöglich. Vor allem auf dem Dach – weniger bei den Fassaden – sei man sehr wetterabhängig. Sucht sich Hans-Peter Steffen dann für seine Ferien einen kühleren Ort? «Wir bleiben gern zu Hause. Ich arbeite im Haus und Garten. Hier ist für uns der beste Ferienort.» Früher war Steffen Fussballer und Schiedsrichter, heute schaut er die Spiele nur noch am Fernsehen. Und er muss eine Weile überlegen, bis ihm einfällt, wann die Familie zuletzt weggefahren ist.
 
Hans-Peter Steffen engagiert sich auch für den Nachwuchs. In der Oberstufe der Adliswiler Schule bietet er regelmässig Schnuppertage an. Bisher hat er rund zehn Schüler zur Arbeit mitgenommen. «Es ist ein harter Job, wie ein Sport, die Fitness bekommt man durch die Arbeit, weil wir uns den ganzen Tag bewegen und eine Menge schwerer Lasten tragen. Man muss schon kräftig sein, um eine 30 oder 40 Kilo schwere Dachpappenrolle zu schleppen. Diese Stunden an der prallen Sonne unterschätzt man oft. Am Abend fühlt man sich wie eine halblebendige Fliege. Die Arbeit belastet den Körper, kein Wunder, dass man in diesem Beruf nur selten Leute über 55 Jahre antrifft.» Sylvia Senz